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Bestenliste der Umweltfreundlichen

Der WWF hat die 15 umsatzstärksten Schweizer Lebensmittelverarbeiter einem Umweltrating unterzogen. Manche Firmen kritisieren die Kriterien, nach denen der WWF beurteilt hat.

von Peter Jossi

«Die Unternehmen ergreifen nicht die aus Umweltsicht notwendigen Massnahmen», sagt Thomas Baumgartner, Manager Corporate Sustainability WWF Schweiz, «sondern jene, die rasche Erfolge versprechen. Einige ambitionierte Unternehmen zeigen in gewissen Bereichen auf, wie sich Umweltziele an den Grenzen der ökologischen Belastbarkeit orientieren und wie durch Zusammenarbeit mit Partnern in der Wertschöpfungskette gemeinsam Lösungen erarbeitet werden können. Diese Beispiele sind wegweisend für die künftige Entwicklung der Branche.» Corina Gyssler erläutert als Kommunikationsbeauftragte die Ziele, welche WWF Schweiz mit dem aktuellen und weiteren Ratings anstrebt: «Alle Ratings sind Bestandteil unserer Branchenstrategie. Wir wollen die wichtigsten Industrien, Wirtschaftsakteure etwa auch der Finanz- und Anlagebranche, bezüglich Ökologie vorwärts bewegen.» Die Branchen-Ratings im Gross- und Detailhandel sowie der Lebensmittelindustrie erlaubten eine umfassende Bewertung der wichtigsten Player und der Gesamtbranche. Die Branchenratings sind mit weiteren Bewertungen koordiniert, wie Gyssler betont: «Die Rohstoff-Ratings, etwa zu Palmöl und Soja, sowie das Rating der Lebensmittel-Labels bilden einen integralen Bestandteil der Branchen-Ratings.»
WWF Schweiz plant in Zukunft weiterhin regelmässige Ratings und Kampagnen in der Ernährungsbranche, wie Corina Gyssler bestätigt: «Die Branchen-Ratings werden in Zukunft voraussichtlich alle zwei bis drei Jahre wiederholt, um den Fortschritt der Unternehmen und der Industrie als Ganzes aufzuzeigen. Als nächstes steht wieder ein Rating vom Gross- und Detailhandel an.»

Nachhaltigkeit ist Teil der Strategie

Die Recherche bei den vom WWF bewerteten Unternehmen zeigt klar: Nachhaltigkeit ist längst Teil der jeweiligen Unternehmensstrategien und der täglichen Branchenpraxis. Sibylle Umiker ist beim Milchverarbeiter Emmi für die Konzernkommunikation zuständig und wirkt im «Steuerungsausschuss für Nachhaltigkeit» mit. Sie betont die positive Wirkung externer Ratings: «Für Emmi stellt die Nachhaltigkeit ein Differenzierungsmerkmal dar. Wir begrüssen es, wenn Nachhaltigkeit in der Öffentlichkeit ernsthaft thematisiert wird. Immer mehr Konsumenten in der Schweiz streben einen nachhaltigen Konsum an. Am einfachsten ist dies für viele beim Einkauf von Lebensmitteln.» Nachhaltigkeitsstandards nehmen auch in der Fleisch- und Fischindustrie-Verarbeitungsbranche eine wichtige Rolle ein. Die Firmen Bell AG, Micarna SA und Ernst Sutter AG bestätigen die Bedeutung der Nachhaltigkeit in der täglichen Praxis. Wichtige Elemente bilden neben den firmeninternen Abläufen die Beschaffungsstandards für die Schweiz und mit zunehmender Bedeutung auch beim Import.

