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So essen wir in 20 Jahren

Ein Science-Fiction-Blick auf die nächsten zwei Jahrzehnte der Lebensmittelentwicklung, von Roboterlandwirten über 3D-gedruckte Mahlzeiten bis hin zur behördlichen Überwachung der täglichen Kalorienzufuhr.

von Marius Robles*

Pflanzenproduktion in der Stadt und in der Halle: Eine mögliche Zukunftsvision.

Es ist das Jahr 2038. Das Wort «Geschmack» wird nicht mehr verwendet. Zucker ist der neue Tabak, und wir haben es geschafft, Salz durch gesunde Pflanzen zu ersetzen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir gentechnisch veränderte Früchte essen. Wir trinken synthetischen Wein, essen Rühreier, die mit Hühnern nichts zu tun haben, grillen Fleisch, das nicht von Tieren stammt, und braten Fisch, der nie einen See oder das Meer gesehen hat.

War dies das Ziel, als in den frühen Nullerjahren sich Transparenz, Rückverfolgbarkeit und Nachhaltigkeit im Lebensmittelsystem immer stärker durchsetzten? Vor etwa einem Jahrzehnt gab es einen landwirtschaftlichen Engpass. Höhere Temperaturen führten vermehrt zu Krankheiten in den Feldern, unsere Nahrungsquellen wurden stark beeinträchtigt. Und wir realisierten: Drei Viertel der Welternährung stammen aus nur 12 Pflanzen- und fünf Tierarten. Wir haben daraus gelernt und begonnen, die wahre Biodiversität zu schätzen. Wir haben begonnen, Fleisch in Labors zu züchten und Roboter in die Bauernhöfe und auf die Felder gebracht. Die technischen Fortschritte, die sichere und nachhaltige Lebensmittel möglich gemacht haben, haben aber auch schreckliche Szenarien geschaffen.

Produziert wird in den Städten

Die traditionellen Landwirte mussten sich neu erfinden, und nicht alle hatten die Möglichkeit, sich an die neue Art der Landwirtschaft anzupassen. Viele wurden von Robotern eliminiert. Die Preise für Blumenkohl, Kohl und Broccoli stiegen zuerst, weil die Arbeitskräfte für die Ernte knapp waren. Die Roboter senkten dann aber die Kosten um 40 Prozent.
Heute ist die Landwirtschaft zum grössten Teil in der Hand der jungen Generation. 70 Prozent von ihnen sind Hochschulabsolventen und bezeichnen sich selbst als «Urban Farmer-Wissenschaftler». Sie bauen alle Arten von Pflanzen in Behältern an, die in den Städten platziert werden, wobei effiziente Hydroponik-Anlagen verwendet werden. Farmen befinden sich jetzt in Städten und können leicht besucht werden, sie ähneln jedoch mehr einem Apple Store als einem traditionellen Bauernhof.

Die Felder auf dem Land, die für den Anbau übrig blieben, wurden zu Standorten für regenerative landwirtschaftliche Praktiken. Die Anforderungen dafür liegen noch höher als diejenigen des Biolandbaus, und sie tragen zur Bekämpfung des Klimawandels bei, indem Kohlenstoff im Boden gebunden wird.

Chinas Einfluss auf die Welt

Wir leben in einer Zeit der «Ultrapersonalisierung», aber gleichzeitig fehlt uns jegliche Art von Privatsphäre. Unsere ganze Ernährung folgt einem Plan, der uns praktisch keine Wahlfreiheit lässt. Der erste Auslöser dafür war Chinas Sozialkredit-Programm, das jedem chinesischen Bürger ein Rating gab, basierend auf Big Data und künstlicher Intelligenz. Nach-
dem chinesische Unternehmen massiv in den Lebensmittelmarkt eingetreten waren, setzten sie ihr Technologie- und Kontrollmodell weltweit ein. Mit dem Fokus auf Klimawandel und Lebensmittelsicherheit hat die EU eine Art Lebensmittelpolizei eingerichtet. Diese Organisation nutzt die Technologie und den fortwährend erhobenen CO2-Fussabdruck jedes Bürgers, um alles, was wir essen, aufzuspüren und das Niveau unserer Lebensmittelverschwendung zu überwachen. Die Summe all dieser Elemente ergibt unseren CFS (Citizen Food Score).
Die Behörde ist in der Lage, alles zu analysieren, vom Sandwich, das wir aus einem Automaten mitnehmen – 1,441 Gramm CO2-Äquivalent, was den Emissionen entspricht, die bei 16 Kilometer Autofahren entstehen – bis hin zu unseren allgemeinen Essgewohnheiten. Das bedeutet, wenn Sie versuchen, Ihren Fingerabdruck an einem Automaten zu verwenden, wird das Produkt manchmal zurückgehalten, entweder weil es Ihren vorgegebenen Kohlenstoffgehalt überschreitet oder weil Sie bereits die notwendigen Kalorien für diesen Tag aufgenommen haben.

Ein Algorithmus berechnet unser Verbrauchsniveau und den Abfall, den wir erzeugen, ohne dass die Säcke in unseren Müllcontainern überprüft werden müssten. Es hängt einfach davon ab, was wir im Supermarkt kaufen, wie viele Menschen in unserem Haushalt leben und was wir wann konsumieren. Wer zu viel Abfall produziert, muss hohe Geldbussen bezahlen.

