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Wachstum mit Herausforderungen

Der US-Biomarkt ist längst über die Nische hinausgewachsen. Markttreiber sind Bio-Supermarktketten. Bioprodukte aus der Schweiz haben gute Chancen, beim Marktzugang gilt es einige Hürden zu meistern.

von Peter Jossi

Der US-Biomarkt hat die psychologisch wichtige 5-Prozent-Marke erreicht. (Bild: zvg)

Im Mai 2016 präsentierte die Biobranchenorganisation der USA «Organic Trade Association» OTA im «Organic Industry Survey» eindrückliche Erfolgszahlen. Der US-Biomarkt steigerte sich 2015 gegenüber 2014 um elf Prozent auf 43,3 Mrd. Dollar. Vergleichbar zur Marktentwicklung in vielen europäischen Ländern wächst der Biosektor damit wesentlich stärker als der US-amerikanische Lebensmittelmarkt insgesamt, der laut Branchenschätzungen 2015 um drei Prozent zulegte. Der Grossteil des Bioumsatzes fällt auf Biolebensmittel, 3,6 Mrd. Dollar auf Non-Food-Produkte wie Biotextilien. Mit Blick auf den Gesamtmarkt bildet der Biomarkt in den USA nach wie vor eine Nische, hat bei den Biolebensmitteln jedoch die psychologisch wichtige 5-Prozent-Marke erreicht. Die gute Marktentwicklung und das wachsende Bewusstsein für gesunde Ernährung sowie Nachhaltigkeitsfragen lassen auf ein starkes

Ausbaupotenzial für die nächsten Jahre hoffen.

Immer grössere Teile der US-Bevölkerung wollen die Art und Weise ihrer Ernährung selber mitbestimmen. Seit Kurzem haben die US-Bundesstaaten das Recht, die GVO-Kennzeichnung von Lebensmitteln zu verlangen. Dass Vermont als erster Bundesstaat die entsprechende gesetzliche Regelung einführte, ist kein Zufall. Bei der politischen Debatte in Washington, in der sich auch die Bioorganisation OTA engagierte, spielte Bernie Sanders als Senator des Bundesstaates Vermont eine wichtige Rolle.

Biopioniere auf Expansionskurs

Die Entwicklung des US-Biomarkts ist stark geprägt von Pionierbetrieben wie «Whole Foods» oder «Trader Joe’s». Die Anfänge dieser Biomärkte sind durchaus vergleichbar mit ähnlichen Entwicklungen in Europa. Heute verfügen beide über ein US-weites Filialnetz. Trotz eines gewisses Integrationsprozesses über die Landesgrenzen hinweg ist die europäische Biovermarktung bisher weit von einer vergleichbaren Entwicklung entfernt. Trotz der Expansion schaffen es «Whole Foods» und «Trader Joe’s», einen guten Teil ihres Pioniergeistes zu erhalten. Entsprechend viel Wert legen beide auf die stolze Darstellung von «Our story». Viele Biosupermärkte positionieren sich traditionellerweise als «Farmers Markets» mit viel Offenverkauf und grossen Verkaufseinheiten (Bulk). Dies macht zumindest ein Grundsortiment an Biolebensmitteln für Familien und breite Bevölkerungsschichten attraktiv.
In die Fussstapfen als Nischenplayer ist eine Vielzahl kleiner, meist lokal verankerter Vermarkter, oft getragen von einer jungen Generation, getreten. Viele engagieren sich in der «Urban Farming»-Bewegung und beleben den Pioniergeist neu, ergänzen diese jedoch mit weiteren Aspekten. Die Bioqualität bildet dabei ein wichtiges, aber beinahe selbstverständliches Element der Unternehmensphilosophie.

Kampf um Bioanerkennung mit Verzögerung

Die «Bionier»-Phase war in den USA weniger ideologisch geprägt, zumal die Biobewegung von der Agrobusiness-Lobby lange Zeit kaum wahrgenommen wurde. Der Kampf um die gesetzliche Regelung der Biovermarktung und der Aufbau professioneller Zertifizierungsstrukturen erfolgte mit einigen Jahren Verzögerung zu einem Zeitpunkt, als sich die Bio­branche bereits gut organisiert und am Markt etabliert hatte. Die USA regelte die Biovermarktung erst Anfang der 2000er-Jahre im Rahmen der NOP-Gesetzgebung (National Organic Program). Zuvor hatten starke Kräfte der US-Agrarlobby über viele Jahre die Einführung einer mit der EU-Bioverordnung gleichwertigen Regelung verhindert. Der Durchbruch erfolgte erst mit einer der ersten weltweiten Mailkampagnen – Facebook war noch nicht erfunden –, worauf sich die US-Agrarbehörde einsichtig zeigte. Die NOP-Regelungen gehen heute in Teilbereichen, etwa der strengeren Regelung beim Antibiotika­einsatz, sogar über die europäischen Bioregelwerke hinaus.

Herausforderung Bio-Inlandversorgung

Der Erfolg des US-Biomarkts bringt Herausforderungen mit sich. Bereits müssen grösseren Mengen vieler Biorohstoffe in die USA importiert werden, was für die potente Agrarnation weder ökologisch noch ökonomisch eine langfristig verantwortbare Lösung sein kann.
Die Biobranche kann heute auf die Unterstützung der US-Behörden zählen. US-Landwirtschaftsminister Tom Vilsack setzt sich aktiv ein für die Biozertifizierung und weitere Fördermassnahmen für landwirtschaftliche Betriebe. Neben der stärkeren Inlandversorgung mit Biolebensmitteln soll der Zugang zu neuen internationalen Absatzmärkten erschlossen werden. Vilsack sieht die Förderung der nationalen und nach Möglichkeit sogar regionalen Biovermarktung als wichtigen Beitrag zur Belebung des ländlichen Raums. Die Wirksamkeit dieser Massnahmen wird sich in der Praxis beweisen müssen, zumal angesichts der aktuell offenen Zukunft der US-Regierung ab dem Jahr 2017.

US-Markt für Schweizer Bioprodukte: Interessant, aber mit Hürden

Zwischen den USA und der EU besteht seit 2012 eine Anerkennungsvereinbarung, welche die gegenseitige Anerkennung der rechtlichen Bioanforderungen (EU-Bioverordnung – NOP) regelt und damit den Biohandel vereinfacht. Eine ähnliche Vereinbarung besteht seit 2012 ebenfalls zwischen der Schweiz und Kanada. Im Juli 2015 konnte mit einem weiteren «Äquivalenzarrangement» zwischen der Schweiz und den USA eine wichtige Regelungslücke gefüllt werden. Das Äquivalenzarrangement regelt die rechtlichen Bioanforderungen (NOP – Schweizer Bioverordnung) und damit die vereinfachten Bedingungen für den Biohandel.
Namentlich bei Käse und weiteren Milchprodukten muss die Erfüllung der besonders strengen NOP-Vorgaben in der Milchviehhaltung belegt werden, vor allem die antibiotikafreie Tierhaltung. Zertifizierungsstellen wie der Schweizer Marktführer  Bio Inspecta bieten basierend auf der erfolgreichen Biozertifizierung (Bioverordnung sowie in den meisten Fällen die Bio-Suisse-Richtlinien) die Zusatzprüfung der NOP-Auflagen an. Die entsprechende Bestätigung bildet die Voraussetzung für den Export in die USA. Ob dieser Vermarktungsweg sinnvoll und machbar ist, hängt in erster Linie davon ab, ob ein Vermarktungspartner sowohl beim Export und vor allem eine klare Vermarktungsstrategie für die USA vorhanden sind.
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