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«Sichern Sie der Branche eine nachhaltige Zukunft»

Flugimporte nein, CRISPR/Cas ja: Ex-BLW-Direktor Manfred Bötsch nahm an der Generalversammlung von Swisscofel die Nachhaltigkeit der Früchte- und Gemüsebranche kritisch unter die Lupe.

von mos

Pointiert und engagiert nahm Bötsch die Gemüse- und Früchtebranche in die Pflicht. (Bild mos)
Der Klimawandel beschäftigt auch Swisscofel-Geschäftsführer Marc Wermelinger. (Bild mos)

«Auf Ihre Branche kommen goldene Zeiten zu», begann Manfred Bötsch scherzhaft sein Gastreferat an der Generalversammlung von Swisscofel, dem Verband des Schweizerischen Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels, am 7. Mai in Bern. Fleisch zu essen gelte als «unanständig», Früchte und Gemüse hingegen lägen im Trend. Doch was im Trend liege, rücke in den Fokus. Oder anders gesagt: Wie steht es eigentlich um die Nachhaltigkeit bei Gemüse, Früchten und Kartoffeln? Bötsch – von 2000 bis 2011 Direktor des Bundesamts für Landwirtschaft, seit seiner Pensionierung 2018 als Berater tätig  – ortete in seiner pointierten Auslegeordnung acht kritische Themen und skizzierte Lösungsansätze.

«Schwarz-weiss-Denken und extreme Lösungsansätze sind dabei hinderlich», betonte Bötsch und plädierte für Ausgewogenheit. «Würden wir uns ausgewogen ernähren gemäss den Empfehlungen der Schweizer Ernährungspyramide, wäre unsere Umweltbelastung am geringsten – geringer noch als bei einer veganen Lebensweise», sagte Bötsch als Beispiel.

«Klimapolitik ist Migrationspolitik»

Klima: Der Klimawandel sei ein «Fakt», sagte Bötsch. Ein markanter Temperaturanstieg und vermehrte Extremereignisse zeugten davon. Zwar gehe der Treibhausfussabdruck pro Person zurück, das reiche aber nicht aus, um die Reduktionsziele von 50 Prozent weniger Treibhausgase bis 2030 zu erreichen. Eine Umkehr sei aber dringend nötig. Denn gerade in den Regionen der Welt mit dem grössten Bevölkerungswachstum werde der Klimawandel das Ertragspotenzial der Landwirtschaft verschlechtern. «Klimapolitik ist Migrationspolitik», folgerte Bötsch. Lösungsansätze sind für ihn unter anderem Treibhäuser, die mit erneuerbaren Energien beheizt werden, und ein Verzicht auf Flugimporte von Gemüse und Früchte. «Die sind eigentlich nicht zu vertreten.»

Wasser: Wie viel Wasser für die Landwirtschaft verbraucht wird, ist von Land zu Land stark unterschiedlich. Weltweit gehen 70 Prozent des genutzten Wassers (also ohne Regenwasser) in die Landwirtschaft, in der Schweiz nur 2 bis 3 Prozent, sagte Bötsch. Früchte und Gemüse würden aber häufig aus Ländern importiert, in denen knappes Wasser für die Bewässerung eingesetzt werde und illegale Brunnen den Grundwasserspiegel absenkten. «Da müssen Sie sich schon fragen, ob Sie den Import solcher Produkte verantworten können», betonte Bötsch. Natürlich seien aber auch die Konsumenten gefordert, wenig wasserintensive Produkte zu kaufen.

«Vergessen Sie die Menschenrechte nicht»

Was die Branche oft vernachlässige, seien die unwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen der vielen Pflückern und Erntehelfern vor allem im Süden Europas, kritisierte Bötsch. «Ich selber pfeife auf Bio-Erdbeeren, wenn die Pflücker schlechte Arbeitsbedingungen haben. Schauen Sie hin, vergessen Sie die Menschenrechte nicht.» Konkret müsse die Branche Standards setzen, entwickeln und einfordern, auch mit eigenen Kontrollen. Und Lieferanten, die die Standards missachteten, müssten wirksame Konsequenzen zu spüren bekommen.

«Ohne Stickstoff kein Pflanzenwachstum», stellte Bötsch klar. Trotzdem gebe es auch bei der Stickstoffdüngung Handlungsbedarf, gerade die Acker- und Gemüsebauregionen der Schweiz gehörten zu den Nitrat-Hotspots. Lösungen sieht Bötsch im Ersatz von mineralischen Stickstoffdüngern, geschlossenen Nährstoffsystemen wie Hors-sol-Treibhäusern oder Precision Farming.

Pflanzenschutzmitteln stehen im Fokus von gleich zwei Volksinitiativen, über die wir abstimmen werden. «Hätte die Branche dieses Thema nicht antizipieren können, bevor es zu diesen Initiativen gekommen ist?», fragte Bötsch kritisch in die Runde. Er setze grosse Hoffnungen, dass man mit neuen Methoden wie CRISPR/Cas neue, resistentere Pflanzen züchten könne. «Das wäre eine saubere Lösung.» Aber es brauche mehr Offenheit gegenüber diesen Methoden, namentlich von der Bio-Szene.

«Wir müssen auch das Grasland nutzen»

«Boden ist endlich», mahnte Bötsch. Wenn wir immer mehr Platz für Strassen, Schienen und Häuser brauchten, fehlten uns irgendwann die Ernährungsflächen. Eine rein vegane Ernährung der Weltbevölkerung? Für Bötsch keine Lösung, sondern eher ein Problem: Wenn man das Grasland nicht nutze, sprich Milch und Fleisch produziere, könne man die Ernährung nicht sicherstellen. Einen Paradigmenwechsel forderte Bötsch beim Schutzstatus des Waldes. «Der Wald geniesst absoluten Schutz, landwirtschaftliches Land nicht, obwohl es mindestens so wertvoll ist.»

Um die rasant abnehmende Biodiversität zu erhalten, schlug Bösch eine auf den ersten Blick paradox klingende Lösung vor, nämlich eine intensivere Landwirtschaft, auch mit Treibhäusern. «Intensivere Landwirtschaft produziert auf kleinerer Fläche mehr, so bleibt mehr Platz für Biodiversitätsflächen.» Ungelöst ist laut Bötsch die Abfallproblematik. «Unsere Abfallmenge wächst ungebremst.»

«Mit offensivem Vorgehen nachhaltige Zukunft sichern»

«Nachhaltigkeit ist komplex, aber es führt kein Weg an ihr vorbei», zog Bötsch Bilanz und empfahl der Branche, die Kräfte zu bündeln und sich auf die wesentlichsten Probleme zu fokussieren: Klimaschutz, Biodiversität, Pflanzenschutz, Arbeitsbedingungen im Ausland und den Wasserverbrauch im Ausland. Wichtig sei, dass die Branche offensiv an das Thema herangehe und sich einen Wissensvorsprung verschaffe, sonst werde sie von den Entwicklungen in Politik und Gesellschaft überrumpelt.