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Mit wenig Verpackung lange haltbar

Die Anforderungen an Lebensmittelverpackungen steigen stetig an, die Forschung ist gefragt. Wohin die Reise geht, zeigte die Lebensmittel­tagung «Verpackung der Zukunft» der ZHAW in Wädenswil.

von Roland Wyss

Thomas Gude vom SQTS-Labor.
Nuria Herranz vom spanischen Institut für Verpackung.
Nadja Rüegg von der ZHAW.
Robert Witik von Nestlé Research Schweiz.
Harald Pilz von der österreichischen Beratungsfirma Denkstatt.

Was erwarten Kunden von Lebensmitteln? Sie sollen unter anderem möglichst praktisch, möglichst frisch und möglichst lange haltbar sein, am besten verpackt in möglichst wenig und möglichst nachhaltige Verpackungen. Für die Verpackungsindustrie kommt all das der Quadratur des Kreises gleich. Welche Fortschritte und neue Lösungen es in der Verpackungstechnik gibt, war das Thema des Lebensmitteltags vom 23. November an der ZHAW in Wädenswil.

Für den Weltkonzern Nestlé ist Verpackung ein zentrales Thema, wie Robert Witik von Nestlé Research Schweiz erklärte. in den verschiedenen Märkten gebe es unterschiedliche Kundenbedürfnisse nach unterschiedlichen Verpackungen. Nachhaltigkeit bedeutet bei Nestlé, dass der ganze Lebenszyklus eines Produktes oder einer Verpackung betrachtet wird, die Entwickler sind dazu angehalten, das Optimum zu finden zwischen möglichst wenig Materialverbrauch und möglichst hohem Schutz, sie sollen selber «life cycle thinking» machen und dies nicht an eine Nachhaltigkeitsstelle auslagern.

Nestlé verkauft pro Tag eine Milliarde Produkte, das sei eine Milliarde Möglichkeiten, mit den Kunden in Kontakt zu kommen, sagte Witik. Man müsse sich zunutze machen, dass die Menschen immer vernetzter seien. Das grosse Thema sei, wie man die physische Welt der Produkte mit der digitalen Welt verknüpfen könne. In Südkorea beispielsweise hätten Kunden immer mehr die Möglichkeit, in «Restzeiten» einzukaufen, etwa wenn sie gerade auf den Zug warteten und mit dem Handy an einem Einkaufposter das Benötigte rasch onlinke kaufen könnten.

Aktiv und intelligent

Welche aktuellen Forschungen betrieben werden, erklärte Nuria Herranz vom spanischen Institut für Verpackung, Transport und Logistik in Valencia auf. Biologisch abbaubare, Sauerstoff und Feuchtigkeit absorbierende Verpackungen für heikle Produkte wie getrocknete Babynahrung sind zukunftsweisend.
In den Bereich «intelligente Verpackung» fallen auch Verpackungen, die mit Farbindikatoren anzeigen, wie frisch das verpackte Produkt ist. In Japan sind solche Verpackungen im Einsatz, andernorts scheut die Industrie aus wirtschaftlichen Gründen davor zurück, diese Indikatoren zu verwenden.

Sauerstoff absorbieren

Nadja Rüegg von der ZHAW stellte das Forschungsprojekt eines Sauerstoff-Scavengers vor. Sauerstoff führt bei vielen Lebensmitteln dazu, dass sie oxidieren und sich farblich verändern, je nach Fettgehalt ranzig werden oder auch Schimmelpilze entwickeln. Der Scavenger – eine Selbstklebefolie mit dem Metall Palladium entzieht dem Verpackungsinnenraum Sauerstoff, damit die Haltbarkeit deutlich verlängert werden kann. Eine normale Schutzatmosphäre, mit der etwa Schinken verpackt wird, enthält 0,5 bis 5 Prozent Restsauerstoff. Der Restsauerstoff, gemeinsam mit Lichteinwirkung, führt dazu, dass der Schinken gräulich wird. Mit dem Scavenger konnte der Restsauerstoff in verschiedenen Versuchen sehr rasch stark vermindert werden, wie Rüegg erklärte. Auch das Wachstum von Mikroorganismen konnte verzögert werden.

