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NOP: Die Nische bietet Potenzial

Der US-Biomarkt wächst stark. Damit Schweizer Biomilchprodukte in die USA exportiert werden können, muss die Milch die strengen NOP-Richtlinien erfüllen. Die Verarbeitungsmenge ist die Knacknuss.

von Hans Peter Schneider

Emmi exportiert den Bio-«Scharfer Maxx» mit dieser Etikette. (Bilder: zvg)
Emmi produziert in der Gläsernen Molkerei das NOP-Milchpulver.
Schweizer Schokoladehersteller exportieren...
...auch Milchpulver, hergestellt in der Schweiz. Im Bild das Emmi-Pulver von der deutschen gläsernen Meierei.
Das amerikanische Biolabel, verlangt in der Milchproduktion strengere Standards hinsichtlich Antibiotikaeinsatz.

Bio ist immer noch ein Garant für Wachstum, in der Schweiz und auch im Ausland. So sagt zum Beispiel Roland Frefel, Frischechef von Coop, dem grössten Biohändler der Schweiz: «Wir streben für das Jahr 2025 einen Umsatz mit Bio von 2 Milliarden  Franken an.» Momentan verkauft der Händler gut etwas über eine Milliarde im Biosegment. Während der gesamte Bioumsatz in der Schweiz im Jahr 2015 gut 2,3 Milliarden Franken betrug, werden weltweit ungefähr für 80 MilliardenFranken Bioprodukte verkauft. In der Schweiz tragen Milchprodukte in Bioqualität einen grossen Anteil dazu bei, auch im Export. So werden zum Beispiel die grossen Sortenkäse auch in Bio exportiert. Die Züger Frischkäse, die zwölf Prozent des Schweizer Käseexportes realisiert, ist seit Jahren auch ein Bioprodukte-Exporteur – mit Mozzarella, Bratkäse oder Quark.
Die Molkerei Cremo exportiert Biomilchpulverprodukte, für Biokindernährmittel. Und auch Nestlé hat die Bedeutung von Bio erkannt und verarbeitet im Werk Konolfingen seit letztem Herbst Biomilch für seine Kindernährmittel. «Es ist ein grosses Potenzial da, und wir haben uns entschlossen, in diesem wachesnden Markt mitzumachen», sagt Martin Stucki, der stellvertretende Chef der Kindernährmittel des Werkes. Die Exportmärkte seien nicht nur in China, sondern auch in anderen asiatischen und europäischen Ländern zu finden.

Boomender Markt mit Hürden

Ein Biomarkt, der boomt, ist derjenige in den USA. Mit den Amerikanern hat die Schweiz seit gut zwei Jahren ein Äquivalenzabkommen, worin beide Länder die jeweiligen Bio-Richtlinien anerkennen. Eine Hürde für Schweizer Bioprodukte besteht jedoch. Nämlich der Umstand, dass seit mehr als zehn Jahren in den USA ein absolutes Antibiotikaverbot für biologisch geführte Milchviehbetriebe herrscht. Das heisst, wer in den USA biologische Produkte verkaufen will, muss diese ohne Antibiotika produzieren. Dann sind sie nämlich im sogenannten «national organic program», kurz NOP dabei.
Nach diesem Standard verarbeitete das Milchunternehmen Hochdorf schon vor zehn Jahren NOP-Milch von Schweizer Bauernhöfen. Und zwar zu Milchpulver für Schokolade, die für den US-Markt bestimmt war. Vorher war das Milchpulver importiert, in der Schweiz zu Schokolade verarbeitet und wieder exportiert worden. Das Projekt wurde aber mangels Nachfrage nach einiger Zeit wieder gestoppt. Um spezifische Chargen sinnvoll zu verarbeiten, brauche es einfach eine gewisse Grösse, sagt Hochdorf-Sprecher Christoph Hug. Ideal wären Produktionen von mindestens 50 bis 100 Tonnen Milch, was ungefähr 5 Tankzüge ergebe. Dies würde 5 bis 10 Tonnen Pulver pro Batch ergeben und würde Sinn machen, sagt Hug. «Wir sind nicht auf Kleinmengen ausgelegt.» Dennoch sagt er: «Hochdorf wäre sicher nicht abgeneigt, solche Nischenprodukte herzustellen.»

