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Die Vielfalt der Ovo-Familie pflegen

Beim Ovo-Hersteller Wander AG führen unterschiedliche Rezepturen, Verpackungen, Auslobungswünsche und regulatorische Details zu einer grossen Zahl von Produktvarianten. Wander bewältigt diese mit integralen Stammdaten-Management und GS1-Instrumenten.

von Manuel Fischer

«Das neue Lebensmittelgesetz ist für alle Partner eine Motivation, auf automatisierte Datenübertragung umzustellen, erklärt Fredy Jaeggi. (Bilder: zVg)
ne automatische Anlage füllt und verschliesst täglich                       50 000 Gläser mit dem Ovo-Aufstrich Crunchy Cream.
Hier werden die Ovo-Crunchy-Creams in drehbare Einweggläser abgefüllt.
Bei der Auszeicnung von Handelseinheiten setzt die Wander AG konsequent das GS1-System ein.

Angefangen hat alles in der Berner Altstadt. Der deutsche Apotheker Georg Wander suchte vor über 150 Jahren ein Mittel gegen Mangelernährung. Auf der Basis von Gerste entwickelte er einen löslichen Malzextrakt und schaffte den Durchbruch. Sein Sohn Albert verfeinerte das Pulver mit Ei, Milch und Kakao. So entstand auch der Name Ovomaltine. Ovum ist die lateinische Bezeichnung für Ei und malt ist das englische Wort für Malz.

Jung, vielfältig und gesund

Im Jahr 1904 kam das Pulvergetränk auf den Schweizer Markt und wurde damals noch über den Gesundheitsfachhandel vertrieben. Erstaunlich, wie jugendlich eine über Hundertjährige daher kommt, denn inzwischen hat sie nicht weniger als 31 Nachkommen. Die Ovo-Markenfamilie ist im Schweizer Detailhandel omnipräsent. Heute gehört die Marke der Firma Associated British Foods. Hergestellt wird das Instantgetränk aber weiterhin im bernischen Neuenegg.

Dabei hat sich die Herstellung der Ovo-Grundmasse nicht gross verändert: Das Gersten-Malz-Körnergemisch muss geschrotet und in einem Bottich gekocht werden. Danach wird dem Malzextrakt durch ein Vakuum das Wasser entzogen. Der honigähnlichen Substanz wird u.a. kondensierte Milch, fettarmer Kakao, Rapsöl und Kochsalz beigemischt. Danach wird der Ovo-Dicksaft auf horizontal angeordneten Bändern in einem der drei meterlangen Bandtrocknern von Heizgasen überströmt, so getrocknet und danach fein gemahlen. Das kontinuierliche und schonende Trocknen ist die zentrale Verfahrenstechnik auch für alle anderen Produkte (Jemalt, Caotina, Dawa usw.) des Werks in Neuenegg der Wander AG.

Erst danach beginnt die eigentliche Vielfalt: Überall topmoderne spezialisierte Abfüllanlagen und Verpackungsmaschinen, die je nach Zielmarkt und je nach Darreichungsform zum Einsatz kommen. Das Nationalgetränk Ovomaltine kennt jedes Schweizer Kind in der Form als 500-g-Dose oder als Nachfüllbeutel. Nicht so für das preissensible Deutschland: Das Ovopulver wird in formschönen Kunststoffbehältern (Jars) abgefüllt, um der Premium-Anmutung zu genügen.

Und schliesslich haben die verschiedenen Frühstückskulturen in Europa zur Vielfalt der Ovo-Familie beigetragen. «Deutschland ist ein ausgeprägter Brotaufstrichmarkt», sagt Fredy Jaeggi, Leiter Absatz- und Produktionsplanung und Stammdatenkoordinator bei Wander AG. Man orientiert sich bei der Verpackung an der Nuss-Nougat-Crème des italienischen Marktführers, weswegen die Ovo Crunchy Cream im drehbaren Einwegglas mit Schraubdeckel abgepackt wird.

Transparenz mit System

Um beim Paradebeispiel Ovo zu bleiben: Von blossem Auge ist die Vielfalt von Darreichungsformen und Produktvarianten noch überschaubar. Die Umsetzung der Lebensmittel-Informationsverordnungen des Bundes (LIV) und der EU (LMIV) erhöht die zu beherrschende Komplexität der Produktevielfalt für die Hersteller und Markeneigner von Lebensmitteln zusätzlich. Hier sorgt das GS1 System für die verlangte Transparenz und ermöglicht Rückverfolgbarkeit.

Ob Nährwert- oder Gesundheitsangaben, ob Zutatenliste und Allergene: Der Gesetzgeber fordert die Vollständigkeit, Aktualität und Korrektheit solcher Angaben, un-abhängig davon, ob Konsumenten ein Produkt aus dem Regal holen oder dieses im Online-Handel beziehen. Doch eine europaweite Harmonisierung des Lebensmittelrechts hat nicht notwendigerweise eine Vereinfachung der Kennzeichnung zur Folge. Das GS1-System hilft, hier Ordnung zu schaffen. Die Ovo-Rezepturen sind je nach Zielland verschieden. Es ist einleuchtend: Inhaltlich unterschiedliche Produkte sind nicht identisch und brauchen deshalb verschiedene Identifikationsnummern (GTIN).

