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Die Ratlosigkeit der Ernährungsforscher

Ernährungsforschung und die Lebensmittelindustrie sollten wieder besser zusammarbeiten. Und die Ernährungsforschung müsste wieder seriöser und glaubwürdiger werden. Das zeigte ein Anlass in Bern.

von Roland Wyss-Aerni

«Unsere Wissenschaft hat grosse Probleme.» Die Ernährungswissenschaftlerin Hannelore Daniel. (Bild wy)

Mit einem Rundumschlag und einem Aufruf startete die deutsche Ernährungswissenschaftlerin Hannelore Daniel das sogenannte Satellite Meeting zum Abschluss des Nutrigenomik-Kongresses NuGOweek (s. «Mehr zum Thema»). «Unsere Wissenschaft hat grosse Probleme», sagte sie. 65 bis 85 Prozent der Ergebnisse von Papers, die veröffentlicht würden, seien nicht reproduzierbar. Der Grund dafür sei, dass ein gemeinsames Referenzsystem fehle. «Wir brauchen eine Art GPS für die Ernährungswissenschaft.» Die unüberschaubare Menge von Studien und die Tatsache, dass niemand mehr die Studien richtig lese, führe dazu, dass die Ernährungswissenschaft viel von ihrer Glaubwürdigkeit eingebüsst habe. «Wir müssen zusammenfinden, Kompromisse machen und wieder mit einer Stimme sprechen.» Eventuell sei die Schweiz, wo man mit Kompromissen geübt sei, der richtige Ort, um eine Qualitätsinitiative für die Ernährungswissenschaft zu starten.

Die Erwartungen der Ernährungswissenschaft nach der Entschlüsselung des menschlichen Genoms in den Nullerjahren seien sehr gross gewesen, sagte Daniel – und die Enttäuschung angesichts der komplexen Kausalitäten dann auch. Man habe 100 verschiedene genetische Variationen gefunden mit einem Bezug zum Body Mass Index – und 100 genetische Variationen mit Bezug zu Typ 2 Diabetes. Seit einigen Jahren sei das Mikrobiom das «new kid on the block», jeden Tag würden dazu 30 bis 40 neue Paper publiziert, sagte Daniel. Auch hier seien die Erwartungen gross und die bisherigen Erfahrungen ernüchternd. Man sehe, dass zwei bis acht Prozent des Mikrobioms vererbt sei – die restlichen gut 90 Prozent seien unerklärt. Von 500 möglichen Einflussfaktoren hätten 126 einen signifikanten Effekt, aber alle einen etwa gleich starken. Eine sehr ungünstige Ausgangslage, um mit vertretbarem Aufwand nützliche Ergebnisse zu erhalten. Die Tatsache, dass unterschiedliche Menschen die gleichen Nahrungsmittel sehr unterschiedlich verdauen und verwerten, spreche für die personalisierte Ernährung. Diese werde in Form von DNA- oder Mikrobiom-Tests zwar bereits kommerziell angeboten, sei aber wissenschaftlich noch zu wenig fundiert.

Forschung und Industrie zusammenbringen

In mehreren anschliessenden Workshops der verschiedenen Anspruchsgruppen wurden die Lücken der heutigen Ernährungswissenschaft diskutiert. In der Gruppe der Lebensmittelindustrie waren grosse Hersteller wie Nestlé oder Migros, aber auch kleine wie Bio-familia vertreten. Ein Thema war, dass die Ernährungswissenschaft immer mehr widersprüchliche Ergebnisse liefere, dass aber letztlich die Hersteller im Zentrum der Kritik stünden, weil Zucker, Salz oder Fertigprodukte als schädlich dargestellt würden. Dazu komme, dass in der Presse jeweils nicht die seriösesten neuen Studienergebnisse aufgegriffen würden, sondern die spektakulärsten. Idealerweise müsste die Ernährungsforschung konsistente Resultate lieferen, die von der Industrie dann für die Produktentwicklung verwendet werden könnten. Diese Zusammen­arbeit sei schwierig geworden. Beklagt wurde auch, dass die Ernährungswissenschaft in der Schweiz schwach aufgestellt und zersplittert ist.
In der Schlussdiskussion des Satellite Meetings zeigte sich, dass die Datenerhebung zu den Essgewohnheiten der Schweizer Bevölkerung verfeinert werden muss. Auch die Fragmenteriung der für die Ernährungsforschung bereitgestellten Gelder oder die mangelnde Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse an die Bevölkverung wurde kritisiert.