Käse statt Pulver

Während Hochdorf wieder aus dem NOP-Markt ausgestiegen ist, ist Emmi seit kurzem drin. Nämlich mit Käse. Emmi stellt in der Käserei Studer, seit zwei Jahren eine Tochterfirma, Scharfer Maxx nach NOP-Richtlinien her und ist vor kurzem mit dem Export in die USA gestartet. Man sei sich bewusst, dass NOP-Milch für die USA wohl die Nische in der Nische der «Schweizer Spezialitätenkäse» bleiben werde, sagt Emmi-Sprecherin Sibylle Umiker. Emmi habe auf bestehende Biomilchproduzenten zurückgreifen können, die Antibiotika-frei produzieren. Dennoch sei diese Milch nicht einfach sofort verfügbar.  Es könnte gemäss Umiker ein Mengenproblem entstehen, wenn Emmi grosse Mengen in kurzer Zeit benötigen würde.
Organisiert hat die Rohstoffbündelung Cemil Klein, Geschäftsführer des Biomilchpool. Dieser konnte  im Februar 81 Tonnen Biomilch an die Käserei Studer liefern. Klein kennt auch die Bedarfsmenge von Hochdorf. Nämlich zwischen 40 bis 50 Tonnen aufs Mal, in einem Anlieferfenster von 1 bis 3 Tagen, damit die Anlagen konstant laufen können. Dies sei aber nur eine Planzahl. Im Verkauf könne sich extrem viel ändern. In absehbarer Zeit sei aber die Produktion vorgesehen, sagt Klein.

NOP-Schoggi für die USA

Nicht nur Käse soll in den boomenden Biomarkt USA geliefert werden, sondern auch Schokolade. Schweizer Schokoladehersteller, die dort schon tätig sind, möchten aber auf Schweizer Milchpulver zurückgreifen können. Zum Beispiel Chocolats Halba, deren CEO Anton von Weissenfluh an den wachsenden Biomarkt in den USA glaubt. «Wir wachsen dort jährlich im zweistelligen Bereich», sagt er. Momentan werde das Milchpulver noch aus Deutschland importiert. Für Thomas Gysi vom gleichnamigen Schokoladehersteller in Bern ist die NOP-Geschichte erst in zweiter Linie ein Thema. Denn das Unternehmen setzt «nur» Couverture ein und produziert nur für den europäischen Markt Bioprodukte. Dort wird gemäss Gysi das EU-Siegel und das englische «Soil Association»-Label gesetzt. Es könnte aber gut sein, dass sein Unternehmen auch auf den US-Biomarkt setzen werde, sagt Gysi.

Milchpulver aus Deutschland

«Der amerikanische Bioschokoladekonsument isst eher dunkle Schokolade», sagt Monika Müller, Chefin des Bioschokoladeherstellers Stella Bernrain aus Kreuzlingen. Somit brauche es im Verhältnis zur Schokoladenmenge weniger Milchpulver. Bioschokolade sei in den USA zwar eine Nische, sagt Müller. Die nachgefragten Mengen an Bioschokolade würden aber alleine durch die Grösse des Marktes, der stetig wächst, ansteigen. Bernrain kaufe das für den US-Biomarkt benötigte NOP-Milchpulver von den Schweizer Milchpulverherstellern ein, welche dieses wiederum von ausländischen Herstellern importierten.

Zum Beispiel von Emmi, die mit ihrer Gläsernen Molkerei in der Nähe von Berlin eine ideale Betriebsstätte hat, in der Milchpulver nach NOP-Regeln hergestellt werden kann. Laut Emmi-Sprecherin Sibylle Umiker liefern zwölf Landwirte dort eine Jahresmenge von rund fünf Millionen Kilogramm, woraus Milchpulver und Butterfett für die Schokoladenindustrie mit Enddestination USA hergestellt werden. Aber auch Rohmilch, die an andere deutsche Biomolkereien für die Weiterverarbeitung zu Industrieware verkauft werde.

Hoffnungen ruhen auf Hochdorf

In der Schweiz will Emmi gemäss Umiker in absehbarer Zeit kein NOP-Milchpulver produzieren. «Die Aussichten für NOP-Ware für die industrielle Weiterverarbeitung mit Enddestination USA schätzen wir als positiv ein», sagt Umiker. Doch für entsprechende Konsumprodukte auf den europäischen Märkten generell und in Deutschland im Speziellen gebe es keine Nachfrage. Die Hoffnung des Halba-Chefs von Weissenfluh ruhen deshalb auf Hochdorf. Man sei momentan am Verhandeln, sagt er. Erste Anzeichen würden darauf hindeuten, dass das Pulver nicht teurer werde, und die Qualität von Hochdorf werde sicher nicht schlechter sein. Weissenfluh will die für den US-Markt bestimmte Bioschokolade nicht mit Swissness bewerben. Es gehe vor allem um Bio- und Fairtradethemen, sagt er. Doch wenn es NOP-Milchpulver aus der Schweiz geben würde, wäre dies doch wunderbar. Dafür sorgen wollen unter die Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP). Deren Biomilchproduzenten haben im letzten Jahr rund 31 Millionen Kilogramm Biomilch produziert. Von den 240 Biomilchproduzenten würden nun bis Ende Jahren deren 24 umstellen, sagt ZMP-Sprecherin Carol Aschwanden. Es sei aber noch nicht klar, wie viel Milch es schlussendlich sein werde. Dies hänge auch vom Markt ab. «Wir würden es begrüssen, wenn weltweit weniger Antibiotika eingesetzt und NOP-Milch vermehrt nachgefragt würde», sagt Aschwanden.
hanspeter.schneider@rubmedia.ch