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Unbehagen wegen neuem Verteilsystem

Der Bund will den Marketingorganisationen für Schweizer Lebensmittel Marketinggeld nach neuen Regeln auszahlen. Diese sind nicht einverstanden, zum Beispiel die Hersteller der AOP-IGP-Produkte

von Hans Peter Schneider

Alain Farine.

Die neue Absatzförderungsstrategie des Bundes für das Lebensmittelmarketing ist grundfalsch. Dieser Meinung waren wohl alle Teilnehmer an der Generalversammlung der AOP-IGP-Vereinigung von letzter Woche. Gerade AOP-Produkte gehörten zu den wertschöpfungsstarken und würden sicher von der vollen Förderung profitieren, sagte Alain Farine, Direktor der Vereinigung. Mit der neuen Regelung möchte der Bund die Marketingmassnahmen der Branchenorganisationen jedes Jahr prüfen und nach einem Punktesystem bewerten. Die «guten» Marketingprojekte sollen weiterhin 50 Prozent der Kofinanzierung erhalten, die weniger «guten» nur noch 40 Prozent (s. alimenta Nr. 4 vom 26. Februar 2017). Farine sieht mit dem neuen System eine Unsicherheit auf die Branchen zukommen. Was macht man, wenn man im November vom Bund Bericht erhält, dass im laufenden Jahr weniger Geld für das Marketing kommt? «Die Werbeverträge werden meistens für drei Jahre gemacht», sagt Farine. Damit würden die Organisationen vorsichtshalber gar nicht mehr mit den zehn Prozent rechnen.

Sind Akteure unfähig?

Damit entscheide das BLW, wo zum Beispiel die Sorten die Akzente setzen, sagte Farine weiter. Es könne nicht sein, dass ein Beamter entscheide, was gut für die Wein- oder die Käsebranche sei. Ausser die Akteure der Branche wären alle unfähig. Derzeit laufe die Vernehmlassung und alle Vermarktungsorganisationen hätten ihre Stellungnahme eingereicht, sagte Farine. Und diese seien unisono gegen das neue System gerichtet. Es könne nicht sein, dass man die Werbekampagnen jedes Jahr neu definieren müsse. «Eine gewisse Kontinuität muss gewährleistet sein», sagte auch Géraldine Savary, Präsidentin der AOP-IGP-Produzenten in ihrem Referat im Bellevue. Paolo Degiorgi vom Bundesamt für Landwirtschaft BLW hielt es aber für wichtig, dass das Geld dorthin fliesse, wo die Wirkung am grössten sei. Es gebe zum Beispiel viele Journalisten, die sich brennend dafür interessieren würden, wie viel Geld in die verschiedenen Branchen fliesse, sagt Degiorgi.

Schlechteres Jahr 2016

Der starke Franken ist immer noch ein Thema, er führte dazu, dass 2016 fünf Prozent weniger AOP-IGP-Produkte verkauft wurden. Géraldine Savary zeigte im Berner Bellevue jedoch die positiven Schlüsselzahlen von AOP-IGP-Produkten auf: 21 AOP- und 12 IGP-Produkte sind geschützt. Total wurden letztes Jahr 64 387 Tonnen Produkte abgesetzt und damit 630 Mio. Franken Umsatz bei der Herstellung und 1,3 Mrd. Franken beim Verkauf gemacht. 15 000 Arbeitsstellen in Produktion und Verarbeitung und 10 000 landwirtschaftliche Betriebe – ein Fünftel aller Schweizer Betriebe – sind in der Herstellung von AOP-Produkten tätig.
Die Vereinigung möchte drei neue Produkte aufnehmen, so das Freiburger Safrangebäck Cuchaule oder den Absinth du Val de Travers. Das Appenzeller Mostbröckli ist ein weiterer Kandidat, doch dort liefen noch Diskussionen bezüglich der Swissness-Adaptation, wie Savary sagte. AOP-IGP engagiere sich auch im Kampf gegen die übermächtige Lobby der US-Lebensmittelindustrie. Über die internationale Vereinigung Origin zahlen die AOP-Mitglieder 30 000 Franken als Mitgliederbeiträge ein, um den Kampf mitzufinanzieren. Im Inland werde die Weinbranche dieses Jahr von AOC auf AOP umstellen, wie es die übrigen Spezialitäten schon vor zwei Jahren gemacht haben, sagte Farine. Schliesslich würden die importierten EU-Weine auch AOP auf der Etikette tragen.

AOP-Produkte als Streetfood

Beim Bekanntheitsgrad der AOP-IGP-Produkte konnte laut Farine wieder etwas Boden gut gemacht werden. Seit dem 14-prozentigen Verlust des Bekanntheitsgrades des Labels AOP, infolge des Wechsels von AOC zu AOP (Appelation d’origine protégé), sei der Bekanntheitsgrad national wieder auf 49 Prozent gestiegen. In den Absatzförderungsmassnahmen seien letztes Jahr 6 Prozent mehr Kontakte erzielt worden. Dies, obwohl AOP an einer grossen Messe, dem Comptoir in Lausanne, nicht mehr teilnimmt. Jetzt soll aber bald der Food Truck starten. Und zwar vom AOP-eigenen Restaurant Lötschberg in Bern aus. Die Vereinigung habe schon ein kleines dreirädriges Auto zur Promotion bestellt, wie Farine sagte. An verschiedenen Standorten werde dieses zum Einsatz kommen, etwa an Musikfestivals oder in Innenstädten. Damit sollen die AOP-Produkte in einer anderen Darreichungsform, etwa als Sandwiches dargeboten werden. Klar seien es immer noch traditionelle AOP-Produkte, einzig die Konsumart sei anders. Ein bisschen moderner, wie Alain Farine sagt, oder neudeutsch als «Street Food».
hanspeter.schneider@rubmedia.ch