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Des einen Abfall ist des andern Rohstoff

Industrieabfälle sind wertvolle Rohstoffe, sagt das Start-up Rethink Resource. Mit der Online-Handelsplattform Circado für industrielle Nebenströme will es die Kreislaufwirtschaft in Schwung bringen.

von Stephan Moser

Sie wollen mit Circado die Wirtschaft nachhaltiger machen: Julian Kern und Linda Grieder. (Bild mos)

Was haben ein deutscher Fruchtsafthersteller und ein kleiner englischer Kosmetikproduzent gemeinsam? Eigentlich nichts. Ausser Granatapfelkerne. Was beim einen beim Entsaften als Abfall anfällt, den es zu entsorgen gilt, ist für den anderen ein wertvoller Rohstoff, um Lippenpomade herzustellen. Gefunden hat sich das ungleiche Paar auf dem Online-Marktplatz Circado, auf dem industrielle Nebenströme aus der Lebensmittelindustrie gehandelt werden, europaweit und branchenübergreifend. Glücklich geworden sind beide: Der Kosmetikproduzent, weil er seinen Rohstoff gefunden hat, die Saftfirma, weil sie ihren «Abfall» gewinnbringend verkaufen konnte.

Veredeln statt verbrennen

Hinter Circado steckt das Schweizer Start-up Rethink Resource, das die junge Unternehmerin Linda Grieder 2016 gegründet hat. «Vieles, was die Industrie heute in der Biogas-Anlage oder in der Müllverbrennung entsorgt, könnte anderweitig genutzt werden, sogar mehrmals», sagt Grieder. Zusammen mit Julian Kern, dem Entwickler von Circado, sitzt die junge Chefin am Besprechungstisch ihres Büros im Zürcher Technopark. Auf dem Tisch stehen Kaffeetassen, gefertigt aus Kaffeesatz. Das ungewöhnliche Geschirr zeigt, worum es dem Unternehmen geht: die Kreislaufwirtschaft.

Wo andere Abfälle sehen, sehen Grieder und ihr fünfköpfiges Team Rohstoffe, die sich gewinnbringend weiterverarbeiten lassen. Ob Chips aus Biertreber, Garn aus Orangenschalen oder ein Substrat für Bio-Pilze aus Müllerei-Abfall – die Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft seien immens, ist Grieder überzeugt.
Ihr Unternehmen berät Firmen darin, Nebenströme und Abfälle als Ressourcen zu sehen, die sich nachhaltig und wirtschaftlich nutzen lassen (siehe Kasten). Die Kunden von Rethink Resource kommen hauptsächlich aus der Lebensmittelindustrie, aber auch der Verpackungs- und Kosmetikbranche sowie der Chemie- und Textilindustrie.

«Die Industrie hat ein grosses Interesse an der Kreislaufwirtschaft.»

Bei der Beratungsarbeit mit ihren Kunden sei schnell eines klar geworden, sagt Grieder: «Die Industrie hat ein grosses Interesse an der Kreislaufwirtschaft. Aber es braucht einen effizienten und transparenten Markt für industrielle Nebenströme.» Transparent, damit die Unternehmen überhaupt merkten, dass ihre Nebenströme nicht Abfall seien, sondern gefragte Rohstoffe. Und effizient, weil die Firmen sonst weiterhin ihre Nebenströme auf die billigste und einfachste Art loswürden: ab in die Verbrennung.

Branchen zusammenbringen

Deshalb entwickelte Rethink Resource den Online-Marktplatz Circado, um europaweit Anbieter und Käufer von Nebenströmen zusammen zu bringen. Käufer von Nebenströmen können auf Circado eine Kaufanfrage für einen Rohstoff stellen. Verkäufer von Nebenströmen können sich registrieren. Circado übernimmt dann das «Matching» von möglichen Partnern. Der Fokus liegt auf der Lebensmittelindustrie. Handeln lässt sich laut Kern auf Circado im Prinzip mit allem, was in der Lebensmittelindustrie als Nebenprodukt anfällt: Biertreber, Kleie und Fasern aus der Getreideverarbeitung, Molken, Sojanebenprodukte, Kaffeesatz, Steine von Kernobst, ja selbst Bananenschalen. «Da sind Zucker, Geschmacksstoffe und hochwertige Nahrungsfasern drin», verdeutlicht Kern.

