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«Teurerer Zucker ist das falsche Signal»

Beat Vonlanthen, CVP-Ständerat und Präsident von Chocosuisse und Biscosuisse, sieht seine Branche immer mehr unter Druck gesetzt. Gründlich prüfen will er die Zusammenarbeit mit dem Dachverband Fial.

von Roland Wyss, Hans Peter Schneider

«Massnahmen zur Stützung der Schweizer Zuckerindustrie sollten nicht zu einer Schwächung der verarbeitenden Industrie führen», sagt Beat Vonlanthen.

alimenta: Herr Vonlanthen, Guy Parmelin ist der neue Wirtschaftsminister. Was erwarten Sie von ihm?

Beat Vonlanthen: Ich erwarte, dass er unsere Anliegen ernst nimmt und die Dialogkultur pflegt. Und dass er die Interessen der ganzen Schweizer Wirtschaft wahrnimmt und namentlich die Wichtigkeit von Freihandelsabkommen. Wir exportieren zwei von drei Schokoladen und sind auf gute Rahmenbedingungen angewiesen.

Wie zufrieden waren Sie mit Bundesrat Johann Schneider-Ammann?

Ich war froh, dass er ein sehr offenes Ohr für uns hatte. Er kennt die Wirtschaft sehr gut und erkannte die Notwendigkeit von Freihandelsabkommen – auch beispielsweise mit den USA.

Die Milchbranche ist mit der Nachfolgelösung zum Schoggigesetz rundum zufrieden. Wie zufrieden sind Sie?

Wir sind froh, dass man eine privatrechtliche Nachfolgelösung gefunden hat, um die agrarschutzbedingt höheren Rohstoffkosten weiterhin kompensieren zu können. Aber in der effektiven Umsetzung wurden im Milchbereich von vornherein mindestens 20 Prozent – immerhin rund 16 Millionen Franken – ausgesondert für andere Anliegen, mit dem Effekt, dass in Zukunft weniger Mittel für die Agrarschutz-Kompensation zur Verfügung stehen. Das schränkt die Wettbewerbsfähigkeit der exportierten Nahrungsmittel weiter ein.

Bei diesen 20 Prozent geht es vor allem um die Fettstützung. Es sind auch Produzenten aus Ihrem Heimatkanton Freiburg, Lieferanten von Cremo, die darauf gedrängt haben, dass Fett gestützt wird. Haben Sie Verständnis dafür?

Als Vertreter der Schokoladen- und Backwarenindustrie habe ich dafür wenig Verständnis. Sicher, man muss Lösungen finden, die alle Stakeholder befriedigen, aber hier ist man vom Grundsatz der Schaffung gleich langer Spiesse abgekommen. Zusätzlich zu anderen in letzter Zeit getroffenen Massnahmen erschwert das die Situation der Exporteure und indirekt auch der Landwirtschaft weiter.

Welche anderen Massnahmen meinen Sie?

Im Bereich Zucker hat der Bundesrat kurzfristig ein Vier-Punkte-Sofortprogramm umgesetzt und damit die Ziele der parlamentarischen Initiative Bourgeois vor der parlamentarischen Debatte realisiert, was bei mir ein Stirnrunzeln provoziert. Eine Mindestgrenzabgabe für Zucker ist einschneidend und auch aus gesamtwirtschftlicher Sicht falsch. Eine Erhöhung des Grenzschutzes ist grundsätzlich das falsche Signal, sie schafft ungleich lange Spiesse. Massnahmen zur Stützung der Schweizer Zuckerindustrie sollten nicht zu einer Schwächung der verarbeitenden Industrie führen. Damit würden am Schluss alle verlieren, auch die Rübenpflanzer.

Das würde heissen, dass den Rübenpflanzern vor allem mit Direktzahlungen geholfen wird?

