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Mit Abgaben gegen das Übergewicht

Die Zuckersteuer wird in vielen Ländern diskutiert, in manchen ist sie schon eingeführt. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt sie, um Übergewicht zu bekämpfen. Die Schweiz setzt auf Freiwilligkeit.

von Roland Wyss

Die Weltgesundheitsorganisation WHO sprach sich kürzlich, pünktlich zum World Obesity Day, für eine Steuer auf Zucker aus, um die in vielen Ländern grassierenden Krankheiten Übergewicht, Adipositas oder Typ 2-Diabetes zu verringern. Abgaben, die zu einer 20-prozentigen Verteuerung von Süssgetränken führen, könnten zu einem beträchtlichen Rückgang des Konsums führen, schrieb die WHO dazu. Der Konsum von Zucker und zuckerhaltigen Produkten wie Süssgetränken sei eine wichtige Ursache für das weltweite Ansteigen von Übergewicht und Diabetes. Mit einer Steuer könnten die Regierungen deshalb «Leiden vermindern, Leben retten und Gesundheitskosten senken». Eine Steuer ist laut WHO nicht zuletzt deshalb sinnvoll, weil einkommensschwache und junge Menschen besonders auf steigende Preise für zuckerhaltige Produkte reagieren würden und den Konsum entsprechend anpassten. Gemäss WHO waren 2014 mehr als ein Drittel aller über 18-Jährigen weltweit übergewichtig. Der Anteil erhöhte sich von 1980 bis 2014 auf mehr als das Doppelte. Die Zahl der übergewichtigen Kinder stieg im gleichen Zeitraum um elf Prozent auf über 42 Millionen an. Die WHO empfiehlt, dass der Zucker nicht mehr als ein Zehntel aller eingenommenen Kalorien ausmachen soll. Pro Tag sollten laut WHO nicht mehr als 50 Gramm Zucker, etwa zwölf Teelöffel konsumiert werden. Das sei weniger, als ein einziges übliches Süssgetränk mit mindestens 250 Milliliter liefere.

Zuckersteuer ab 2018

In Grossbritannien läuft seit einiger Zeit eine öffentliche Debatte über Zuckerkonsum und Übergewicht, in der sich auch Starkoch Jamie Oliver für die Zuckersteuer stark macht. Nun soll per April 2018 eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt werden. Getränke, die mehr als fünf Gramm Zucker pro 1oo Milliliter enthalten, sollen mit 18 Pence (knapp 22 Rappen) belastet werden, Getränke mit einem Zuckergehalt von mehr als acht Gramm mit 24 Pence (gut 29 Rappen). Die neue Steuer wird beim Hersteller erhoben und soll beispielsweise dazu dienen, Sportanlagen in Grundschulen auszubauen. Von der Steuer ausgenommen sind Milch und Fruchtsäfte.

Quer durch alle Parteien

Auch in Deutschland wird eine Zuckersteuer diskutiert. Vor kurzem hat sich der Verband der Kinder- und Jugendärzte für eine Zuckersteuer ausgesprochen. Die Verbraucherorganisation Foodwatch forderte im August eine Zuckersteuer von 20 bis 30 Cent pro Liter Süssgetränk. CDU-Landwirtschafts- und Ernährungsminister Christian Schmidt lehnte bereits im Frühling eine Zuckersteuer ab. Der administrative Aufwand dafür sei gross, die Wirkung unklar. Tatsächlich lassen die Erfahrungen in den Ländern, die eine Zuckersteuer eingeführt haben, keine konkreten Schlüsse zu (s. Kasten). Die Fronten gehen bei der Zuckersteuer-Frage quer durch die Parteien, mit Befürworten in den Unionsparteien und Kritikern bei den Grünen. Ein Umfrage im September kam zum Ergebnis, dass 51 Prozent der Deutschen eine Steuer eher oder ganz ablehnen. Ganz oder eher dafür wären 40 Prozent.

Steuer kein Thema

Auch aus der Schweiz gibt es Umfrageergebnisse zum Thema Zuckersteuer. Die IG Erfrischungsgetränke gibt seit zwei Jahren einen sogenannten «Monitor Ernährung und Bewegung» beim Forschungsinstitut GfS in Auftrag. In der neuesten Umfrage lehnten 70 Prozent der Befragten eine Zucker-, Salz- oder Fettsteuer ganz oder eher ab. Gegenüber dem Vorjahr ging die Ablehnung allerdings leicht zurück. Die Antworten der Befragten gingen stark in Richtung Selbstverantwortung, allerdings auch hier mit leicht abnehmender Tendenz.
Von den Schweizer Kinderärzten gibt es derzeit keine offizielle Stellungnahme. Es gebe zu dem Thema noch keine konsolidierte Meinung, sagt Daniel Brandl, Geschäftsführer des Verbandes Kinderärzte Schweiz. Klar für die Einführung einer Steuer auf Süssgetränke ist etwa die Schweizerische Adipositas-Stiftung SAPS. Auch bei der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) hält man eine solche Steuer für «überlegenswert». Die notwendigen gesetzlichen Anpassungen seien aber mit dem derzeitigen Parlament nicht zu erreichen, sagte Josianne Walpen von der SKS. Sie plädiert statt dessen dafür, dass das Problem «bei der Wurzel gepackt wird, indem man der Industrie gewisse Grenzen bei der Zuckerbeigabe setzt.» In Grossbritannien habe man mit einem Höchstwert für den Salzgehalt gute Erfahrungen gemacht, etwas ähnliches könnte sich Walpen beim Zuckergehalt vorstellen.

