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Amazon wird zum Lebensmittelhändler

In den USA hat der Händler Amazon den Laden ohne Kasse lanciert. In Deutschland bietet er seit Kurzem einen Lieferdienst für frische Lebensmittel. Und in der Schweiz soll schon bald der Dienst «Pantry» starten.

Unter den Onlinehändler ist Amazon schon lange Branchenprimus. Und 2015 hat er es unter die zehn grössten Detailhändler weltweit geschafft, zusammen mit Wal-Mart, Carrefour, Alid, Lidl und anderen. Der weltweite Umsatz von Amazon betrug 107 Milliarden Dollar, im letzten Jahr wuchs der Umsatz auf 136 Milliarden an. In den USA geht der Aufstieg von Amazon einher mit einem massiven Einbruch im stationären Handel. Ehemals stolze Ladenketten wie Sears oder Macy’s haben in den letzten Jahren massiv Umsätze eingebüsst. Besonders augenfällig wird die Entwicklung in den sogenannten Dead Malls, den «toten» Einkaufszentren. Das bedeutet nicht, dass der stationäre Handel keine Zukunft hat. Aber auch hier will Amazon Schrittmaccher sein. Die Firma eröffnete Ende 2016 in Seattle einen Laden – einen ohne Kasse, bei dem die Kunden sich beim Eintreten automatisch einloggen. Sie wählen die Produkte aus, beim Verlassen des Ladens werden die Einkäufe automatisch erfasst und später per Kreditkarte abgerechnet. Same Day Delivery In Grossbritannien ist Amazon im Sommer 2016 mit dem neuen Dienst «Fresh» eingestiegen. Anfang Mai nun wurde dieses Angebot auch in Deutschland, genauer gesagt vorerst in Berlin, lanciert. Das «Fresh»-Sortiment umfasst insgesamt 85 000 Produkte, darunter mehrere hundert aus Berliner Spezialitätengeschäften. Kunden können bis Mittag bestellen und die Waren vor dem Abendessen erhalten, oder bis 23 Uhr bestellen und die Waren am folgenden Tag in einem gewählten 2-Stunden-Zeitfenster erhalten. Die Lieferung erfolgt mit dem Logistikanbieter DHL. Neben frischem Obst, Gemüse, Fleisch, Milchprodukten und frischen Backwaren bietet Amazon rund 6000 Bioprodukte und glutenfreie, lactosefreie und vegane Artikel sowie ein umfangreiches Sortiment an Baby-, Gesundheits- und Beauty-Artikeln. Markenatikel wie Coca Cola, Herta oder Magnum und Eigenmarken-Artikel der deutschen Migros-Tochter Tegut sind ebenfalls im Sortiment. Um «Amazon Fresh» zu nutzen, müssen Kunden bei «Amazon Prime» registriert sein. Mit «Prime» profitieren Kunden von gratis Lieferungen, Gratis-Ebooks und Gratis-Online-Speicherplatz - für eine Gebühr von 70 Euro pro Monat. «Amazon Fresh» ist zu Beginn kostenlos, soll aber nach einer Testphase von einem Monat zehn Euro pro Monat kosten, bei einem Mindestbestellwert von 40 Euro. Wer weniger bestellt, wird Versandkosten von 6 Euro pro Lieferung bezahlen müssen. Das zeigt schon: Das Angebot ist nicht für Kunden, die aufs Geld achten müssen. «Amazon Fresh» richtet sich vielmehr an Kunden mit wenig Zeit, die rasch und bequem ihre Einkäufe erledigen wollen. Amazon greift im Onlinehandel mit Lebensmitteln an – nicht mit Tiefpreisen, sondern mit Service. Viele Detailhandelsexperten waren sich bisher einig, dass die Kunden im Allgemeinen für Online-Bestellungen und Lieferungen von Produkten nicht generell höhere Preise akzeptieren. Riesiges Sortiment Der grosse Vorteil für «Amazon Fresh» ist die grosse Anzahl der Artikel. Das Sortiment ist weit grösser als dasjenige der Online-Konkurrenten Rewe und Kaufland mit je rund 10 000 Produkten. «Der Kunde kauft im Netz nicht so ein wie in einem stationären Geschäft», sagte der deutsche Handelsexperte Stephan Rüschen gegenüber dem Magazin «e-tailment». «Online sucht er sein Produkt – und bei Amazon wird er es finden.» Rüschen glaubt, dass der Onlinelebensmittelhandel, der in Deutschland derzeit nur ein Prozent des Gesamtlebensmittelmarktes ausmacht, in den nächsten sechs Jahren rasant ansteigen könnte, auf bis zu zehn Prozent. Er vermutet, dass dadurch im stationären Handel die Ladenschliessungen zunehmen werden und vielleicht auch eine der grossen Discountketten im Preiskampf aufgeben wird. Die Lancierung eines Frischedienstes durch Amazon war in Deutschlad schon länger bekannt, offenbar gab es Verzögerungen. Ähnlich wie vor dem Markteintritt von Aldi in der Schweiz vor 12 Jahren führte der angekündigte Markteintritt von «Amazon Fresh» bei der Konkurrenz zu präventiver Aufrüstung. Migros begann damals M-Budget neu zu puschen und Coop lancierte Prix Garantie. Rewe baute 2016 den Onlinehandel aus und erzielt inzwischen in 75 