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Braucht der Milchmarkt eine Mengensteuerung?

Trotz teilliberalisiertem Milchmarkt ist die Preis­situation in der Schweiz für die Produzenten deutlich besser als in der EU. Trotzdem gibt es Forderungen nach einer erneuten Mengensteuerung.

von Lorenz Hirt, Co-Geschäftsführer Föderation der schweizerischen Nahrungsmittel-Industrien fial

Dr. Lorenz Hirt.

Der internationale Milchmarkt ist seit über einem Jahr regelrecht aus den Fugen geraten. Fast zeitgleich hatten sich mehrere massgebliche Faktoren stark zum Negativen verändert. Zu nennen sind vor allem die Auswirkungen des Quotenausstiegs in der EU, die Weiterführung des Russland-Embargos, die unerwartet schwache Importentwicklung von China, der tiefe Ölpreis mit seinen Koppeleffekten auf Futtermittelpreise, Handelsbilanzen und Kaufkraft wichtiger globaler Wirtschaftsregionen sowie generell das tiefe Wirtschaftswachstum in verschiedenen Schwellenländern. Das Resultat war ein massiver Angebotsüberhang auf dem Weltmilchmarkt, welcher zu Tiefstpreisen und Lageraufbau führte.
Der Schweizer Milchmarkt ist aufgrund seiner internationalen Abhängigkeit dieser Weltmarktentwicklung ebenfalls ausgesetzt. Zur Erinnerung: Rund drei Viertel der Schweizer Milchmenge muss sich heute an der internationalen Preisentwicklung orientieren. Die Aufwertung des Schweizer Frankens hat den Preisdruck noch verstärkt. Im Frühjahr 2016 wurden in der Schweiz sogar Prämien für nicht produzierte Milch bezahlt.

EU-Preise im Juni auf dem Tiefststand

Die Krise auf dem internationalen Milchmarkt dauert weiterhin an. Im Juni 2016 erreichte der Produzentenpreis für Milch in der EU einen historischen Tiefststand. Von den führenden Molkereien wurden umgerechnet im Schnitt noch 27,4 Rp./kg bezahlt. Demgegenüber lag der durchschnittliche Milchpreis in der Schweiz im Monat Juni bei 58,06 Rp./kg, also mehr als doppelt so hoch wie der EU-Preis! Dies trotz teilliberalisiertem Markt, in dem der Preisdruck aus der EU direkt auf die Schweiz übertragen wird.

Motion Nicolet – Der Ruf nach Mengensteuerung

Anstatt sich über diese – relativ zur EU – deutlich bessere Situation zu freuen und zusammenzustehen, um die Krise gemeinsam zu meistern, wird die aufgrund externer Einflüsse angespannte Situation der Schweizer Milchproduzenten ausgenutzt, um längst als überholt angesehene Forderungen wieder aus der Mottenkiste zu holen. So fordert die Motion Nicolet in Aufwärmung der damaligen Motion Aebi, dass der Bundesrat der BO Milch befehle, eine verbindliche Mengensteuerung einzuführen. Der Bundesrat betrachtet die Motion Nicolet als überflüssig und empfahl diese unter anderem mangels gesetzlicher Grundlage zur Ablehnung. Auch der Vorstand der BO Milch lehnt die rückwärtsgerichtete Motion ab. Die Wiedereinführung der Kontingentierung hätte insbesondere auf die zukunftsgerichteten Produzenten, welche in letzter Zeit investiert haben, schädliche Auswirkungen. Die Schweizer Produzenten würden sich durch die bewusste Verknappung des Angebots und die dadurch künstlich hochgehaltenen Preise im Hochpreisumfeld des starken Frankens die notwendige Exportfähigkeit noch stärker beschneiden, als dies heute schon der Fall ist. Die dadurch ausgelöste massive Reduktion der Milchmenge wäre für die Produzenten noch viel schmerzhafter als die aktuelle Tiefpreissituation.

Höhere Verbindlichkeit und bessere Planbarkeit

Der Vorstand der BO Milch hat sich intensiv mit dem Thema befasst und insbesondere festgestellt, dass viele der Forderungen der Politik heute schon umgesetzt sind, dass aber bezüglich der prospektiven Festlegung von Preis und Menge noch Verbesserungspotential besteht. Die entsprechenden Beschlüsse hat der Vorstand der BO Milch am 29. August 2016 zu Handen einer ausserordentlichen Delegiertenversammlung im Herbst 2016 gefasst. So soll in Zukunft jeder Milchkäufer seinem Lieferanten spätestens bis zum 20. Tag des laufenden Monats verbindlich mitteilen, wie viel Milch er im darauffolgenden Monat im A- und im B-Segment zu welchem Preis übernehmen wird. Damit kennt der Verkäufer in jedem Fall vor der Ablieferung Preis und Mengen für die Milch im A- und B-Segment und die Rolle des Milchbauern als Restgeldempfänger ist damit vom Tisch. Zudem wird die Wirkung der Segmentierung inklusive der Freiwilligkeit der C-Milch mit dieser Massnahme gestärkt. Insgesamt werden durch diese Beschlüsse die bereits vorhandenen, guten Systeme der Segmentierug und des Standardvertrags weiter gestärkt.