Datum: Branche:

Süsser Genuss plus

Mit neuen Ernährungstrends wird auch das Süsswarengeschäft anspruchsvoller, wie sich an der Süsswarenmesse ISM in Köln zeigte. Die Schweizer Schokoladenhersteller zeigten neue Geschmacksvarianten.

von Roland Wyss

Der Blickfang an der ISM bleiben die bunten Süssigkeiten.
Der Blickfang an der ISM bleiben die bunten Süssigkeiten.
Die Firma ist stark im Export tätig. Firmeninhaber Thomas Gysi an der wichtigsten Süsswarenmesse ISM in Köln.

Der oberflächliche Eindruck, der an der ISM entstand: Von den knallig-bunten süssen Zuckerwaren in allen Farben, von den neon-leuchtenden Süsswarenständen gab es weniger. Dafür dividiert sich das Angebot an Süsswaren, Schokolade, Backwaren und Snacks immer mehr aus, entsprechend den aktuellen Trends: zuckerreduziert oder zuckerfrei, glutenfrei, vegan, proteinreich, fettarm, bio, Fair Trade oder versetzt mit «Superfoods» wie Chia, Amaranth, Quinoa, Moringa. Verkaufsargumente sind auch: kein Palmöl, keine Zusatzstoffe oder grundsätzlich eine nachhaltige Produktion.

Süss, aber ohne Zucker

Die Schweizer Präsenz war vergleichbar mit den letzten zwei Jahren, frühere Aussteller wie die Migros-Betriebe Frey und Midor oder auch Läckerli Huus, Zweifel, Damaco und Schönenberger sind nicht mehr dabei. 14 Firmen präsentierten sich am gemeinsamen Auftritt von Switzerland Global Enterprise S-GE in Halle 4.2. Die Stimmung bei den Schweizern war verhalten optimistisch, manche monierten, dass mit der Gulfood-Konkurrenz von Mitte Februar die ISM noch europalastiger geworden sei, und dass die europäischen Märkte zu wenig dynamisch seien. Viele Fachbesucher aus dem Nahen und Fernen Osten sparen sich inzwischen den ISM-Besuch und pilgern an die Gulfood nach Dubai.

Voll im Trend mit «süss, aber ohne Zucker» liegt die Firma HPW von Hanspeter Weder, Hersteller von getrockneten Fruchtprodukten. HPW lancierte nicht nur die brandneue Marke «Tropicks» an der Messe, sie gewann mit ihren neuen Fruchtbällchen auch gleich den Wettbewerb um das «Best New Product». Die Geschmacksvarianten sind Mango-Kokosnuss und Ananas-Mango-Limetten. Weder sagte gegenüber alimenta, für die Bällchen gebe es schon Interesse von Schokoladeherstellern, die diese überziehen wollen, allerdings nicht aus der Schweiz. Weder produziert in Ghana, dem Ursprungsgebiet aller verarbeiteten Früchte, in einer Fabrik mit 1000 Mitarbeitern und hat in eine neue Abpackanlage investiert. Wichtigster Exportmarkt ist Europa, wo Weder knapp ein Drittel aller getrockneten Mangos liefert. Interessant sind die USA, wo die Produkte mit afrikanischem Ursprung offenbar in den black communities grossen Anklang finden. Weders Markt ist ein konstant wachsender, der Bedarf an ungezuckerten Früchten sei ungebrochen, auch und vor allem im BtoB-Bereich für Frucht- und Müeslimischungen und ähnliches. In der Schweiz beliefert Weder bereits alle grossen Kanäle, nun will er auch die eigene Marke Tropicks «von unten her einführen», wie er sagt, beginnend bei kleineren Detailhändlern.