Das wäre ein Element. Wir wehren uns nicht gegen eine Erhöhung dieser Beiträge. In erster Linie sollte man aber die für diesen Zweck gebildeten Reserven der Schweizer Zucker AG nutzen. Sinnvolle und effiziente Massnahmen zur Steigerung der Wettbewerbskraft der Schweizer Zuckerindustrie sind aber nur dann möglich, wenn aufgrund einer unabhängigen Studie mögliche Wege aufgezeigt werden. Mit den Sofortmassnahmen zäumt man das Pferd beim Schwanz auf. Auch das Vorgehen hat uns gestört:

«Das Bundesamt für Landwirtschaft hat das Sofortprogramm einzig mit der Zuckerbranche erarbeitet, ohne uns miteinzubeziehen»

Ich sage einfach: Achtung! Massnahmen müssen abgestimmt sein und dürfen nicht einseitig festgelegt werden. Wenn nämlich die Hersteller aufgrund schlechter Rahmenbedingungen gezwungen werden, die Produktion ins Ausland zu verlagern, ist für die Schweizer Volkswirtschaft und namentlich für die Bauern nichts gewonnen, im Gegenteil.

Die Schweizer Hersteller haben fast alle in Besucherzentren investiert, sie werden also nicht einfach so abwandern.

Ja, sie haben in Besucherzentren investiert, und viele haben auch in die Produktion investiert. Schokolade und auch viele Backwaren sind immer noch Schweizer Traditionsprodukte.

«Das heisst nicht, dass einige Hersteller nicht trotzdem die Produktion oder Teile davon verlagern, wenn für sie die Rahmenbedingungen hier in der Schweiz nicht mehr stimmen»

Die Firma Cornu, die Besitzerin von Roland in Murten, produziert heute zum Teil in Rumänien. Ein anderes Beispiel: Vor etwas mehr als einem Jahr verlagerte ein Schokoladehersteller – ein KMU – die gesamte Produktion ins Ausland! Betriebswirtschaftliche Entscheide müssen heute – unter Abwägung aller Vor- und Nachteile – grenzüberschreitend gefällt werden.

International wird das Thema Zuckersteuer stark diskutiert. Bleibt das eine Bedrohung?

Schokolade ist ein Genussmittel. Wir müssen dieses Thema aber im Auge behalten, auch wenn vorab Erfrischungsgetränke, Joghurts oder Frühstücksflocken im Fokus sind.

Aber die Diskussion hinterlässt offenbar Spuren. Auch Schokoladenhersteller wie Cailler lancieren Schokolade mit weniger Zucker.

Ja, die Industrie geht mit Recht teilweise selber auf die sich ändernden Konsumentenwünsche ein.

Die Branche hat im letzten Jahr die Plattform für nachhaltigen Kakao gegründet. Die grossen Hersteller haben aber alle bereits eigene Nachhaltigkeitsprogramme. Braucht es die Plattform überhaupt?

Die Plattform ist sehr wichtig, weil nicht nur die Branche selber, sondern auch NGO, die Eidgenossenschaft, Konsumenten, Hochschulen und die Forschung dabei sind. Die Plattform bündelt das Wissen und die Erfahrung dieser Akteure. Sie geht von der Einsicht aus, dass gemeinsame Verantwortung nur gemeinsam sowie mit konstruktiver und auf Vertrauen basierender Zusammenarbeit bewältigt werden kann.

Wie soll es konkret vorwärts gehen? Bis 2025 sollen ja 80 Prozent des Kakaos nachhaltig beschafft werden.

Die Plattform ist daran, den aktuellen Anteil an nachhaltigem Kakao zu erheben. Ziel ist es, bis Anfang 2019 eine fundierte Datengrundlage zu erstellen und diese dann regelmässig zu aktualisieren. Geschätzt stammen derzeit mehr als die Hälfte des importierten Kakaos aus zertifizierter oder verifizierter Produktion.

Die Themen Nachhaltigkeit und Kinderarbeit hat man schon vor zehn Jahren diskutiert. Weshalb ist man eigentlich noch nicht weiter?

