Datum: Branche:

Gysi: Zwischen Handwerk und Industrie

Das Berner Traditionsunternehmen Gysi Chocolatier ist in der Mitte zwischen handwerklichem und industriellem Betrieb zu finden. Das hat durchaus Vorteile, wie der Chef Thomas Gysi sagt.

von Hans Peter Schneider

Die Mandeln werden nach dem Rösten ausgekühlt.
Inhaber Thomas Gysi erklärt anlässlich eines Betriebrundgangs die Kirschstängeliproduktion.
Nur zwei Unternehmen in der Schweiz produzieren auf ....
Kirschstängeliproduktion bei der Gysi AG.
Die Stängeli nach dem Schokoladeüberzug.
Im Berner Unternehmen finden viele Arbeitsschritte auch noch handwerklich statt.
Pralinén vor der Verpackung.
eine Mitarbeiterin sortiert Dragés werden aus.

Nach Ostern ist die Zeit der Schokohasen vorbei. Auch die Nougat,- Gianduja,- Zucker,- und Gelée-Eier, die Marzipan- und Choco-Lollies vom Chocolatier Gysi sind schon fast gegessen. «Jetzt herrscht in unseren Fabrikationsräumen eine ruhige Zeit», sagt Thomas Gysi, Inhaber von Gysi AG Chocolatier Suisse. Dennoch wird auch in der ruhigeren Zeit noch gearbeitet auf den Anlagen des Unternehmens in Bern Bümpliz. Gysi wird von der Schokoladeindustrie «liebevoll» als handwerklich, von den Confiseuren aber schon als «industrieller» Betrieb bezeichnet. Die Kirschstängeli beispielsweise werden in der Schweiz nur von Gysi und Lindt «industriell» produziert. Die Confiseure stellen diese nach wie vor in Handarbeit her. Obwohl Gysi mit Technologien wie der «Mogul», für die Kirschstängeli- der «One Shot» für Pralinén-oder mit Dragées-Anlagen arbeitet, wird auch ein grosser Anteil in Handarbeit gemacht. «Mit dem ‹Nebeneinander› von Automation und Handarbeit erreichen wir in den Fabrikations- und Verpackungsprozessen eine grosse Flexibilität», ist Gysi überzeugt.

Pakistan, Sri Lanka und Paraguay

In Handarbeit werden auch die Mandeln für die Dragées im Kupferkessel geröstet. Ein Teil der Mandeln sind Bio-zertifiziert und stammen aus Pakistan, der Bio-Zimt aus Sri Lanka, und der Rohrzucker für die Gysi-Dragées wird in Paraguay angebaut. Da das Unternehmen nicht von der Kakaobohne an Schokolade produziert, sondern Couverture bezieht, stammt auch diese aus unterschiedlicher Herkunft. Während Bio-Couverture von Chocolats Stella Bernrain stammt, wird die «normale» vom Couverture-Hersteller Felchlin in Schwyz bezogen. Der Zucker für die Gysi-Schokolade stammt abgesehen vom Bio-Fairtradezucker aus Schweizer Produktion.
Das Berner Traditionsunternehmen, das in den Dreissigerjahren von Grossvater Gysi als Confiserie und Tea Room im Stadtzentrum gegründet wurde, war einer der Pioniere im Bioschokkoladensegment. Schon 1997 begann Gysi Bioprodukte herzustellen, die bald ein Drittel des Umsatzes erreichten. Vor allem exportiert wurde die Bioschokolade. Heute sei der Bioumsatz jedoch deutlich tiefer, vor allem wegen der Währung, sagt Gysi. Dies weil der grösste Bioschokoladen-Kunde aus England stammt und das Pfund im 2007/2008 um rund 35 Prozent fiel. «Was wir im Export aufgebaut hatten, konnten wir unter diesen Umständen nicht mehr weiterführen», sagt Gysi. Heute laufe der Bioschokoladen-Export im vernachlässigbaren Bereich. Nur noch im Schweizer Detailhandel sei die Bioschokolade von Gysi zu finden.

Genuss mit Zusatznutzen

Der Konsument suche im Schokoladenregal in erster Linie nach Genuss, ist Gysi überzeugt. Dieser könne dann aber durchaus gepaart sein mit Aspekten wie Nachhaltigkeit, Bio, vegan oder Rohstoffen mit besonderen Eigenschaften wie Superfoods, denen eine positive Wirkung zugeschrieben wird. Gysi betrachtet den gesundheitlichen Aspekt als Zusatznutzen, sagt aber: «Ich würde nicht gerade einen Health Claim beantragen». Dies einerseits wegen der Komplexität, andererseits aber auch, weil dann der Gesundheitsaspekt nicht Zusatznutzen wäre, sondern identitätsstiftend. Zudem gebe es es auch Möglichkeiten, Schokoladenprodukte in Kombination mit süss und sauer zu entwickeln, auch im Zusammenhang mit sogenannten «Superfoods» gebe es spannende Themen.

Partnerschaft quer gedacht

DEn Erfolg verdankt das Unternehmen nicht einer eigenen Marke, Gysi ist ein typischer Private-Label-Hersteller. Zum Beispiel produziert Gysi Schokolade unter der Marke und mit der Form der Victorinox-Sackmesser. Diese werden laut Gysi in alle Welt exportiert. Als er mit seiner Idee zum Victorinox-Chef reiste, habe ihm der sofort eine CD mit dem Victorinox-CI in die Hände gedrückt. Gysi produziert auch Pralinén, die in britischen Detailhandelshäusern wie Waitrose oder Tesco eine reichere Kundschaft ansprechen. Kürzlich erhielt Gysi einen Award von der Academy of Chocolate (AOC).

England-Erfahrungen von Vorteil

Nach Grossbritannien exportiert Gysi bereits seit Jahren. So gehörte Gysi zu den ersten Schweizer Firmen, die nach dem Standard BRC zertifiziert wurden. «Unsere Kunden prägten die Standards von der ersten Stunde an», sagt Gysi. Die Schokoladeunternehmung ist heute mit verschiedenen Standards wie RSPO, RSPO-Segregated, ISO 9001 und 14 001, Bio Suisse, EU Bio, FLO (Fairtrade), UTZ oder Smeta4-Pillar (basierend auf der Ethical Trade Initiative) auditiert. Zudem ist die Firma Gysi ein «garantiert erdnussfreier Betrieb».
Die Kleinheit habe auch seine Vorteile, ist Gysi überzeugt. So könne er auch die Nischen besetzen, welche die «Grossen» nicht ausfüllen könnten. Pro Lot könne ab 150 Stück produziert werden. Die 70 Mitarbeiter können zwar auf Maschinen, aber auch halbindustriell und sogar handwerklich die Produkte herstellen.
hanspeter.schneider@rubmedia.ch