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«Wir wollen frei sein in der Beschaffung»

Denner setzt auf günstige Preise, auf Frische, Nähe und Schweizer Produktion. CEO Mario Irminger will von der Muttergesellschaft Migros relativ unabhängig bleiben.

von Hans Peter Schneider

Will Schweizer-Produkten eine starke Plattform geben. Denner CEO, Mario Irminger.

alimenta: Seit 2011 konnte Denner die Anzahl Filialen und den Umsatz steigern. Was sind die Gründe dafür?

Mario Irminger: Wir sind expansiv gewachsen. Zwar hatten wir früher mehr Denner-Satelliten, vor allem in der Peripherie, heute aber findet eine Verschiebung in die Städte statt, wo das Wachstum mit den eigenen Filialen anhält. So konnten wir den Umsatz steigern, vor allem weil wir alle Läden umgebaut haben und den Fokus des Sortimentes auf Frische und den Alltagsbedarf legen. Wir sind der tägliche Nahversorger zu Discountpreisen.

Weicht Denner in ländlichen Gebieten der Konkurrenz? Auch Volg definiert sich als Nahversorger und wächst.

Nein, das hat eher damit zu tun, dass viele Ladenbesitzer keinen Nachfolger finden. Um mit diesen Läden ein Auskommen zu realisieren, muss ein bestimmter Mindestumsatz entstehen.
Das ist oft nicht der Fall und so steigen viele Junge aus dem Geschäft aus. Sie wollen nicht sechs Tage im Laden stehen, um am Ende nur ein bescheidenes Einkommen zu erhalten.

Innerhalb der Migros-Gruppe ist Denner zusammen mit Migrolino die profitabelste Unternehmung.

Es ist so, dass im Lebensmittelhandel der westlichen Welt der Discountmarkt wächst, der Supermarkt stagniert. Damit profitieren alle Marktteilnehmer – auch wir. Die demografische Entwicklung spricht zudem für den Discountermarkt.

Was heisst das?

In der Schweiz geht die Zuwanderung voraussichtlich weiter und wir werden im Jahr 2030 eine Zehn-Millionen-Bevölkerung haben. Es findet jedoch nicht eine bildungsintensive Migration statt, sondern eine kaufkraftschwächere Migration. Diese Leute sind darauf angewiesen, für den Tagesbedarf günstige Produkte zur Verfügung zu haben.

In der Schweiz sind seit Jahren aber auch die beiden deutschen Discounter stärker geworden.

Wir befinden uns in einer starken Mitbewerbersituation, wobei die beiden deutschen Discounter weltweit zur Champions League gehören. In der Schweiz liegen sie aber deutlich hinter uns zurück. Wir haben über 800 Läden – die Konkurrenz entwickelt sich jedoch nur langsam.

Wie viele Filialen will Denner in den nächsten Jahren neu bauen?

Es werden einige sein, die Anzahl wissen wir selber noch nicht genau.

Die Läden von Denner haben sich vom spartanischen Minimalladen hin zum Supermarkt im Kleinformat entwickelt.

Für einen Vollsortimenter sind unsere Läden zu klein. Auf 350 bis 450 Quadratmetern können wir nicht als Supermarkt auftreten, dafür aber als Nahversorger, mit Discountpreisen und ultrafrischen Warengruppen, wie beispielsweise Brot, Gemüsen, Früchten, Fleisch und Milchprodukten.

Dieser Markt ist hart umkämpft. Wie läuft es zum Beispiel beim Frequenzbringer Brot und mit den neuen Denner-Backstationen?

Wir haben bereits vor vier Jahren angefangen, in unseren Läden Brot aufzubacken. Dabei wurde ein Teil des Frischbrotes von den Bäckereien am Morgen angeliefert und während des Tages aufgebacken und verkauft. Das Brot ist dabei aber im schlimmsten Fall schon 20 Stunden alt und gilt so in der Wahrnehmung der Konsumenten und Konsumentinnen als alt. Die Leute kaufen heute Brot bei drei Gelegenheiten, am Morgen früh, zum Znüni, nachmittags und oft auch am Abend. Dabei muss es immer frisch sein. Bis jetzt haben wir die Hälfte der Filialen mit Backstationen ausgerüstet und stellen den Rest der Filialen nächstes Jahr um. So können wir jederzeit frisches Brot anbieten.

