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Coop setzt auf Simmentaler

Coop, Bell und Bauern haben sich zusammengetan, um Fleisch und Milch von reinrassigen Simmentaler Kühen besser zu vermarkten. An der offiziellen Vereinsgründung in Gstaad gab es Ski-Prominenz und ein herziges Kälblein – aber noch wenig Konkretes.

von Stephan Moser

Gruppenbild mit Kuh (v.l.): Johann von Grünigen (Bauer und Mitinitiant), Vereinspräsident Christian Wanner, Bell-CEO Lorenz Wyss, Roland Frefel (Coop), Ex-Skirennfahrer Mike von Grünigen und Langläuferin Nathalie von Siebenthal mit «Simme». (Bild Manu Friedrich/zvg)
Vereinspräsident Christian Wanner. (Bild Manu Friedrich/zvg)
Starpower für die Simmentaler: Ex-Skirennfahrer Mike von Grünigen. (Bild mos)
Die Simmentaler Kuh Santia präsentiert das Logo von «Original Simmentaler» – und war für viele der Hingucker. (Bld mos)
Die Vereinsgründung fand an der Gstaader «Züglete» statt. (Bild mos)
An der «Züglete» ziehen Kühe, die den Sommer auf der Alp verbracht haben, durch Gstaad. (Bild mos)
Bauer Johann von Grünigen rückt den Schmuck von Santia zurecht. Rechts Mike von Grünigen. (Bild mos)

Seit dem Frühling verkauft Coop an den Fleischtheken von 20 ausgesuchten Filialen Fleisch von reinrassigen Simmentalern. 2019 soll ein Gstaader Käse ins Sortiment kommen, hergestellt aus der Milch von reinrassigen Simmentaler Kühen. Doch das ist erst der Anfang: Denn Coop hat die Simmentaler Kuh, die als sogenannte Zweinutzungsrasse Milch und Fleisch liefert, für sich entdeckt. Gemeinsam mit der Fleischverarbeiterin Bell (einer Coop-Tochter) und Bauern hat der Grossverteiler den Verein «Original Simmentaler» gegründet. Das Ziel: die Rasse erhalten und fördern – und den Bauern eine Plattform geben, um Milch und Fleisch von reinen Simmentaler Kühen schweizweit lukrativer zu vermarkten. Anlässlich der «Züglete», dem traditionellen Alpabzug in Gstaad, wurde der Verein am 1. September offiziell aus der Taufe gehoben.

Weg von der Hochleistungskuh

Der Verein setzt bewusst auf die Zweinutzung der Simmentaler Kühe: «Sie geben eine gute Milch und ein zartes, schmackhaftes Fleisch», schwärmte etwa Mitinitiant und Bauer Johann von Grünigen. Es gehe um die «ganzheitliche Nutzung der Tiere», sagte Bell-CEO Lorenz Wyss. Als Zweinutzungstiere seien die robusten Simmentaler Kühe die Basis für eine «nachhaltige und zukunftsorientierte Milch- und Fleischproduktion», hielten die Initianten fest. Zweinutzungskühe würden natürlicher gehalten und nicht zu Hochleistung getrieben. Das komme dem Tierwohl zugute – «und das passt zu unserer Nachhaltigkeitsstrategie», sagte Roland Frefel, Leiter Frischprodukte bei Coop. «Die Tiere brauchen auch weniger Kraftfutter und eignen sich besonders für eine artgerechte graslandbasierte Fütterung», betonte Vereinspräsident Christian Wanner, alt Regierungsrat von Solothurn.

Ausgerechnet das, was der Verein heute als Stärke der Simmentaler preist, ist der Rasse in den letzten Jahrzehnten fast zum Verhängnis geworden. Weil sich die Landwirte zunehmend auf die Milch- oder die Fleischproduktion spezialisierten, gerieten die Simmentaler unter Druck: 1946 war das Simmentaler Fleckvieh noch die häufigste Rasse in der Schweiz, heute machen die Simmentaler gemäss Verein noch 4 bis 5 Prozent des Schweizer Viehbestands aus. In den letzten Jahren gab es wieder einen leichten Zuwachs. Ziel des Vereins ist es laut Wanner, den Bestand an Simmentaler Kühen bis 2030 zu verdoppeln.

