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Baustellen in den USA und nebenan

Lindt überzeugt weiterhin mit positiven Zahlen in einem stagnierenden Schokoladenmarkt. Nur der US-Markt mit der schwierigen Tochter Russel Stover bleibt eine Baustelle. Auch in Kilchberg wird gebaut.

von Roland Wyss

Dieter Weisskopf, langjähriger Lindt-Finanzchef und neuer CEO, steht für Kontinuität an der Spitze.

Der grosse Abwesende an der diesjährigen Lindt-Bilanzmedienkonferenz war Ernst Tanner, der im Herbst 2016 als CEO zurückgetreten ist und weiterhin Verwalrungsratspräsident bleibt. Dieter Weisskopf, der neue CEO und frühere Finanzchef mit deutlich weniger glamourösem Auftritt, versuchte gar nicht erst, die grossen Fussstapfen auszufüllen. Tanner habe enorme Verdienste für das Unternehmen, sagte Weisskopf, er spiele in der strategischen Entwicklung und im Marketing weiterhin eine wichtige Rolle. Ansonsten gehe es mit einem Top-Team im Management «genau gleich weiter wie in der Vergangenheit».
2016 sei «eines der herausfordernsten Jahre seit Jahrzehnten gewesen», sagte Weisskopf. Und dennoch konnte Lindt erneut mit Wachstum und Gewinn aufwarten in einem Markt, der für viele Mitbewerber nur Stagnation bedeutet. Der Umsatz wuchs um 6,8 Prozent auf 3,9 Mrd. Franken, organisch betrug das Wachstum 6 Prozent. Der Betriebsgewinn (Ebit) legte 2016 um 8,4 Prozent auf 562,5 Mio. Franken zu, der Gewinn um gut 10 Prozent auf 419,8 Mio. Franken.

Die Rohstoffpreise, insbesondere beim Kakao, sind in den letzten Monaten gesunken. Da Lindt aber Risikomanagement betreibe, werde sich dies erst acht bis zwölf Monate später bemerkbar machen, sagte Weisskopf. Das nach wie vor herausfordernde Konjunkturumfeld mache Preiserhöhungen nur vereinzelt möglich, die angestrebte Margenerhöhung soll vor allem durch weitere Effizienzsteigerung erzielt werden.

Fitnesskur für Russel Stover dauert an

Der stagnierende US-amerikanische Schokoladenmarkt macht sich in der Lindt-Bilanz bemerkbar. Dort erwirtschaftet Lindt 43 Prozent des gesamten Umsatzes und 2016 wurde immerhin ein Wachstum von 3,4 Prozent Wachstum erreicht – aber nicht mehr 10 Prozent und mehr wie in den Vorjahren, und der Gewinn ging leicht zurück. Die Gründe: Eine generelle Zurückhaltung bei Konsumgütern und ein stärker werdender Gesundheitstrend. Lindt will deshalb 2017 eine Palette mit Stevia-Schokoladenprodukten lancieren, wie Weisskopf erklärte. Bei der 2014 übernommenen US-Tochter Russel Stover ist Lindt weiterhin daran, vom stark auf Weihnachten und Ostern orientierten Geschäft auf ein Ganzjahressortiment zu kommen und das umfangreiche Produktportfolio zu straffen. Zugunsten der Profitabilität nahm Lindt hier auch Umsatzeinbussen in Kauf. Eine längeres Projekt ist ferner die Realisierung von Synergien bei Logistik, Marketing und IT zwischen Russel Stover, Lindt und der Marke Ghirardelli, zu deren Zweck die US-Tochter Lindt & Sprüngli (North America) Inc. gegründet wurde. Das Ziel sei nicht, Stellen abzubauen, sagte Weisskopf, sondern in einem Markt mit riesigen Distanzen Einkaufsvolumen zu bündeln und die Lastwagen von drei Firmen zu füllen.

Erfolg in schwierigen Märkten

In Europa konnte Lindt in den hart umkämpften Märkten Deutschland und England zulegen. Im polarisierten Markt England, wo die Massenhersteller schrumpfende Umsätze beklagen, konnten Lindt und Ferrero als einzige Marken wachsen – Lindt sogar zweistellig mit 14 Prozent und mit Lindor als starker Marke. In Deutschland wuchs Lindt um gut 10 Prozent. Dabei spielten auch die neueren Produkte wie Hello, Mini Pralinés oder Teddys eine Rolle. Im stagnierenden Schweizer Markt konnte Lindt um 2,5 Prozent wachsen. Schweiz-Chef Kamillo Kitzmantel erklärte, dank dem Fitnessprogramm, das man aufgrund der Frankenaufwertung durchgeführt habe, seien die Tonnagen in der Schweiz gestiegen, der Export floriere. Die Marke Lindor wuchs um 8 Prozent, Excellence wuchs mit 12 Prozent. Mit 500 Shop-in-Shop im Detailhandel, auch bei Denner rührte Lindt hierzulande die Werbetrommel. Weiterhin ein Tabu ist der Verkauf in den Harddiscountern. Auch auf den sozialen Netzwerken war Lindt mit der Kampagne #mylindormoment präsent.
Nachdem 2016 in Kilchberg der neue Fabrikladen eröffnet wurde, wird hinter dem Haupsitz bereits am Chocolate Competence Center gebaut, das 2020 eröffnet werden soll. Dieses soll ein Museum zur Geschichte der Schokolade umfassen, ein Forschungs- und Schulungslabor, ein Café und einen Shop, sowie eine Chocolateria, wo Besucher ihre eigene Schokolade herstellen können.
Global macht Lindt weiterhin vorwärts mit den eigenen Läden. Der Bereich Global Retail wuchs zweistellig, 2016 wurden 60 neue Läden eröffnet, neu gibt es 370 Lindt-Läden.Damit erzielt Lindt nach eigenen Angaben jährlich über 50 Millionen Kundenkontakte.

Für das laufende Geschäftsjahr bestätigte Weisskopf das langfristige organische Wachstumsziel von 6 bis 8 Prozent kombiniert mit einer jährliche Erhöhung der Ebit-Marge um 20 bis 40 Basispunkte. Für das Geschäftsjahr 2017 erwartet er ein Umsatzwachstum, im Rahmen des Vorjahres (6,0 Prozent) und eine erneut steigende operative Gewinnmarge. Ferner ist Lindt daran, bis 2020 die gesamte Kakaobeschaffung rückverfolgbar zu machen. Im 2016 wurde der Einkauf aus Ghana, einem wichtigen Lieferanten, bereits rückverfolgbar gemacht.
Der Verwaltungsrat beantragt der Generalversammlung vom 20. April angesichts der Zahlen die Ausschüttung einer um 10 Prozent höheren Dividende von 880 Franken pro Namenaktie und 88 Franken pro Partizipationsschein.

roland.wyss@rubmedia.ch