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Mit Riesenschritten zur passgenauen Speed Factory

Der Weg zur smarten Fabrik ist noch weit. Das Interesse der Unternehmen, wenigstens Teile davon in die Produktion einfliessen zu lassen, ist gross. Dies zeigte die Swiss Industry 4.0 Conference.

von Hans Peter Schneider

Philipp Ramseier von Autexis ist Organisator der Swiss Industry Conference in Baden.
Überraschungsgast war Rinspeed Gründer, Frank Rinderknecht.
Gunter Beitinger von Siemens.
Marco Leimeister der Uni St. Gallen.
Martin Hill von SAP.
Ralf Güenthner von Swisscom IOT.
Der erste Swiss Industry 4.0 Award ging an die Fachhochschule Nordwestschweiz.

«Und sie wird kommen». Gemeint ist die nächste industrielle Revolution, die mit Industrie 4.0 umschrieben wird. «Ob wir wollen oder nicht», sagte Jan Marco Leimeister von der Uni St. Gallen. Smart Factorys, IoT oder MES und wie die 4.0 Zauberworte alle lauten, kommen. Auf Deutsch: Intelligente Fabriken, Internet der Dinge und Produktionsleitsystem sind nicht nur für Theoretiker ein Begriff, sondern werden immer öfter auch in der Praxis eingesetzt. Die Marktkapitalisierung liegt bei rein digitalen Unternehmen wie Facebook oder Google pro Mitarbeiter gerechnet um ein Vielfaches höher als bei der «Old economy». Das sei ein wichtiges Indiz, schliesslich handle die Börse das künftige Geschäft, sagte Leimeister an der Swiss Industry 4.0 Conference im Trafo in Baden. Angst haben müssten aber nicht die «alten» Industriekontinente Nordamerika und Europa. Sondern die Chinesen mit ihrem Massengeschäft. «Die Vorteile der Massenproduktion werden nicht mehr gebraucht», sagte Leimeister. Künftig müsse viel passgenauer produziert werden, denn die Logik des Kundennutzens laute: «Nur was nützt, ist gut.»

Produktion im Supermarkt?

Zum Beispiel setzt Adidas auf sogenannte «Speed Factorys», wo grosse Teile des Schuhs passgenau aus dem 3D-Drucker kommen. Schon bald werde dies direkt in den Supermärkten erledigt, war Philipp Ramseier von Autexis AG, dem Gastgeber, überzeugt. Die Industrie 4.0 werde auch den Werkplatz Schweiz umwälzen. Dies gelte insbesondere für kleine und mittelgrosse Betriebe. «Zwei Drittel der deutschen Firmen glauben einer Umfrage zufolge, dass die Digitalisierung dazu beitragen werde, ihre Wettbewerbsposition zu halten», sagte Gunter Beitinger, Vizepräsident von Siemens. Doch nur 54 Prozent dieser hätten ihre Prozesse angepasst und nur 48 Prozent hätten digitale Plattformen integriert, welche sich über organisatorische Grenzen erstrecken würden. Sowieso nütze ein grosser Teil der Unternehmen ihre Datenmengen nicht. Siemens ist eines der wenigen Unternehmen, das schon nach Industrie-4.0-Gesichtspunkten produziert. Und zwar in der smarten Fabrik im deutschen Amberg. «Dieses Werk muss die gleichen Kennzahlen wie andere Siemens-Werke abliefern», sagte Beitinger. Das Werk könne aber zum Beispiel mit der weltweit niedrigsten Fehlerquote aufwarten. Zudem sei auf der gleichen Fläche eine 30-prozentige Produktionssteigerung ermöglicht worden. Und die Fähigkeiten der Maschinen in der Fabrik sollen weiter gesteigert werden. Zum Beispiel nicht nur reagieren in Echtzeit, sondern die Maschinen müssten lernen, ihre Prognosefähigkeit zu erhöhen. Das heisse, dass man die Prozesse tief verstehen müsse und jeder einzelne Schritt müsse in die Planung einfliessen. Flexibilität sei jedoch nur die eingeplante Fähigkeit, künftig soll die Maschine auch wandlungsfähig sein.

3,4 Millionen Kilogramm Schokolade ohne Papier

Noch weit entfernt von der intelligenten Fabrik ist die Midor AG in Meilen. Doch das Migros-Tochterunternehmen machte einen ersten Schritt. Nämlich die «papierlose» Fabrik, wie Christian Stifter, Leiter Elektro und IT von Midor erklärte. Das Unternehmen, das mit jährlich 8 Mio. kg Mehl, 5 Mio. kg Zucker oder 3,4 Mio. Schokolade auf 32 Linien täglich 250 000 Produkte herstellt, brauchte pro Fertigungsauftrag 10 bis 15 Blätter Papier. «Für das Papierhandling werden jährlich 6000 Stunden aufgewendet», sagte Stifter. In der ersten Phase wurden die Vorgabedokumente nicht mehr ausgedruckt, sondern in elektronischer Form auf einem Screen zur Verfügung gestellt. Danach folgte die dynamische Aufbereitung der Vorgaben im System und die Ablösung der Auftragslisten. Ohne Papier zu arbeiten berge bedeutende Vorteile, war Stiftler überzeugt. Denn oft habe man die Planung geändert, die Änderung wurde von Hand aufs Papier geschrieben und im dümmsten Fall dann falsch oder gar nicht eingegeben. Es gebe 350 verschiedene Linienkontrollblätter auf Papier mit 18 000 Prüfpunkten pro Woche und im Jahr 900 000 Datenpunkte, die versäumt wurden.
Auch die Interpretation der gesammelten Daten berge enormes Potenzial. jetzt könnten Daten, wie zum Beispiel Wassergehalte oder Massengewichte vor dem Ofen mit einem Klick miteinander verglichen werden. Dies ohne stundenlanges Wälzen von Ordnern. «Die Linienführer sind interessiert an solchen Daten», sagte Stiftler. Dennoch brauchte es Überzeugungsarbeit, um die Leute für die Arbeit mit den neuen Systemen zu motivieren. «Es musste als dein Freund und Helfer verkauft werden, schliesslich sind unsere Leute Bäcker oder Käser und keine PC-Freaks», sagte Stiflter. Jetzt werde noch mit 47 Wagen mit Touchscreens und PC-Stationen gearbeitet. Künftig würden aber nur noch Handhelds eingesetzt. Ebenfalls Zukunftsmusik ist, dass die Maschinen direkt ans System angebunden werden und alle Prozessparameter direkt eingespiesen werden. Und an alle die schon Angst haben, vor der Übernahme der Kontrolle durch Roboter: Für alle Referenten war klar, dass mit der smarten Fabrik kein Rennen gegen die Maschine enstehen soll, sondern eines mit der Maschine.
hanspeter.schneider@rubmedia.ch