Süsses mit Zusatznutzen

Das traditionelle Zuckerwarengeschäft mit Bonbons oder Gummiprodukten stagniert oder geht zurück, wie die Stände von F. Hunziker oder Zile zeigten. Umso interessanter sind Produkte mit Zusatznutzen. F. Hunziker stellte die «Popping Sticks» vor, Sachets mit einem Sprudelpulver, das alle Vitamine enthält, die ein Kind an einem Tag benötigt. Die Cranberry Gummies wirken dank Wirkstoff aus dem Cranberry präventiv gegen Harnweg-Infektionen. Gummy-Produkte bietet F. Hunziker auch vitaminisiert und als vegane Variante an, mit Pektin und etwas weicher im Biss. Over the counter (OTC) Produkte mit gesundheitlicher Wirkung, aber ohne Rezeptpflicht, sind in den USA und Grossbritannien ein grosser Markt, wie Rebecca Oeschger, Junior Key Account & Product Manager, erklärte.

Auch bei Ricola setzt man auf Zusatznutzen, mit den «Herbal Immunity»-Produkten, die das Immunsystem stärken, neu als Gummy-Variante mit Zitrusgeschmack, und als Bonbon mit Honig. Gemäss Marketingchef Toni Humbel werden die Produkte in den USA nun ein Jahr lang im Markt getestet, und das recht breit, gehört doch Wal-Mart zu den Handelspartnern. Insgesamt schickt Ricola ein Drittel der Exporte in die USA.

Anspruchsvoller Backwarenmarkt

Dass auch im Preiskampf-Markt Deutschland für Schweizer Produkte manches möglich ist, zeigt die Conditoria aus Sedrun. Firmenchef Reto Schmid hat das Sortiment der «kleinsten Bündner Nusstorte der Welt» um die Varianten Aprikose und Birnen erweitert. Seit er die Packungsgrösse von 12 auf 6 Stück pro Beutel reduziert hat, laufen die Verkäufe gut, wie Schmid erklärt. Verkauft werden die Beutel je nach Kanal für 2,99 bis 3,99 Euro.

Biskuithersteller Hug konzentrierte sich gemäss Exportleiter Bruno Winiger vor allem auf Kundenpflege mit aussereuropäischen Kunden. Die Tartelettes sind an der ISM kein Thema, sie werden an den Gastromessen wie der Intergastra präsentiert. Mit Tartelettes vor Ort war aber Konkurrent Ueli Faes, Chef der Glarner Feingebäck AG. Als BtoB-Lieferant finde er an der ISM immer weniger das passende Publikum, sagte Faes, er überlegt sich, nur noch auf die Messen in Dubai zu setzen. Mit dem starken Franken ab 2015 hat Faes in Deutschland viele Kunden verloren, die nicht mehr zurückgekommen sind.
Kambly will mit der neuen Fabrik in Ravensburg im Premium-Segment aus Deutschland wachsen, wie CEO Hans-Martin Wahlen erklärte. Die Technologie bei den drei Feingebäcklinien und der Qualitätsanspruch sei der gleiche wie in der Schweiz, die Rohstoffe und Herstellungskosten sind natürlich tiefer und sollen das Wachstum ermöglichen.

Zuwachs erhalten hat der Westschweizer Backwarenhersteller Tante Agathe. Die Produktion der Linie «Les Dentelles» wurde 2015 aus der Bretagne in die Schweiz verlagert, seit einem Jahr werden die salzig gefüllten Mini-Crêpes in Lonay bei Lausanne produziert und mit dem Schweizer Kreuz auf der Packung verkauft. «Les Dentelles»-Chef Thierry Menthéou wurde vom «Tante Agathe»-Chef ermuntert, doch in die Schweiz zu kommen. 70 Prozent der Produkte werden nach Frankreich, Belgien und Italien exportiert, das Interesse der ISM-Besucher sei gross und sehr erfreulich, sagte Menthéou.