Ein Insider aus der Industrie erklärte allerdings gegenüber alimenta, die Scavenger-Tests mit Schinken seien bisher nicht befriedigend gewesen. Der Sauerstoff, der vom Schinken selber in die Verpackungsatmopshäre abgegeben wird, habe so nicht wirkungsvoll abgebaut werden können. Hingegen gebe es beim Licht einen Ansatzpunkt: Es habe sich gezeigt, dass bestimmte Lichtfrequenzen mitverantwortlich seien für das Grauwerden von Schinken. Abhilfe schaffe hier ein rötliches Licht im Schinkenregal.
Vollends Zukunftsmusik ist die von ZHAW-Mikrobiologen Lars Fieseler vorgestellte Methode, mit Nanofaser-Vliesen bestimmte Stoffe abzugeben, welche die Haltbarkeit verlängern. Die Nanofasern sind innen hohl und können beispielsweise Bakteriophagen beherbergen, welche dann abgegeben werden, um gezielt schädliche Keime wie pathogene Listerien gezielt zu inaktivieren.

Beim schwierigen und unübersichtlichen Thema Migration – dem Übergang von Stoffen aus Verpackungen in Lebensmittel – erläuterte Thomas Gude vom Migros-Labor SQTS die unterschiedlichen Philosophien in verschiedenen Ländern. Während die US-Behörde FDA vor allem Materialien prüft und vieles bewilligt, prüfen die EU-Behörden chemische Verbindungen und machen gründliche Untersuchungen – mit dem Effekt, dass alles viel länger dauert. China, der kommende wichtige Player, positioniert sich dazwischen. Gude plädierte stark dafür, dass Behörden pragmatisch und plausibilitätsbasiert Materialien prüfen, die auch tatsächlich genutzt werden und nicht systematisch alle möglichen chemischen Verbindungen prüfen.

Verpackung nicht überbewerten

In Wädenswil wurden auch Vorurteile zu Verpackung und Nachhaltigkeit zurechtgerückt. «Verpackung ist Abfall, den man täglich sieht», sagte Gerald Rebitzer, Sustainability Director beim Verpackungshersteller Amcor. Das gebe der Verpackung im öffentlichen Bewusstsein ein Gewicht, das sie eigentlich nicht habe. Er erklärte, dass beispielsweise bei einer Tasse Kaffee die Verpackung lediglich zwei Prozent des ökologischen Fussabdruckes ausmache. Auch der Transportanteil sei mit drei Prozent sehr klein. Hingegen falle die Produktion und das Erhitzen des Wasser mit 50  Prozent und 45 Prozent stark ins Gewicht. Der Anteil der Verpackungen liege bei den meisten Lebensmittel bei unter zwei Prozent, sagte Rebitzer. Eine Ausnahme sei Wasser, wo die Produktherstellung selber fast vernachlässigbar sei und wo die Verpackung auch mehr koste als der Inhalt.
Auch Kaffeekapseln seien übrigens ziemlich ökologisch, denn sie führten dazu, dass weniger Kaffee verbraucht werde, als wenn ganze Krüge mit Kaffee gemacht und nicht ausgetrunken würden.

Auch Harald Pilz von der österereichischen Beratungsfirma Denkstatt fand, die Ge-sellschaft lege den Fokus zu stark auf Abfallverwertung. Die Herstellung und die Gebrauchsphase von Produkten sei aus Nachhaltigkeitssicht ungleich wichtiger. Wenn von Rindfleisch weniger weggeworfen werde, sei der ökologische Einfluss ungleich viel grösser als wenn bei der Verpackung etwas gespart werde. «Man sollte nicht vergessen, wo die grossen Schrauben sind.»
roland.wyss@rubmedia.ch