Rating als Bestätigung und Herausforderung

Fabian Vetsch, Projektleiter Corporate Communication, zur Einschätzung der Bell AG: «Mit der Bewertung im WWF-Rating sind wir zufrieden. Wir sehen in der Gesamtbeurteilung die Realität gut abgebildet. Es zeigt uns, dass wir schon viel erreicht haben – aber auch, dass wir noch einiges vor uns haben. Daran wollen wir arbeiten.» Eine ähnliche Einschätzung gibt Roland Pfister, Leiter der Unternehmenskommunikation, der Micarna SA: «Das positive Ergebnis ist einerseits Lohn für die Bemühungen, welche in den letzten Jahren bezüglich einer nachhaltige Lebensmittelproduktion unternommen wurden. Andererseits zeigt es uns auch weitere Verbesserungsmöglichkeiten auf.» Die Geschäftsleitung der Ernst Sutter AG erachtet das Rating «als transparent, differenziert und fair». «Als wichtige Standortbestimmung werden wir die Ergebnisse analysieren und wo sinnvoll in unsere strategischen Entscheide einfliessen lassen», heisst es im Antwortschreiben. Sibylle Umiker verweist auf die mittlerweile bestehende Routine im Umgang mit externen Ratings: «Wir rapportieren unsere Nachhaltigkeitsaktivitäten seit 2011 nach den Vorgaben der Global Reporting Initiative (GRI). Dies ist nicht das erste Nachhaltigkeitsrating, dem Emmi unterzogen wurde. Die Stärken und Schwächen waren uns deshalb bereits bekannt. Die Einschätzung von Emmi ist für uns nachvollziehbar. Einige Punkte werden wir jedoch sicherlich mit dem WWF noch vertieft besprechen.»

Kritische Fragen zu den Ratingkriterien

Thomas Zwald, Generalsekretär der Cremo SA, kritisiert den «selektiven Ansatz» und die «Fokussierung auf einen Teilbereich der Nachhaltigkeit». Die Bewertung blende die in der Schweiz im internationalen Vergleich sehr strengen öffentlich-rechtlichen Normen aus. Diese garantierten bereits ein vergleichsweise hohes Mass an ökologischer Nachhaltigkeit. «Völlig fehl am Platz» ist nach Auffassung von Thomas Zwald das Kriterium «politisches Engagements in der Schweiz». Es sei nicht zulässig, von einem Unternehmen als Bewertungskriterium eine bestimmte ideelle oder politische Zweckbestimmung zu verlangen. «Das Rating orientiert sich an Zielvorstellungen und Erwartungen von WWF Schweiz – und den entsprechenden Interpretationsspielräumen». Die Bewertung sei zum Teil nicht verständlich oder nachvollziehbar. Thomas Zwald zeigt dies am Beispiel der Bewertungskriterien «Herkunft und Produktion der Rohstoffe» sowie «Lieferkettenmanagement» auf: «Rund 99 Prozent der Rohstoffe stammen bei Cremo aus der Schweiz und erfüllen die Anforderungen von «Suisse Garantie». Für den verschwindend kleinen Anteil importierter Rohstoffe liege ausserdem ein Nachhaltigkeitsnachweis vor, etwa ein Fairtrade-Zertifikat von Max Havelaar für Orangenkonzentrat. «Daraus hätte eine positivere, mit anderen Milchverarbeitern vergleichbare Bewertung resultieren müssen», so das Fazit von Thomas Zwald.

Grosser Aufwand für die Unternehmen

Ruedi Burkhalter ist bei der Ospelt-Gruppe als wichtigen Convenience-Hersteller und Zulieferer des Schweizer Detailhandels unter anderem für die Kommunikation zuständig: «Die Ospelt Gruppe legt grossen Wert auf die korrekte Haltung, Fütterung, den Transport und die Schlachtung der Tiere. Unsere Lieferanten verfügen alle über anerkannte Qualitätszertifikate und werden regelmässig intern sowie extern auditiert.»
Beim aktuellen Rating habe das Unternehmen bewusst auf die Teilnahme verzichtet, da Aufwand und Ertrag «für uns in keinem Verhältnis standen». Ruedi Burkhalter sagt zur entsprechenden Bewertung: «In der Kommunikation des WWF wurde dies als Intransparenz beurteilt. Dass wir gegenüber unseren nationalen und internationalen Grosskunden die teils sehr hohen Anforderungen als Lieferant stets erfüllen, wurde dabei komplett ignoriert, obwohl dem WWF das bekannt sein dürfte.»

Burkhalter kritisiert vor diesem Hintergrund die mangelnde Praxisnähe von Ratings dieser Art: «Die zunehmende Flut an Ratings muss kritisch betrachtet werden. Gerade für KMU-Betriebe sind der Aufwand und die Kosten, die damit verbunden sind, nicht zu unterschätzen.» Besonders für viele Gewerbebetriebe und KMU werde es zunehmend schwierig, den grossen Aufwand in der Dokumentation und Kommunikation ihrer Nachhaltigkeitsstrategien zu bewältigen. Dabei sei gerade bei kleineren Unternehmen die Nachhaltigkeitsleistung in der Praxis durchaus gut etabliert.
redaktion@alimentaonline.ch