Waffelhersteller Kägi stellte in Köln die Limited Edition mit Mango und Joghurt vor. Für das Weihnachtsgeschäft lanciert Kägi neue 240-Gramm- und 400-Gramm-Weihnachtspackungen. Mit einer WM-Pokalpackung will Kägi vom abzusehenden Fussballfieber im Sommer profitieren. Das neue Produkt «Mäx» mit Schokoladen-Haselnuss-Füllung ist laut Yvonne Breier, Marketing Manager International, gut angelaufen, ohne andere eigene Produkte zu kannibalisieren. Der grösste Markt bleibt traditionellerweise der Nahe Osten mit 20 Prozent des Gesamtumsatzes. Kägi ist laut Breier daran, die Märkte in Deutschland und Österreich aufzubauen, mit starkem Wachstum, auch Kanada soll erobert werden.

Neue Schoggi-Varianten

Traditionellerweise stark vertreten ist an der ISM die Schweizer Schokoladenbranche. Der Berner Hersteller Gysi ist mit den Victorinox-Schokolademessern als Leaderprodukt schon länger in den USA, in Grossbritannien und Deutschland präsent. Zusätzlich will Firmenchef Thomas Gysi das Produkt nun auch in weiteren europäischen Ländern, in China, Japan und Hong Kong lancieren. Gysi, der stark in Grossbritannien tätig ist, ist durch den Kurs des Pfundes betroffen. Dieser sackte durch die Brexit-Diskusisonen Ende 2015 ab, hat sich aber zwischenzeitlich wieder etwas erholt.

Bernrain, ebenfalls ein Private Label-Hersteller, präsentierte neue Geschmackskombinationen, darunter Moringa-Minze, Earl Grey- oder Chai-Schokolade. Schon länger im Sortiment ist vegane Schokolade. Daneben erschliesse man auch neue Kakaoherkünfte, sagte Javier Parra, Key Account Manager Private Label, etwa in Indien oder in Togo, wo man die Kakaobauern bei der Produktion unterstütze.

Bei Camille Bloch, ist man mit dem Export, mit zweistelligem Prozentwachstum, sehr zufrieden. In Deutschland trägt das starke Marketing seit Herbst 2017 zum Wachstum bei Ragusa bei, mit Plakaten und POS-Aktionen. Die Kleinp0rtionen «Friends» laufen dort besser als die Tafeln, wie Manfred Stiefel, Sales Director International, erklärt. Riegel, wie man sie aus der Schweiz kennt, werden in Deutschland nicht verkauft. Ragusa sei eine «einzigartige Geschichte» und funktioniere sehr gut und abseits des Preisdrucks, beliebt sind vor allem die Varianten «blond» und «schwarz». Auch die Marke Torino will Camille Bloch stärker anschieben, mit der Variante «La Piazza» im Praliné-Format und in einer runden Verpackung. Ein Drittel der Verkäufe gehen bei Camille Bloch in den Export, davon wiederum ein Fünftel nach Deutschland. Koschere Produkte, die traditionellerweise produziert werden, finden vor allem in den USA Anklang.

Vor Ort war auch die Coop-Tochter Halba, Firmenchef Anton von Weissenfluh war allerdings nicht viel Konkretes zu entlocken. Seine Aufgabe: Die neue Schokoladenfabrik in Pratteln nach und nach auszulasten, mit Aufträgen aus dem Ausland. Man könne dank der neuen Fabrik nun kompetitiv nachhaltige Schokolade produzieren und biete den Kunden jeweils individuell angepasste Produkte. Interessante Märkte sieht er in Asien, den USA, Israel, Kanada und Australien.

Maestrani präsentierte drei neue Varianten Bio- und Fairtrade-Schokolade, zwei davon vegan: Matcha & Minze und Heidelbeere, Chia & Amaranth. Die dritte Variante vereint Caramal, Nougat und Salz. Auch Maestrani versucht mit Private Label-Produktion im Export zu wachsen, vor allem mit Tafeln. In Deutschland sei das Marketing sehr teuer, da mache man mit den grossen Ladenketten zusammen Direktverkostungen, sagte Maestrani-CEO Markus Vettiger. Interessant sei die Koscher-Produktion für die USA und der Verkauf in den Duty-free-Shops in asiatischen Flughäfen.
roland.wyss@rubmedia.ch