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Neue Einkaufsstrategie der M-Industrie

Die Migros-Industrie zentralisiert und strafft ihren Einkauf von Verpackungen. Das hat in der Branche für Wirbel und Unmut gesorgt. alimenta hat mit den Verantwortlichen gesprochen.

von Roland Wyss

«Künftig werden alle Verpackungen gemeinsam für die ganze M-Industrie gebündelt und ausgeschrieben.» Micaël Müller, Leiter des strategischen Einkaufs Verpackungen. Links Thomas Schmid, Leiter strategische Beschaffung M-Industrie.

Die Migros-Industrie ist für den Schweizer Lebensmittelmarkt ein wichtiger Player. Sie verkauft Waren im Wert von gut sechs Milliarden Franken. Sie ist der grösste Abnehmer von Rohstoffen der Schweizer Landwirtschaft. Um ihre Produkte verpacken zu können, kauft sie auch Verpackungen bei Schweizer Firmen ein. Und ein paar dieser Firmen hat die Migros-Industrie verärgert. Die Lieferantentage im Mai, an denen die letzte Verhandlungsrunde durchgeführt wurde, bleibt manchen Vertretern von Verpackungsherstellern, die nicht öffentlich auftreten wollen, in schlechter Erinnerung. Die Fachzeitschrift «Packaktuell» bezeichnete das Vorgehen von Migros als «Lieferantenbeugehaft». Die Verpackungslieferanten seien an den MGB-Hauptsitz am Limmatplatz eingeladen und voneinander abgeschirmt in fensterlose Büros platziert worden. Die Einkäufer hätten, unterstützt von englischsprachigen Beratern, die Offerten eingeholt, und damit die Lieferanten gleich vor Ort gegeneinander ausgespielt. In anonymen Reaktionen, die «Packaktuell» veröffentlichte, hiess es: «Schon lange wird das Verhalten der Migros hinter vorgehaltener Hand angeprangert», «… uns bewegt und stört die Scheinheiligkeit der Migros», und «Selten hat eine Herausforderung solche Bauchschmerzen verursacht wie das Vorgehen der Migros gegenüber ihren Verpackungslieferanten.» alimenta hat darüber berichtet.

Verpackungen werden neu zentral beschafft

Worum geht es? Setzt die Migros-Industrie ihre Lieferanten nun massiv unter Druck, um bei den Verpackungen einzusparen? Setzt der Grossverteiler, der sich bei den Kunden stark mit Schweizer Produkten profiliert, im Einkauf knallhart auf die günstigsten Angebote aus dem Ausland? Das ist Ansichtssache. Tatsächlich setzt die Migros-Industrie die Weiterentwicklung ihrer Einkaufsstrategie um, die seit der Aufhebung des Mindest-Euro-Kurses vom 15. Januar 2015 noch wichtiger geworden ist. «Damit wollen wir bis 2022 zum Branchenstandard werden», sagt Thomas Schmid, der Leiter Strategische Beschaffung der M-Industrie. Das Ziel: Der Aufbau eines Netzes von strategischen Lieferanten und eine nachhaltige Kostenreduktion durch professionelles Warengruppen- und Lieferantenmanagement.
«Bisher kaufen die einzelnen Industriebetriebe wie Jowa, Elsa oder Micarna ihre Verpackungen selber ein, mit einer gewissen Koordination», sagt Micaël Müller, der bei der M-Industrie für den strategischen Einkauf der Verpackungen zuständig ist. «Künftig werden alle Verpackungen, unterteilt nach Warengruppen, gemeinsam für die ganze M-Industrie gebündelt und ausgeschrieben.» Im Bereich Tiefziehverpackungen setzte die M-Industrie ein Pilotprojekt um. Derzeit wird der gleiche Prozess im Bereich flexible Verpackungen – Folien, Standard- und Spezialverbund sowie Doypacks (Standbeutel) – umgesetzt. Und es sind Firmen aus diesem breiten Marktspektrum, die sich über die Migros beklagt haben. Zuletzt soll noch der Bereich Kartonverpackungen auf Vordermann gebracht werden.
Zur strategischen Beschaffung gehören auch die Bereiche Rohstoffe wie Zucker, Mehl, Palmöl, Nüsse oder Trockenfrüchte sowie funktionale Rohstoffe wie Aromen, Stärken, Fruchtgrundstoffe und so weiter. In diesen Bereichen hat die M-Industrie die Einkauf sstrategie bereits seit längerem zentralisiert.