Kleiner Unterschied, grosse Wirkung

Doch die Praxis ist noch weit komplexer: Man hat die spezifischen Wünsche der Grossverteiler, ebenso die Marketing-Strategien pro Zielland sowie die kleinen Abweichungen pro Land bei der Umsetzung der LMIV zu beachten. Dawn King, EDI Business Analystin bei Wander AG, schildert vertrackte Details: «Die Rezeptur kann für zwei Zielmärkte absolut identisch sein. Doch die Deklarationsvorschriften weichen je Land in kleinen Details voneinander ab. Das hat zur Folge, dass wir zwei unterschiedliche GTIN zuteilen müssen.» So sind beispielsweise in einem EU-Land nur die 14 Hauptallergene aufzulisten wie beispielsweise «Nüsse» oder «Gluten», ohne spezifischere Angaben. Anders in der Schweiz: Details für sensible Konsumenten wie «Haselnüsse» oder «Mandeln» sind anzubringen.
Die einen Grossverteiler beste­hen auf gesundheitsbezogenen Angaben auf ihren Verpackungen, andere nicht. Auch Zertifikate spezifischer Labels und Produktionsstandards sind je nach Wunsch des Handelspartners als Information zum gelisteten Produkt mitzuliefern. Die Vielfalt an Produkt- und Handelseinheiten (auch für zeitlich begrenzte Promotionen usw. ein 2er-Pack für ein Display, Kartons für diese 2er-Packs usw.) führt dazu, dass das Unternehmen gut tausend GTIN-Identifikationsnummern all ihrer Markenprodukte verwalten muss.

Pflege der Produktstammdaten

Der Wunschzettel zeigt es: Die Liste der Produkteigenschaften pro GTIN wird à la longue nicht kürzer, sondern länger. Die Firma Wander, wie viele andere Lebensmittelhersteller auch, verwenden viel Sorgfalt, um ihre Produktstammdaten gut zu pflegen. Das Unternehmen hat inzwischen den strategischen Nutzen eines effizienten Stammdaten-Managements er-kannt. Hierzu werden personelle wie auch formationstechnolo­gische Ressourcen bereitgestellt. Dazu Stammdatenkoordinator Fredy Jaeggi: «Bis vor kurzem hatten wir kein System, welches Stammdaten zusammengeführt darstellen konnte.» Jede Abteilung verwaltete und erzeugte Pro­duktstammdaten und diese in unterschiedlichen Datenformaten.

Wander bildete unlängst ein Kompetenzcenter-Team, welches über die Qualität und Vollständigkeit der Produktstammdaten wacht. Stammdaten aus dem Logistik-Bereich (Palettierung, Abpackung von Produkten usw.), aus dem QS (Nährwerte, Allergene, Zertifikate, Zutaten) und aus dem Marketing (Sachbezeichnung, Verkaufstext usw.) werden nun in ein zentralisiertes Produktinformationssystem (Synkworks) überführt.
Das macht es viel einfacher, die Anzahl GTIN inklusive dazu benötigte Artikelstammdaten per Knopfdruck an Abnehmer zu senden. Über den in der Schweiz domizilierten und GS1-zertifizierten Datenpool (Glolib) empfangen Distributoren und Grossverteiler über das Global Data Synchronisation Network (GDSN) die benötigten Daten. GDSN verbindet Handels- und Industrieunternehmen auf der ganzen Welt.
Im Stammdatenpool werden die Produktinformationen in einer zentralen Datenbank vom Hersteller einmalig digital erfasst. Alle angeschlossenen Händler oder Dienstleister werden mittels Push-Verfahren automatisch mit den Artikelstammdaten versorgt. Validierungsregeln stellen die Datenqualität sicher, bevor die Daten vom Lieferanten zum Empfänger weitergeleitet werden.

Kleine Detailhändler werden über das GS1-Werkzeug «Trustbox» mit Produktstammdaten
versorgt. «Unser Ziel: So unterschiedlich unsere Kunden und Datenplattformen (Etiketten, Produkte-Websites) sind. Die Datenquelle muss immer dieselbe und absolut zuverlässig sein», sagt Dawn King. Der «Trusted Source of Data»-Ansatz gewährleistet die konsistente Nutzung der Artikelstammdaten von den Lieferanten bis hin zum Nutzer von Smartphone-Apps.

Alle sind gefordert

Für den reibungslosen Datenverkehr haben nicht nur die Hersteller ihre Hausaufgaben zu machen, sondern auch weitere Partner in der Wertschöpfungskette. Europaweit sollten Distributoren und Grossverteiler in der Lage sein, sowohl Daten aus einem Datenpool empfangen, als auch diese – in einem Atemzug – an ihre Marktpartner weiterleiten können. Im Gespräch mit den QS- und Stammdaten-Experten bei Wander wird klar: Es ist noch ein langer Weg von der manuellen Eingabe zum Idealzustand automatischer Übernahme umfangreicher Datensätze. Auch betriebsintern braucht es Geduld. «Vorerst können wir auf das visuelle Überprüfen auf Excel-Tabellen noch nicht verzichten und auch unsere Produktmanager müssen Kontrollaufgaben übernehmen», sagt QM-Expertin Murielle Stauffer. Es gibt Grund zur Zuversicht, dass sich das mittelfristig ändert, wie Fredy Jaeggi erläutert: «Das neue Lebensmittelgesetz ist für alle Partner eine starke Motivation, auf automatisierte Datenübertragung umzustellen.»
redaktion@alimentaonline.ch

Dieser Text erschien zuerst in der Fachzeitschrift GS1 network.