Datum: Branche:

Auf die Flasche soll der Totenkopf

Beim Alkohol soll nicht mehr der Missbrauch bestraft werden, sondern jeder Konsum. Die Pläne der WHO veranlassen die Getränkehersteller zum Handeln - das Bundesamt für Gesundheit BAG sieht keinen Grund zur Sorge.

von Hans Peter Schneider

«Wir löschen den Durst der Nation»

sagte Ernest Daellenbach, Direktor der Arbeitsgemeinschaft der Schweizer Getränkehersteller ASG an ihrem 61. Kongress in Interlaken. Die Getränkebranche schafft mit ihren 30 000 Arbeitsplätze und einen Umsatz von Mitgliedern 14 Milliarden Franken, wie Daellenbach sagte. «Wir verfeinern das Essen und machen manche Runde zu einer geselligen», sagte Daellenbach weiter. Diese positive Sicht auf die Getränkebranche teilen jedoch nicht alle. Gerade wenn es um die Alkoholproduzenten gehe, sähen viele Organisationen rot und möchten der Branche am liebsten ihr Handwerk verbieten, sagte Daellenbach.

Paradigmawechsel von WHO

Und die Getränkeproduzenten haben Grund zur Sorge. Denn die Weltgesundheitsorganisation WHO strebt einen Paradigmenwechsel an. Weg vom Motto: Der Alkoholmissbrauch soll bestraft werden – hin zum Grundsatz: Das Produkt soll bestraft werden. Das heisst gemäss Daellenbach, dass Warnhinweise auf Flaschen angebracht werden sollen, wie sie auf Zigarettenpackungen schon seit Jahren prangen. Dieser Wechsel soll am 26. September 2018 an der WHO-Konferenz in New York beschlossen werden. Treiber dieser Initiative sei auch das Bundesamt für Gesundheit BAG, dort würden Beamte eigenmächtig schalten und walten, so der Vorwurf der Getränkebranche – und im September auch eigenmächtig zu Gunsten des WHO-Anliegens abstimmen.

Branche wird nicht gefragt

«Wer hat eigentlich dem BAG den Auftrag gegeben?»

lautete die Frage von Christian Consoni, ASG-Vorstandsmitglied und Chef vom Getränkehersteller Ramseier Suisse SA, in dessen Werken unter anderem auch Saurer Most und Bier produziert wird. Niemand, schon gar nicht die Branche, und das sei schlimm, sagte der scheidende ASG-Präsident Markus Zemp. Es werde einfach, ohne die Direktbetroffenen zu fragen, vorwärtsgemacht und dem freien Bürger vorgeschrieben, was er zu trinken habe und was nicht. «Wir wollen keinen Staat, der uns in den Teller und ins Glas schaut», sagte Zemp weiter.

Blaues Kreuz begrüsst Warnhinweise

Antworten kommen von NGO wie Suchtprävention Schweiz oder dem Blauen Kreuz. Philipp Frei vom blauen Kreuz würde einen Warnhinweis auf Alkoholflaschen begrüssen. Es gehe aber nicht darum, Alkohol aus der Gesellschaft wegzubringen, sagt Frei. Schon gar nicht die Schweizer Hersteller von Alkohol. Das Problem sei viel mehr der Billigalkohol ausländischer Produzenten. Doch es werde unterschätzt, dass Alkohol ein vergleichbares Abhängigkeitspotenzial aufweise wie illegale Drogen. Ansetzen würde Frei auch beim Preis. Denn dass dieser bei Alkohol einen wesentlichen Faktor ausmache, beweise die vor Jahren eingeführte Sondersteuer auf Alcopops.

«Von einem Monat auf den anderen ist der Konsum eingebrochen»

so Frei. Auch Silvia Steiner von Suchtschweiz hält die Alkoholprävention in der Schweiz für zu schwach. Die Totalrevision des Alkoholgesetzes wurde 2015 nach jahrelangem Seilziehen zwischen den Räten abgebrochen. Damit sei auch die Einführung wichtiger struktureller Präventionsmassnahmen aufs Eis gelegt worden, sagt Steiner. Verbesserungsbedarf gebe es beim generellen Verbot von Lifestyle-Werbung.

Daniel Dauwalder, Mediensprecher vom BAG kann die Angst der Getränkekproduzenten nicht nachvollziehen, wie er in einer schriftlichen Stellungnahme festhält. Die Alkoholprävention in der Schweiz orientiere sich an den relevanten Gesetzgebungen (Alkoholgesetzgebung, Lebensmittelgesetzgebung) sowie an den beiden vom Bundesrat verabschiedeten Strategien – unter anderem an der Nationalen Strategie Sucht. Denn Alkohol sei einer der wichtigsten Risikofaktoren für Sucht sei, so Dauwalder. Warnhinweise für alkoholische Getränke seien darin nicht vorgesehen.

Damit die Getränkeproduzenten nicht plötzlich Totenköpfe auf ihre Etiketten drucken müssen, haben sie die Initiative ergriffen und das Bundesamt für Gesundheit in einem Brief aufgefordert, zu erklären, was das Amt genau plane. Ausserdem wollen Politiker wie Hans­ulrich Bigler, Beat Vonlanthen, Alois Gmür und Gregor Rutz in der Sommersession politischen Druck machen. Ob es eine Interpellation oder Motion werde, sei noch nicht klar, sagt Bierbrauer und Nationalrat Alois Gmür. «Aber einfach etwas, das wirkt.»

hanspeter.schneider@rubmedia.ch