Ein 54-Millionen-Paket

Der ausgeschriebene Bereich der flexiblen Verpackungen umfasst bei der M-Industrie ein Volumen von 54 Millionen Franken. Auf die strategische Umstellung habe man sich über ein Jahr lang vorbereitet, sagt Müller. Rund 2200 Produkte seien erfasst worden mit allen technischen und operativen Anforderungen, alle Bezeichnungen und Begriffe seien vereinheitlicht worden. Dann habe man mit einem «Request for Informations» RFI Informationen gesammelt, um einen Überblick über den gesamten Markt zu erhalten. Im Markt für flexible Verpackungen sind über 500 europäische Firmen tätig, 145 davon meldeten sich bei der M-Industrie zurück. «Dann haben wir die detaillierten Ausschreibungsunterlagen bei den 145 Firmen platziert», sagt Müller. «Dabei ging es nicht einfach nur um die Profitabilität, sondern auch um Innovationsfähigkeit, um Nachhaltigkeit, um Service und Qualität sowie um die Unternehmensstrategie.» Und Thomas Schmid sagt: «Wir brauchen leistungsfähige Lieferanten als Partner, und wir wollen langjährige Lieferbeziehungen von drei bis fünf Jahren.» Das sei für die Lieferanten eine Herausforderung, aber auch eine Chance für mehr Auftragsvolumen und mehr Planungssicherheit. Und es sei auch für die M-Industrie selber eine Herausforderung, weil man sich neu organisieren müsse und weil man die Verantwortung dafür trage, dass in allen Migros-Betrieben alles passe und funktioniere.
Pikant ist: Die Lieferanten müssen auch ihre Investitionsstrategie klar kundtun. Müller und seine Leute erkennen so, wer wie viel in welche neuen Produktionsmöglichkeiten investieren will. «Alle sagen, sie seien innovativ», sagt Müller. «Aber wir wollen sehen, ob die Lieferanten eine Planung haben und wo sie sich entwickeln wollen.» Ein Vorteil sind beispielsweise Kompetenzen im Digitaldruck oder innovative Lösungen für bessere Recyclingfähigkeit der Materialien.

Kulturwandel

Zu den umstrittenen Lieferantentagen sagt Müller, man habe aus den vielen guten die besten 34 Lieferanten eingeladen und von Anfang an transparent über den Ablauf informiert. Es gab zwei Verhandlungsrunden, alle Migros-Entscheidungsträger waren vor Ort und trafen die Vergabeentscheidungen. In den Vergabepaketen waren der Status «Preferred Partner 1» mit Aussicht auf 50 Prozent des betreffenden Geschäfts, und der Status «Preferred Partner 2 oder 3»mit Aussicht auf 30 oder 20 Prozent des Geschäfts zu vergeben. Zuletzt waren es 21 Firmen, die weiterhin an die M-Industrien liefern werden.
Das Feedback auf dieses Vorgehen sei im Grossen und Ganzen gut gewesen, sagt Schmid. Internationale Firmen seien sich bei Ausschreibungen nichts anderes gewohnt. Nicht optimal gewesen sei hingegen die Infrastruktur, man habe am Limmatplatz nicht genug Sitzungszimmer zur Verfügung gehabt, um allen Lieferanten eine angenehme Umgebung zu bieten.
Und was sagt Schmid zum Vorwurf, die Migros betone ihre Schweizer Herkunft, beklage den Einkaufstourismus der Konsumenten und betreibe selber Einkaufstourismus? «Erfolgreiche Schweizer Verpackungsfirmen sind ohnehin international aufgestellt», sagt er. Sie gehörten internationalen Konzernen mit einem Werk und Spezialisierungen in der Schweiz oder seien Schweizer Firmen mit Produktionsstandorten im Ausland. Der Anteil von Schweizer Firmen bei den flexiblen Verpackungen liege bei rund 40 Prozent. «Die Schweiz hat für uns einen hohen Stellenwert, deshalb auch der Slogan ‹Von uns. Von hier› für die Produkte der M-Industrie», sagt Schmid. Bedingung sei aber immer, dass die Produkte letztlich wettbewerbsfähig seien, sonst kauften die Konsumenten eben im Ausland ein.
roland.wyss@rubmedia.ch