Richtlinien fehlen noch

Ein Logo, das als «Qualitätssiegel» die künftigen «Original Simmentaler»-Produkte kennzeichnen soll, hat der Verein bereits. Ansonsten können die Verantwortlichen noch nicht viel Konkretes vorweisen. «Wir haben noch kein fixfertiges Programm», sagte Vereinspräsident Wanner. So ist etwa noch nicht klar, wie viel Coop und Bell den Bauern für Milch und Fleisch zahlen werden, welcher konkrete Mehrwert für die Landwirte also herausschaut. Auch die genauen Anforderungen für eine Teilnahme am Programm müssen noch definiert werden. Das soll laut Roland Frefel von Coop bis Ende Jahr passieren.

Man sei nun dran, Produzenten für das Programm zu suchen. «Wir starten im Berner Oberland; hier kommt die Simmentaler-Rasse her und hier gibt es auch den grössten Bestand», sagte Frefel. «Original Simmentaler» sei aber kein regionales Label, hält der Verein fest. Das Programm stehe Bauern aus der ganzen Schweiz offen und auch die Produkte sollen grundsätzlich schweizweit vermarktet werden. Dabei strebe man ein «organisches Wachstum» an.

Die Verarbeitung des Fleisches wird Bell übernehmen, bei den Milchprodukten sucht Coop die Zusammenarbeit mit lokalen Käsereien. Von Käse bis zu Konsummilch sei alles denkbar, sagte Frefel und betonte, es sei absolut neu, dass bei Milchprodukten die Viehrasse ausgelobt werde.

Zu den Partnern von «Original Simmentaler» gehören auch Pro Specie Rara, Proviande, Mutterkuh Schweiz, der Rassenclub Simmental Suisse, die Schweizerische Vereinigung zur Erhaltung und Förderung der reinen Simmentaler Fleckviehrasse SVS, Suisse Garantie, Suisse Genetics und Swissherdbook.

Andere waren schneller

Coop hat die Simmentaler Kühe für sich entdeckt, allerdings nicht als erste. Bereits seit 1998 wird unter dem Label «Pure Simmental» Fleisch von reinrassigen Simmentalern vermarktet. Verkauft wird das Fleisch über die Migros Neuenburg-Freiburg und – aus einem speziellen Fütterungsprogramm – über die Migros Basel. Und 2015 lancierte die Lenk Milch AG einen «Simmentaler Käse», der aus der Milch von reinen Simmentaler Kühen aus Lenk produziert wird. Verkauft wird er hauptsächlich über die Migros Aare.

Hat Coop also einen Trend verschlafen? Der Ansatz von «Original Simmentaler» sei ein anderer, sagte Roland Frefel. Man setze bewusst auf die Zweinutzung, also auf Milch und Fleisch, und auf eine nationale Vermarktung der Produkte.

Grosser Bahnhof für die Kuh

Der Verein «Original Simmentaler» inszenierte seine Gründung mit Glanz und Gloria: Der ehemalige Skistar Mike von Grünigen posierte mit einer prächtigen Simmentaler Kuh («Santia, eine ganz liebe») für die Fotografen. Und die Profi-Langläuferin und Landwirtin Nathalie von Siebenthal legte sich als Botschafterin für die Simmentaler ins Zeug – und bekam dafür vom Verein das Simmentaler-Kalb «Simme» geschenkt. So viel Starpower und Jööh-Effekt lockte auch die «Schweizer Illustrierte» nach Gstaad. Und die Besucherinnen und Besucher der «Züglete» waren hin und weg. Das Marketing in eigener Sache beherrscht der Verein also. Welchen konkreten Mehrwert «Original Simmentaler» für Produzenten, Konsumenten und die Kuhrasse bringt – das muss der Verein erst noch beweisen.