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Wegen Mini-Ernte: Schweizer Zwetschgenschnaps wird knapp

Obstbauern erwarten heuer eine der kleinsten Brennzwetschgen-Ernten der letzten Jahre. Grund sind die Frostnächte im April. Brennereien müssen sich teils im Ausland mit Früchten eindecken.

von lid (Michael Wahl)

Die Zwetschgen-Ernte ist in diesen Tagen angelaufen. Wie bei den Kirschen haben die Frostnächte im April auch bei den Zwetschgen deutliche Spuren hinterlassen. Der Schweizer Obstverband (SOV) rechnet mit rund 700 Tonnen Brennzwetschgen. Das sind 45 Prozent weniger als im letzten Jahr bzw. 75 Prozent weniger als im Schnitt der letzten drei Jahre. “Trifft die Schätzung zu, könnte es eine der kleinsten Ernten der letzten Jahre werden”, sagt SOV-Vizedirektorin Josiane Enggasser.

«Ein so schwaches Erntejahr habe ich noch nie erlebt»

sagt Daniel Hecht, der seit 1986 die Hecht Distillerie AG in Sempach LU führt und Vizepräsident des Fachbereichs Brennerei des SOV ist. Hecht geht davon aus, dass der Bedarf der Brennereien voraussichtlich nicht gedeckt werden kann und Importe nötig sein werden. Er selber hat bereits Vorkehrungen getroffen und ausländische Lieferanten kontaktiert. Eine Zusage erhielt er aber bislang noch nicht. «Auch im Ausland sind Zwetschgen wegen des Frosts nicht in rauen Mengen vorhanden», gibt Hecht zu bedenken.

Das Problem der Brennereien: Bereits die letzten beiden Brennzwetschgen-Ernten fielen unterdurchschnittlich aus, die Lager sind entsprechend gering gefüllt. Gemäss Obstverband ist derzeit noch Zwetschgenbrand für rund 6 Monate an Lager. Im Winter könnte es laut Hecht knapp werden. Gerade während der Skisaison sei Zwetschgenschnaps besonders beliebt – als «Kafi Luz». «Wenn wir einen milden Winter haben wie den letzten, könnte es eventuell bis im nächsten Jahr reichen», mutmasst der Brenner.

Bund erleichtert Import

Der Bund hat angesichts der drohenden Brennzwetschgen-Knappheit bereits die Import-Regeln gelockert. Brenner können in diesem Jahr deshalb vereinfacht Brennzwetschgen einführen. Noch ist nicht klar, wie viele Zwetschgen die Brenner letztlich erhalten. Weil das Angebot an Tafelzwetschgen eher knapp sei, könnten qualitativ gute Brennzwetschgen womöglich als Tafelware verkauft werden und so den Mangel verschärfen, befürchtet Hecht.
Die Schätzung von Brennfrüchten werde immer schwieriger, betont Hansruedi Wirz, Präsident des Produktezentrums Kirschen/Zwetschgen des Schweizer Obstverbandes. Denn wie viele Zwetschgen letztlich im Fass landen, hängt nicht nur von den Launen der Natur ab, sondern auch vom Verhalten der Bauern. “Früher war es selbstverständlich, dass man die Obstbäume abgeerntet hat, heute hingegen nicht mehr”, sagt Wirz. Vielfach läuft die Brennzwetschgen-Ernte auf den Betrieben nebenher: Hat ein Bauer gerade Zeit, pflückt er die Brennfrüchte; gibt es wichtigere Arbeiten zu erledigen, bleibt das Obst hängen.
Mehr Geld für Früchte

Um die Obstbauern zum Pflücken zu motivieren, hat die Branche in diesem Jahr deshalb eine Bonus-Zahlung beschlossen. Pro kg Brennzwetschgen erhalten Obstbauern 5 Rappen zusätzlich.

«Damit wollen wir einen Anreiz schaffen, damit Produzenten ihre Brennzwetschgen abliefern»

sagt Daniel Hecht. Während in diesem Jahr der Frost das grosse Problem ist, wird mittel- bis langfristig die Herausforderung sein, das Produktionspotenzial zu erhalten. Zum Brennen werden grösstenteils ältere Sorten wie Fellenberg, Bühler oder Hauszwetschgen verwendet. Die Bäume sind vielfach in die Jahre gekommen: «Die eigentlichen Brennzwetschgen-Bäume sind im AHV-Alter. Neupflanzungen sind dringend notwendig», mahnt Hansruedi Wirz.