deutschen Städten über 100 Millionen Euro Umsatz im Onlinemarkt. «Wir müssen uns warm anziehen gegen Amazon Fresh», sagte Caparros 2016 der «Rheinischen Post». Der deutsche Marktanalysedienst LZ Retailystics schätzt, dass Amazon im Online-Lebensmittelmarkt in fünf Jahren einen Umsatz von rund 120 Millionen Franken erzielen könnte. Gerüchte um Schweizer Markteintritt Auch in der Schweiz sorgte Amazon kürzlich für Schlagzeilen. Die Handelszeitung deckte auf, dass Amazon «in einigen Monaten» ein neues Angebot lancieren will. Dabei handle es sich um den Food-Lieferdienst «Pantry», auf deutsch: Vorratsbox. Pantry ist eine Kiste, die der Kunde online mit höchstens 20 Kilogramm Ware befüllen und sich dann liefern kann. Das Angebot umfasst länger haltbare Lebensmittel, Near-Food-Produkte, Haushalt- und Bürobedarf. «Amazon Pantry» gibt es auch in Grossbritannien, Deutschland und Österreich, in Deutschland seit Oktober 2015 mit einem Sortiment von 8000 Artikeln. «Pantry»-Kunden müssen auch Mitglied bei «Amazon Prime» sein und bezahlen pro Lieferung pauschal 2.99 Euro. Im Sortiment sind auch viele Markenprodukte, auch aus der Schweiz, mit Lindt, Ricola Maestrani oder Kägi, oder auch die Tegut-Eigenmarke «Amandesse», produziert von Midor. Die Handelszeitung zitierte Patrick Lobsiger, seit Ende 2016 Chef von Amazon «Pantry» für die Region DACH und früher Topmanager bei Aldi Suisse, mit den Worten: «The disruption phase in the online food retail industry in the German speaking world has just started …», was so viel heisst, wie: «Die Umbruchphase im deutschsprachigen Lebensmittelonlinehandel hat gerade begonnen.» Eine selbstbewusste Aussage aus dem Hause Amazon, die durchaus als Drohung verstanden werden darf. Amazon beliefert heute Kunden aus der Schweiz von Deutschland aus, ohne Standort in der Schweiz. Mit der Lancierung von «Amazon Pantry», ohne Frischeprodukte, wäre dies weiterhin möglich. Einen teuren eigenen Standort in der Schweiz müsste Amazon eröffnen, sobald Frischprodukte und ein «Same Day Delivery»-Dienst wie in Deutschland angeboten werden sollte. Eine zusätzliche Hürde für den Lebensmittelbereich sind die Importzölle und -kontingente auf viele Landwirtschaftsprodukte, etwas, was Amazon von Büchern, Kleidern, Geräten und anderen Produkten, die in die Schweiz geliefert werden, nicht kennt. Der E-Commerce-Experte Thomas Lang betrachtet einen zu erwartenden Einstieg mit Amazon Pantry als Markttest für die Schweiz. «Für die knallhart kalkulierenden Amazon-Manager wird schnell klar sein, dass man in der Schweiz im Bereich von Lebensmitteln noch Geld verdienen kann – die Margen sind durchaus attraktiver als in anderen Ländern», schreibt Lang in seinem Blog Carpathia. Die Schweizer Detailhändler wollen sich derzeit zu den Gerüchten nicht äussern. Le Shop-Chef Dominique Locher hat «Respekt vor Amazon, aber keine Angst.» Er bezeichnet den Lebensmittel-Online-Verkauf selbstbewusst als «Königsdisziplin». Gegenüber «20 Minuten» sagte er, Amazon könnte in diesen Bereich mehr Bewegung hineinbringen und so auch Le Shop helfen, mehr Kunden zu gewinnen. Locher beurteilt auch die Hürden für Amazon, in der Schweiz ein Lager und Logistik zu etablieren, als nicht so gross. «Die Schweiz ist logistisch gesehen vergleichsweise kompakt», sagt er. Amazon könnte so die hohe Kaufkraft recht einfach abschöpfen. Eine riesige Schweizer Kundenkartei habe Amazon bereits. Kein einfacher Markt Detailhandelsexperte Thomas Hochreutener von GfK Schweiz sieht es deutlich skeptischer. Bisher verdiene im Schweizer Onlinehandel mit Lebensmitteln niemand richtig Geld. Amazon «Pantry» solle für die Kunden auch preislich attraktiv sein, deshalb werde auch Amazon mit Lebensmitteln keine guten Margen erzielen. «Die Post geht im Non-Food-Bereich ab», sagt er. Dort sei Amazon bereits stark, ohne in der Schweiz grossen Aufwand zu betreiben. Für «Pantry» brauche Amazon einen Logistikpartner, es bleibe abzuwarten, was nun aus den Gerüchten werde. Auch, dass Amazon irgendwann mit «Fresh» in die Schweiz kommen könnte, hält Hochreutener für wenig plausibel. Ein solcher Frischedienst würde massive Investitionen bedingen, um den relativ kleinen und schwierigen Schweizer Markt zu bedienen, sagt er. Dazu komme, dass hierzulande Eigenmarken bei Migros und Coop sehr stark seien, auch dies dürfte den Markteintritt von Amazon eher behindern. roland.wyss@rubmedia.ch

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