Reduktion auf dem Frühstückstisch

Für den Bund ist der zu hohe Zuckerkonsum ein Thema. Herr und Frau Schweizer konsumieren laut dem Bundesamt für Gesundheit pro Tag fast 120 Gramm Zucker, mehr als doppelt so viel wie die WHO mit 50 Gramm empfiehlt. Den richtigen Weg, um den Konsum zu verringern, sieht man beim Bund aber nicht in neuen Steuern, sondern in einer Zusammenarbeit mit der Industrie. Innenminister Alain Berset hat am 4. August 2015 gemeinsam mit  Lebensmittelherstellern und Vertretern des Detailhandels in Mailand ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Ziel der Erklärung ist es, den Zuckergehalt in Joghurts und Frühstückscerealien bis Ende 2019 schrittweise zu reduzieren. Die Massnahmen werden in Diskussionen zwischen den Unternehmen und dem Bundesamt für Lebensmitttelsicherheit und Veterinärwesen

BLV konkretisiert.

Für Süssgetränken gebe das BLV die Empfehlung ab, diese nur wenig zu konsumieren, sagt die BLV-Sprecherin Natalie Rochat. Weitere Massnahmen beträfen die Sensibilisierung der Bevölkerung, zusätzliche Forschung und die internationale Zusammenarbeit. Die EU lege den Fokus nebst Süssgetränken auch auf Frühstückscerealien und Milchprodukte.
Josianne Walpen von der SKS findet diesen Ansatz zwar begrüssenswert, aber es sei ein langer und unsicherer Weg der kleinen Schritte. «Die Industrie hat uns während Jahrzehnten an immer süssere Produkte gewöhnt und nun lamentiert sie, dass man die Zuckerbeigabe nur wenig reduzieren könne, damit die Konsumenten trotzdem noch kaufen.»

Getränkehersteller wehren sich

Das sei das typische falsche Bild vom unmündigen Konsumenten, sagt Marcel Kreber, Geschäftsführer des Verbandes Schweizerischer Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten SMS. Tatsache sei, dass beispielsweise das Rezept von Coca-Cola seit 130 Jahren unverändert sei. Aber das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Menschen habe sich geändert. Die Hersteller würden dem durchaus Rechnung tragen: «Rivella oder Coca-Cola bieten kalorienreduzierte Produkte und verschiedene Portionengrössen an an und unterstützen verschiedenste Sportanlässe.»
Eine Zuckersteuer hält Kreber für den grundsätzlich falschen Weg. «Damit wird ein Lebensmittel bekämpft und stigmatisiert. Eine wirkliche Veränderung des Ernährungsverhaltens findet aber nicht statt.» Ferner stelle sich so die Frage, welches Produkt als nächstes besteuert werde. Erfrischungsgetränke zu besteuern, um ein komplexes Problem wie Übergewicht zu bekämpfen, sei ein viel zu einfacher Ansatz. Dazu komme, dass der Konsum von Erfrischungsgetränken lediglich drei Prozent der durchschnittlichen täglichen Kalorienzufuhr ausmache. Eine Zuckersteuer sei deshalb für manche Staaten ein willkommenes Finanzinstrument «unter dem Deckmantel der Prävention».
Urs Furrer, Co-Geschäftsführer der Föderation Schweizerischer Nahrungsmittel-Industrien Fial geht noch weiter: Gemäss einer Meta-Studie der Universität Melbourne sei ein genereller Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Übergewicht gar nicht nachweisbar, sagt er.  Sowohl Zuckersteuer als auch Zuckerhöchstgehalte würden deshalb am Problem vorbeizielen. Bei letztrem stelle sich ohnehin die Frage, welches denn die «richtigen» Höchstgrenzen bei den «kritischen» Lebensmitteln wären.
Die Zuckersteuer in der Schweizer Politik also kein Thema? Nicht ganz. Im Neuenburger Kantonsparlament wurde im April ein Vorstoss eingereicht, der eine Standesinitiative für eine eidgenössische Zuckersteuer vorschlägt. Affaire à suivre…
roland.wyss@rubmedia.ch