Es braucht Zeit, um so schwierige Themen wirksam anzupacken. Man muss aber auch aufpassen, dass man das Kind nicht mit dem Bad ausschüttet und gar keine Rohstoffe mehr importiert, deren Herkunft nicht detailliert nachgewiesen werden kann. Die Problematik ist erkannt und es können wichtige Fortschritte verzeichnet werden. Aber ich bin einverstanden, dass es vorangehen muss, deshalb haben wir ambitiöse Ziele gesetzt und ein Monitoring aufgestellt.

Ebenfalls neu gegründet wurde die Initiative Esprit Chocolat. Weshalb muss man den Schweizern erklären, wie gut Schokolade ist?

Esprit Chocolat soll das Informationsbedürfnis der Kunden zum Thema Kakao und Schokolade aufnehmen. Esprit Chocolat ist eine Initiative der Schweizerischen Stiftung der Kakao- und Schokoladenwirtschaft und das Ziel ist, auf unterhaltsame Weise Informationen zu Schokolade, zu Nachhaltigkeit, Innovation und Wirtschaft aufzubereiten. Anfang November wurde in Bern eine Veranstaltung mit verschiedenen Akteuren rund um die Schokolade – so zum Beispiel auch Forschungsinstitute – organisiert, die gerade beim jüngeren Publikum grossen Anklang gefunden hat. Es geht nicht um Werbung für einzelne Produkte, sondern um einen Informationsteppich für die Schokolade generell, auch um zu zeigen, dass die Schokoladewirtschaft ein wichtiger Teil der Nahrungsmittelindustrie ist, in welchem mehr steckt, als man auf den ersten Eindruck meinen könnte.

«Es geht um einen Informationsteppich für die Schokolade»

Gibt es auch TV-Spots vor der Tagesschau mit Slogans wie «Esst Schweizer Schokolade»? So wie bei Fleisch, Milch oder Gemüse?

Nein, es ist nicht die Idee, Werbung im TV zu machen. Bei Esprit Chocolat handelt es sich auch nicht um Absatzförderung, sondern wie gesagt um Informationsvermittlung.

An dem Anlass in Bern, den Sie angesprochen haben, hat der Neo-Chocolatier Dieter Meier die traditionelle Schokoladenindustrie angegriffen: Sie verwende viel Zucker als Füllstoff und verwende Kakaobutter, bei der die Herkunft nicht klar sei.

Zuerst möchte ich sagen: Ich finde es gut, dass es Leute wie Herrn Meier gibt, die Innovationen vorantreiben. Wir haben Herrn Meier auch an die letzte Generalversammlung von Chocosuisse zu einem interessanten Ge-spräch eingeladen. Das patentierte Verfahren, das er von Professor Hühn erworben hat, ist sicher interessant. Am Esprit Chocolat Anlass wurden aber auch ein paar Fragezeichen angesprochen (s. alimenta Nr. 22 vom 21.11.18) die Red.). Die traditionellen Produzenten sind derzeit der Auffassung, dass ihre Produktionsweise sich weiterhin bewährt; sie verfolgen die Entwicklung interessiert und unaufgeregt. Was Kakaobutter angeht, kann ich nur hoffen, dass auch Dieter Meiers Firma der Plattform für nachhaltigen Kakao beitreten wird. Dort widmet sich eine Arbeitsgruppe nämlich intensiv dem Thema nachhaltige Kakaobutter.

Bei Chocosuisse sind sehr grosse Firmen wie Nestlé oder Lindt dabei. Wird der Verband nicht von diesen dominiert? Können sich kleinere Firmen überhaupt wirksam einbringen?

Ich hatte noch nie den Eindruck, dass einer der Grossen irgendetwas gegen den Willen der Kleineren durchgedrückt hätte. Grosse und kleine Firmen haben viele gemeinsame Interessen, bei der Nachfolgeregelung zum Schoggigesetz, beim Zuckermarkt oder bei den internationalen Rahmenbedingungen.