Wichtigt ist den Machern von Circado, dass die Plattform verschiedene Branchen zusammenbringt. «Der grösste Mehrwert der Kreislaufwirtschaft entsteht, wenn verschiedene Industrien miteinander verbunden werden», sagt Grieder. Viele Lebensmittelnebenströme hätten zum Beispiel grosses Potenzial für die Kosmetikindustrie. Fasern seien wiederum für die Verpackungsindustrie interessant. «Ein Müller weiss, dass er seine Nebenprodukte als Futtermittel verkaufen kann. Dass er die Fasern aber zu einem höheren Preis an die Verpackungsindustrie verkaufen könnte, daran denkt er nicht», macht Kern ein Beispiel.

Begrenzte Ressourcen

Seit Februar 2018 ist ein Prototyp von Circado online. Rund 50 Firmen aus der Schweiz und Europa haben sich bisher registriert, meist kleinere Unternehmen. Die Zahl der Deals, die dank Circado abgeschlossen worden sind, lassen sich noch an einer Hand abzählen. Die gehandelten Mengen sind klein. «Bis jetzt läuft Circado noch nicht in grossem Stil», sagt Kern. Das liege zum einen daran, dass die Plattform noch nicht fertig gebaut sei. Transaktionen können noch nicht vollständig online abgewickelt werden, das System stellt zum Beispiel noch nicht automatisch Lieferscheine oder Rechnungen aus. Das wird laut Kern erst Ende Jahr funktionieren.

«Unsere Ressourcen für die Entwicklung von Circado sind begrenzt», erklärt er. Denn Rethink Resource finanziert Circado komplett aus der eigenen Tasche. Ganz bewusst habe man keinen externen Investor an Bord geholt, betont Kern. «Für uns ist es zentral, dass die Plattform unabhängig bleibt und im Dienst der Lebensmittelindustrie steht, die im Idealfall auch Mitbesitzerin ist.» Man denke etwa über ein Genossenschaftsmodell nach.

Ab 2019 wird die Entwicklung von Circado mit doppelter Kraft vorangetrieben, ein Informatiker wird angestellt; statt einer kümmern sich dann zwei Vollzeitstellen um Circado. Geplant ist eine Anbindung von Circado an ERP-Systeme der Unternehmen. «Dann kann das Automationssystem einer Fabrik anfallende Nebenströme direkt auf Circado stellen», erklärt Kern. Die manuelle Erfassung werde überflüssig.

Hoffen auf den Plattform-Effekt

Der zweite Grund, dass Circado noch nicht brummt: Der Marktplatz hat noch nicht die kritische Masse erreicht. Ein wichtiger nächster Schritt sei es darum, einen grossen und gefragten Nebenstrom auf die Plattform zu bekommen, sagt Grieder. Denn, wenn es für einen Rohstoff viele Abnehmer habe, dann werde es auch für grosse Lieferanten interessant, bei Circado mitzumachen. Dann spiele der Markt. «Und wir können der Branche zeigen, welchen Mehrwert Circado bringt», sagt sie.

Als Beispiel für einen Nebenstrom, den Circado gerne hätte, nennt Kern den Biertreber, der in Brauereien anfällt. «Da reden wir von Millionen Tonnen europaweit.» Biertreber sei reich an Proteinen und Ballaststoffen und damit «perfekt geeignet für Anwendungen der Lebensmittelindustrie». Aus den Fasern liesse sich aber auch Papier herstellen, zum Beispiel für Etiketten von Bierflaschen.

Viele grosse Unternehmen hätten langfristige Lieferverträge über die Entsorgung ihrer Nebenströme abgeschlossen, sagt Kern, daraus auszusteigen sei nicht einfach. CEO Linda Grieder ist aber überzeugt, dass Circado der Durchbruch bald gelingt. Rethink Resource sei in der Branche gut vernetzt und habe eine gute Reputation. Aktuell sei man zum Beispiel im Gespräch mit verschiedenen Tochterfirmen der Schweizer Agrargenossenschaft Fenaco.

«So billig wie möglich»

Den Prototyp von Circado können Firmen kostenlos nutzen. Linda Grieder hofft, dass möglichst viele Firmen Circado ausprobieren – und Feedback geben. «Rückmeldungen aus der Industrie sind extrem wichtig. Nur so können wir Circado zu einem Tool entwickeln, wie die Industrie es sich wünscht», sagt sie.

Ist die Plattform ausgereift, soll Circado kostenpflichtig werden. Angedacht ist eine Anmeldegebühr «von ein paar Tausend Franken» und eine «marktübliche» Transaktionsgebühr von rund vier Prozent. Sie soll aber erst fällig werden, wenn die aufsummierten Transaktionsgebühren die Anmeldegebühr überschreiten. «Wir wollen so billig wie möglich sein», betont Kern. Ziel sei es nicht, mit Circado viel Geld zu verdienen, sondern in der Industrie eine Kreislaufwirtschaft zu etablieren.