Die gewerblichen Bäcker haben keine Freude daran. Was würden Sie einem gewerblichen Bäcker raten?

Es gibt sehr erfolgreiche Bäcker, die sich vom klassischen Backmodus gelöst haben und den ganzen Tag für den Sofortverzehr Produkte anbieten. Auch ergänzt durch Spezialitäten. Dabei haben sie den Vorteil, dass sie als Spezialisten einen deutlich höheren Preis erzielen können als wir.

Backen im Laden ist energetisch aufwändig. Wie nachhaltig ist das?

Man muss die Kreislaufwirtschaft und die Öko-Gesamtbilanz berücksichtigen: Mit unserem Energiedatenmanagement-System können wir den Energieverbrauch bis auf das letzte Kilowatt messen. Wir investierten viel in energieeffizientere Geräte und die ganze Kühlung ist auf dem neuesten Stand. Damit kommen wir pro Filiale in der Summe mit einem tieferen Energieverbrauch aus – trotz den Backöfen.

Der CO2-Ausstoss soll bis im 2020 um 15 Prozent gesenkt werden. Wo liegen die Potenziale?

Dieses Ziel betrifft die Logistik und die Verwaltung, und wir haben es bereits bei weitem übertroffen. Inzwischen gehen wir einen Schritt weiter und wollen bis 2030 unsere Gesamtemissionen ambitioniert absenken, was auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Zum Beispiel mit Gebäudeheizungen, die heute per Fernwärme und alternativer Energie betrieben werden. Oder in der Brotlogistik, wo früher viele verschiedene Bäckereien jede einzelne Filiale direkt belieferten. Heute beliefern weniger Bäckereien die TK-Vertriebszentrale, erst dann werden die einzelnen Filialen beliefert. Diese Bündelung der Transporte wirkt sich positiv auf die CO2-Emissionen aus.

Können Sie andere Beispiele erläutern, wie Denner nachhaltiger sein will?

Wir verfolgen zum Beispiel mit der ETH momentan ein Projekt, um die Verpackungen zu reduzieren. Dies tönt einfach, ist aber in der Praxis schwierig zu realisieren, zum Beispiel mit dem Handling der Produkte oder den Kostenfolgen. Wichtig ist, dass nicht nur die Migros die Nachhaltigkeit weiterentwickelt, sondern auch Gruppengesellschaften wie Denner. Dabei sind wir gut unterwegs. Auch weil die Nachhaltigkeitsabteilung eine sehr enge Zusammenarbeit mit der ganzen Migros-Gruppe führt. Wir allein hätten diese Kompetenz gar nicht.

Denner führte vor rund einem Jahr die schweizweit billigste Kaffeekapsel von unter 20 Rappen ein. Geht das auf mit der Nachhaltigkeit?

Alle Händler haben eine Preiseinstiegskapsel. Wir beziehen unsere Kapseln aus der Schweiz, von der Migros-Tochter Delica und der Kaffee ist mit dem UTZ-Label zertifiziert

Die Migros-Industrie realisierte in der letzten Zeit nur noch stagnierende Umsätze und wenig Gewinn. Drückt Denner die Industrie zu stark?

Wir beziehen von der M-Industrie nur ungefähr 40 Prozent unseres Sortimentes. Denn wir wollen die Freiheit haben, das zu beschaffen, was wir für richtig halten für unser Sortiment und für unsere Kunden –auch vom Preis her.
Bei der Übernahme von Denner durch Migros befürchteten viele Lebensmittelhersteller, dass Denner als Verkaufskanal wegfalle. Kann die Schweizer Lebensmittelindustrie weiterhin auf Denner zählen?
Ja, mit unserem relativ tiefen Beschaffungsanteil, der von der M-Industrie stammt, sind wir für andere Beschaffungspartner ein relevanter Kunde. Wir sind zum Beispiel im Milchbereich nach Coop der wichtigste Kunde von Emmi. Wir kaufen aber auch bei der Cremo oder beim Fleisch von der Ernst Sutter-Gruppe ein.

