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Grossbäcker sucht grosses Kapital

Der Backwarenkonzern Aryzta will sich mit einer Kapitalerhöhung aus seiner misslichen finanziellen Lage befreien. Ob dies gelingt, wird an der Generalversammlung am 1. November entschieden.

von Hans Peter Schneider

Werden die Aktionäre Aryzta im Regen stehen lassen?
Aryzta Verwaltungsratspräsident Gary McGann (Mitte), der Schweizer Geschäftsführer Chris Plüss (Links) und Produktionsleiter David Klee (Rechts) eröffnen die neue Produktionslinie für artisanale Brote in Dagmersellen.
Owen Killian zog viel Kapital aus dem Unternehmen ab.
Kevin Toland, CEO von Aryzta, kann aufatmen.
Aryzta soll die Beteiligung des französischen TK-Herstellers, Picard abstossen um flüssiger zu werden.
Mit der vor einigen Jahren übernommenen US-Bäckereikette stiess Aryzta gestandene Kunden vor den Kopf.

Aryzta braucht dringend Geld – viel Geld – die Schulden belaufen sich auf 1,5 Mrd. Euro. Um wieder etwas liquider zu werden, will sich Aryzta über den Aktienmarkt mit Geld versorgen und versucht nun, 800 Mio. Euro über eine Kapitalerhöhung zu beschaffen. Dazu braucht es die Aryzta-Aktionäre, die der Kapitalerhöhung am 1. November zustimmen sollen. Geht die Geldbeschaffung gut, sollen 500 Millionen zur sofortigen Schuldentilgung verwendet werden und 150 Millionen in ein Kostensenkungsprogramm fliessen. So jedenfalls der Plan des Backwarenkonzerns. Treiber des Deals sind die Banken, die nur allzu glücklich wären, wenn sie die Verantwortung auf die Schultern der Aktionäre verteilen könnten. Die Crédit Suisse ist bei Aryzta zwar nicht involviert, darf aber aus Gründen der «Compliance» keine Stellungnahme abgeben, wie ein Bankenvertreter gegenüber alimenta sagt.

«Es ist gefährlich wenn die Kapitalerhöhung noch weiter herausgetrödelt wird»

sagt Beobachter und ZKB-Analyst Patrik Schwendimann. Er selber habe schon Anfang 2017 zu diesem Schritt geraten. Denn dass es schnell gehen könne, habe zum Beispiel das Swissair-Debakel gezeigt und der Fall Aryzta habe ganz grosse Parallelen dazu. Mit einer grösseren Kapitalerhöhung sei zwar ein erfolgreicher Turnaround nicht garantiert, aber es werde zumindest eine wichtige Voraussetzung dafür geschaffen. Für Aryzta sei eine ausreichende Liquidität und das Vertrauen von Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter von überlebenswichtiger Bedeutung und um dies zu gewährleisten brauche es eine grössere Kapitalerhöhung, so Schwendimann.

Beteiligungen verkaufen

Nicht einverstanden mit der Kapitalerhöhung ist die spanische Cobas Asset Management, die als Grossaktionärin 15 Prozent der Aktien hält. Laut Cobas-Plan soll die Kapitalaufstockung auf 400 Millionen reduziert werden. Damit Aryzta gleichwohl zur Liquidität komme, solle zusätzlich die Beteiligung am französischen Tiefkühl-Unternehmen und Einzelhändler Picard verkauft werden. Picard ist mit 420 Mio. Euro bilanziert. Support hat Cobas vor einer Woche vom Stimmrechtsberater ISS erhalten. Aryzta hält jedoch an der Kapitalaufstockung um 800 Millionen Euro fest, wie das Unternehmen in einer darauffolgenden Mitteilung schrieb.

Wachstumschancen ergreifen

Was bedeuten die finanziellen Turbulenzen für die Schweiz? Man konzentriere sich jetzt darauf, dass die Kapitalerhöhung gutgeheissen werde, sagt Petra Staudenmaier, Marketing- und Forschungsverantwortliche von Aryzta. Damit könnten die Schulden reduziert, das Kostensenkungsprogramm «Project Renew» durchgeführt und so das Geschäft mittel- bis langfristig wieder aufgebaut werden. Schon jetzt investiert das Unternehmen wieder, wie kürzlich am Standort Dagmersellen, wo eine neue Linie in Betrieb genommen wurde (alimenta Nr. 19 vom 10. Oktober). Schliesslich befinde man sich im wachsenden B2B-Markt für gefrorene Backwaren, der jährlich um vier Prozent wachse, sagt Staudenmaier. Man habe jetzt das Team und die Strategie, um an diesem Wachstum zu partizipieren und nach der Kapitalerhöhung dann die strategische und finanzielle Flexibilität, um die Wachstumschancen zu ergreifen.
Kenner des Backwarenmarktes sehen dies kritischer: Im Backwarenbusiness gehe Aryztas Shareholder-Strategie nicht auf, es würden längst nicht die Margen und Erträge resultieren, die sich Anleger aus anderen Branchen gewohnt seien. Damit laufe die Aryzta-Strategie auf eine reine Geldvernichtungsmaschinerie heraus, sagt ein Branchenkenner. Geld vernichtet hat Aryzta international während Jahren, etwa mit der aggressiven «Hunter-Strategie», mit der der Konzern Firma um Firma übernommen hat – auf Pump – und deren Integration in kürzester Zeit hätte klappen sollen. Zudem konkurrenzierte Aryzta eigene Kunden, wie bei der 2014 übernommenen Cloverhill Bakery. Aryzta lancierte damals eine eigene Marke direkt für Endkunden. Die so konkurrenzierten B2B-Kunden wanderten in der Folge massenhaft ab.

Raffgierige Manager

Nicht zuletzt wurde Aryzta während Jahren viel Geld durch das oberste Management unter CEO Owen Killian entzogen. Kilian, sein Finanzchef und der USA-Chef kamen im Jahr 2014 auf den zweifelhaften Titel als bestverdienende Managergilde Irlands, die zusammen fast 66 Millionen Euro bezog. Nun ist Kevin Toland, der als Turnaround-CEO schon den irischen Molkereikonzern Glanbia aus den finanziellen Problemen zog, gut einem Jahr neuer Chef von Aryzta. Der 53-Jährige ist mit 250 000 Euro Salär bescheidener. Bei Glanbia beschränkte er sich auf die Devise «Weniger ist mehr», was hiess, Beschränkung der Produkterange des Konzerns vom Gemischtwarenladen auf Käse und funktionelle Nährstoffe. Beschränken muss sich Aryzta ohnehin, auch wenn die Finanzspritze von 800 Mio. Euro durchkommen wird.
hanspeter.schneider@rubmedia.ch