Der Staat weiss alles

Fettleibigkeit gibt es nicht mehr, aber wir analysieren immer noch die gesundheitlichen Auswirkungen neuer Lebensmittelprodukte, die inzwischen aus den Labors stammen. Die Food Consumption Tax Agency analysiert die Art und Weise, wie wir essen, mittels eines digitalen Implantats oder einer Tätowierung. Die Regierung lässt uns alle sechs Monate einen essbaren Nanoroboter einnehmen, um das Risiko unserer Lebensmittel für unsere Gesundheit und die Umwelt einzuschätzen. Versicherungsgesellschaften haben begonnen, Versicherungspolicen anzubieten, deren Prämien je nach Gesundheitsgewohnheiten variieren. Dank dieser Implantate können sie fast alles in Echtzeit verfolgen.

Küchen haben sich komplett verändert. Wir haben jetzt Bioreaktoren in unseren Küchen, zusammen mit einer ganzen Reihe intelligenter Kochgeräte, die nicht einfach nur Lebensmittel verarbeiten, sondern die jedes Gericht zubereiten können. Wir haben keine städtischen Gärten mehr, dafür Roboter­gewächshäuser, in denen Lebensmittel 500-mal schneller produziert werden als im Boden.

Wir können auch Lebensmittel teletransportieren. Heute braucht es weder Kuriere noch Drohnen, sondern eine Breitbandverbindung. Anstatt das Essen zu senden, senden wir seine Daten. Wir können Rezepte und Gerichte von Spitzenköchen in ihren Restaurants erwerben. Sobald wir sie «gekauft» haben, können sie von unseren 3D-Lebensmitteldruckern innerhalb von Sekunden zu Hause repliziert werden. Nahrungsmittelsynthesizer können aus den richtigen Pulvern Snacks mit zehn oder 20 verschiedenen Geschmacksrichtungen erstellen – jeder

Biss ein anderer Geschmack.

Dies geschah, nachdem Unternehmen jedes Lebensmittel auf der Welt digitalisiert hatten, wodurch der 3D-Druck möglich wurde. Sie erstellten eine digitale Lebensmitteldatenbank, in der Informationen über Geschmack, Farbe, Form, Textur und Nährstoffe verschiedener Arten von Lebensmitteln gespeichert wurden. Der Benutzer musste lediglich die gewünschte Art von Lebensmittel aus der Datenbank auswählen, und sein 3D-Drucker erstellte kleine Würfel dieses Lebensmittels, welche die entsprechenden Aromen, Farben und Nährstoffe enthielten.

Künstliche Intelligenz ist in unserem Leben und auch in unseren Küchen allgegenwärtig. Jedem Bürger wird ein Algorithmus zugewiesen, der einer kulinarischen DNA ähnelt, die jede Erinnerung und jeden Geschmack erfasst, die mit Nahrungsmitteln aus unserer frühesten Kindheit verknüpft
sind. Weil der Algorithmus unsere kulinarischen Bedürfnisse perfekt versteht, kann er sogar unsere Stimmungen vorwegnehmen und unsere Kochgeräte anweisen, das am besten geeignete Gericht zuzubereiten. Alles, was wir brauchen, wird in einer einzigen Datenbank gespeichert.

Restaurants liefern das perfekte Menü

Die wenigen verbliebenen Gastronomen tragen in Bezug auf die Gesundheit ihrer Gäste die gleiche Verantwortung wie Ärzte. Die Restaurants beschäftigten sich schon früher mehr mit Emotionen statt nur mit Mägen. Damals fütterten sie nicht nur die Gäste, sondern dienten auch als Rahmen für Versöhnungen, Verhandlungen, Verschwörungen, Liebeserklärun­-
gen, intellektuelle Versammlungen oder tiefe Gespräche. Heutzutage sind die meisten Restaurants virtuell geworden. Sie bereiten immer noch Gerichte zu, schicken sie aber zu Ihnen nach Hause. Sie haben keine Tische und Stühle mehr, an denen man sitzen kann. Die Fortschritte bei der Konservierung von Lebensmitteln ermöglichen es uns, jedes Menü zu geniessen, von der besten Haute Cuisine bis zu den frechsten Snacks, ganz bequem in unseren eigenen vier Wänden.

Alle Kunden, die noch persönlich Restaurants besuchen, finden dort einen Raum voller Sensoren, die den Betrieb in der Küche und die Bewegungen der Gäste verfolgen. Die meisten Restaurants laden den FCS (Food Citizen Score) ihrer Gäste und den Geschmacksvorhersagealgorithmus (kulinarische DNA) herunter, während sie durch die Tür gehen, um Informationen über Gewicht, Grösse, diätetische Anforderungen und Ziele für die körperliche Verfassung zu erhalten. Ihre Anwendungen geben dann eine individuelle Ernährungsberatung und empfehlen Mahlzeitoptionen. Die Kunden stellen auch eine Speichelprobe zur Verfügung, damit das Restaurant ihre genetische Ausstattung anhand von aktualisierten Studien referenzieren kann. Damit wissen die Kunden nicht nur, ob die Wahrscheinlichkeit einer genetischen Veranlagung für Nahrungsmittelunverträglichkeiten hoch ist. Sie erhalten auch das perfekt abgestimmte Menü.

Überfluss, gepaart mit der Fähigkeit künstlicher Intelligenz, jede Entscheidung zu antizipieren, hat uns davon befreit, uns überhaupt mit Essen befassen zu müssen. Aber damit haben wir die Lust am Essen zerstört: Wir lecken uns nie die Lippen vor Erwartung.

*Marius Robles ist CEO und Mitbegründer von Reimagine Food, dem weltweit ersten Disruptionszentrum, das sich auf die Zukunft der Lebensmittel konzentriert. Der Text wurde zuerst im August 2018 im Magazin Fast Company veröffentlicht. Übersetzung: Roland Wyss-Aerni