Das gibt sicher einige Diskussionen mit ihrer Muttergesellschaft, die doch die eigene Industrie pushen möchte?

Wir hatten immer ein klares und anerkanntes Credo: Denner bleibt Denner – dieses ist auch den neuen Kollegen im MGB bekannt. Das Prinzip wird eingehalten und nicht permanent in Frage gestellt. Wir sind aber auch der grösste Kunde der M-Industrie und haben dadurch eine gewisse Marktmacht.

Bei Bio führt Denner nur gerade 47 Produkte und erst noch EU-Bio. Warum?

Schweizer Bioprodukte befinden sich im höheren Preissegment und würden das Preisniveau im Discountkanal überschreiten. Diese Produkte sind für den Durchschnittskonsumenten preislich zu wenig attraktiv.

Wie viel teurer dürfen nachhaltig hergestellte Produkte für den Denner-Kunden sein?

Zwischen 5 und höchstens 20 Prozent. Mehr nicht, sonst ist Bio für die Käuferschaft nicht mehr erschwinglich. Es wird heute viel über Trends wie vegan oder glutenfrei diskutiert. Wir führen etwa laktosefreie Milch oder glutenfreie Teigwaren. Aber noch einmal: Wichtig sind der Preis, die Nähe und die Frische.

Denner setzt stark auf IP Suisse-Produkte. Werden bald neue IP-Suisse-Produkte gelistet werden?

Wir werden dieses Jahr rund 100 Millionen Franken Umsatz mit IP-Suisse-Produkten erzielen. Rapsöl, Apfelessig, Raclette Quinoa sind neue IP-Suisse-Produkte und dieses Sortiment wird laufend ausgebaut. Wir sind dezidiert der Meinung, dass IP-Suisse – neben dem Bauernverband die grösste bäuerliche Vereinigung – der richtige Partner für uns ist. Die Massnahmen in Sachen Nachhaltigkeit von IP-Suisse zielen in die richtige Richtung. Wir möchten Nachhaltigkeit für alle. In den letzten Jahren gaben wir der Produzentenorganisation IP-Suisse die Möglichkeit, einen stärkeren Auftritt zu erreichen. IP-Suisse-Produkte waren vorher nur als Terra-Suisse- oder teilweise als Naturafarm-Produkte beim Konsumenten bekannt.

IP-Suisse will bis in einigen Jahren den Getreideanbau ganz herbizidfrei machen. Zahlt Denner die Mehrpreise für das Endprodukt Mehl?

Alle Brotartikel mit dem Käferlogo werden auch aus IP-Suisse-Mehl gebacken und da zahlt Denner auch den Mehrpreis.

Wie steht Denner zu den jüngsten Freihandelsabkommen, mit Indonesien oder auch mit den Mercosur-Staaten?

Solche Abkommen dürfen nicht einseitig nur die Pharma- oder andere Branchen bevorzugen. Auch die Interessen der Landwirtschaft müssen berücksichtigt werden.

Denner lancierte mit Bibite ein neues Getränkeladenformat. Alkohol in der Migros über die Hintertür?

Nein, wir sind einfach die ideale Ergänzung zum Migros-Sortiment und dieses Format wurde in enger Abstimmung mit der Migros entwickelt. Der Kunde kann mit einem Einkauf seine Bedürfnisse abdecken. Gewisse Sortimente bietet Migros nicht an. Zudem gibt es Lokalitäten, wo neben der Migros aus Platzgründen kein grosser Denner gebaut werden kann. Damit kann das komprimierte Denner-Getränkesortiment angeboten werden.
hanspeter.schneider@rubmedia.ch