Es gibt auch immer mehr kleinere, handwerkliche Schokoladenhersteller und Verarbeiter. Sind die im Verband auch willkommen?

Momentan liegt der Fokus der Aktivmitgliedschaft auf den Industriebetrieben. Es gibt aber auch weitere Mitgliedschaftsformen. Unser Hauptziel ist, dass die Interessen unserer Mitglieder auf Bundesebene gut vertreten sind. Hier prüfen wir auch, wie wir dieses Ziel mit der Fial erreichen können.

Wenn die erste Verarbeitungsstufe sich von der Fial verabschiedet, dann werden Sie im Fial automatisch noch stärker.

Ja, aber die Frage ist, wie viel über die Fial laufen soll und wie viel Chocosuisse und Biscosuisse selbständig machen. Wir sind daran, solche Fragen im Zusammenhang mit der Neuorganisation der Fial zu klären.

Ist es bedauerlich, dass Firmen der ersten Verarbeitungsstufe aus der Fial ausgetreten sind, oder eher eine Bereinigung?

Ich glaube, es ist eine Bereinigung, die Sinn macht. Auf politischer Ebene sollte ein Verband seine Interessen klar vertreten können. Wenn Chocosuisse und Biscosuisse sich bei einem politischen Geschäft zurückhalten und sich darauf verlassen, dass die Fial eine klare Position vertritt – und dann feststellen müssen, dass dem nicht so ist, dann ist das nicht befriedigend.

«Wir prüfen deshalb auch, ob unsere Interessen weiterhin bei der Fial gut aufgehoben sind»…

…und wenn ja, wie die Fial ausgestaltet sein muss, damit dies gewährleistet ist. Chocosuisse- und Biscosuisse-Direktor Urs Furrer ist einer der Co-Geschäftsleiter der Fial und leistet grosse Arbeit für die Fial, ohne dass dies bisher verrechnet wird. Nutzen und Ertrag müssen auch stimmen.

Denken Sie, dass die Fial mit den Co-Geschäftsführern und mit relativ kleinem Budget gut aufgestellt ist, um schlagkräftig zu sein? Oder braucht es grössere Änderungen?

Diese Fragen muss man jetzt gründlich prüfen und dann klare Schlussfolgerungen ziehen. Chocosuisse und Biscosuisse werden das ganze konstruktiv-kritisch begleiten. Persönlich glaube ich, dass ein einzelner Geschäftsführer besser wäre, um einen schlagkräftigen Verband zu führen.

Wie sind Sie eigentlich zu Ihrem Amt gekommen?

Wie die Jungfrau zum Kind (lacht). Ich wurde angefragt vom Vizepräsidenten Daniel Bloch, weil mein Vorgänger Walter Anderau aus Altersgründen zurücktrat. Bei Chocosuisse und Biscosuisse sind viele Themen von der Bundespolitik betroffen, deshalb wollte man einen direkten Draht ins Parlament. Als ehemaliger Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Freiburg kannte ich die Branche ein wenig, weil ich mit Cailler, Villars oder auch Roland in Murten zu tun hatte. Der direkte Draht hilft. Am ersten Dienstag der Wintersession organisieren wir jeweils ein Schoggizmorge, es ist wohl einer der bestbesuchten Anlässe. Da können die Inhaber und Chefs unserer Mitgliedfirmen den Politikern direkt Rede und Antwort stehen und ein paar wichtige Messages platzieren.

Welches ist Ihre Lieblingsschokolade?

Ich bin ja Diabetiker, esse aber gerne und relativ viel Schokolade. Ich muss meinen Blutzuckerspiegel immer unter Kontrolle haben. Wenn er zu tief ist, dann habe ich immer ein Stück Schokolade dabei. Das sind verschiedene Schweizer Schokoladen.

Interview: Roland Wyss-Aerni und Hans Peter Schneider