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Brennpunkt Nahrung: Konsumenten im Spannungsfeld

Noch nie hatten die Konsumenten so viel Auswahl. Wie sich die Bedürfnisse entwickeln und wie gesellschaftliche Entwicklungen das Konsumentenverhalten beeinflussen, versuchten die Referenten in Luzern zu erklären.

von hps

Die fünfte Fachkonferenz Brennpunkt Nahrung ist ein Erfolg.
Manfred Bötsch.
Auch Forscher Marc Buckley rief am Brennpunkt Nahrung 2019, zum Klimaschutz auf.
Mirjam Hauser.
Chris Consoni von Ramseier.
Otmar Hofer von der Jowa.
Fritz Rothen von IP Suisse.
Podiumsdiskussion.
Fritz Rothen, Chris Consoni und Otmar Hofer im Gespräch mit Moderatorin Eveline Kobel.
Gerhard Fehr.
Jörg Reuter.

Der Geschmack steht immer noch an erster Stelle, wenn es um Innovationen bei Lebensmitteln geht. So jedenfalls stimmten die Teilnehmer der fünften Fachkonferenz Brennpunkt Nahrung in Luzern ab. Tierwohl und Verpackung wurden am Schluss genannt. Die Nachhaltigkeit in der ad hoc durchgeführten Umfrage, stehe an zweiter Stelle, wie Eveline Kobler, Leiterin Wirtschaftsredaktion Radio SRF und Moderatorin des Anlasses, sagte.

«Ja, die grüne Welle ist über uns hinweggeschwappt», sagte Manfred Bötsch, Präsident des Conference Board und bald könne es heissen: «Gemüse – alles andere ist Beilage». Damit einverstanden könnte Marc Buckley sein. Der UNO-Gesandte und Lebensmittel-Networker des World Economic Forums, appellierte für einen rigiden Klimaschutz. Warum der Mensch sich so schwer tue, diesen ernst zu nehmen, sei, dass man Treibhausgase nicht wahrnehmen könne. Nicht riechen, nicht sehen und nicht hören, so Buckley. Heute hätten wir jedoch die technischen Mittel, die Entwicklungen in der Atmosphäre zu sehen. Im Klimaschutz komme der Land- und Lebensmittelwirtschaft eine wichtige Rolle zu, sagte Buckley. Diese älteste Wirtschaft der Welt, sei auch die erfolgreichste und generiere weltweit 13 Trillionen Dollar, wobei die Schattenwirtschaft nicht eingerechnet sei. Der Food Markt wachse seit 2008 zum Beispiel in Europa jedes Jahr um 99 Milliarden Euro. Dabei gehe es nicht um die Produkte der Zukunft, sogenannter «Future Food», sondern darum, wie sie produziert würden. Nämlich mit Innovation und Clean-Tec-Methoden. Ressourcenschonend mit neuartigen Speichern, Regenwasser-Recyclingsystemen und anderen Entwicklungen, sagte Buckley. Es reiche jedoch nicht, wenn alle Unternehmen einfach eine Reduktion der Treibhausgasemissionen anstreben würden. Es reiche nämlich nicht einfach langsamer zu fahren, verdeutlichte der UNO-Mann die Situation und sagte. «Wir müssen stoppen und die Richtung drehen», sagte jedoch nicht wie dies konkret erreicht werden sollte. Das könne sich auch wirtschaftlich lohnen, denn die Wirtschaftsleistung für neue Technologien im Clean-Tec-Bereich, könne pro Jahr 12 Trillionen Dollar erreichen. Wenn aber die Banane für 16 Cents zu haben sei, könne dies nicht funktionieren, sagte Buckley zum Thema Foodwaste. «Wenn man Lebensmittel wegwirft, vernichtet man auch gleich die gesamte graue Energie, die in ihr steckt».

Transparenz ist wichtig

«Die Geschichte einer Banane ist aber komplexer als gedacht», sagte Mirjam Hauser Senior Market Researcher GIM Suisse AG an ihrem Referat. In einer Forschungsarbeit habe sie die Wertschöpfungskette einer Banane dargestellt. Dazu habe die Frucht einen Pass erhalten, worin die Stempel der jeweiligen Länder die lange Reise verdeutlicht hätten. Diese Transparenz wolle jedoch der Konsument. Dieser sei jedoch im Spannungsfeld zwischen Werten und Situationen. «Esse ich allein, in Gemeinschaft, bereite ich das Menü selber zu oder kaufe ich es verzehrfertig», so Hauser. Diese Situationen könnten entscheidend sein.

Dabei würden dem Konsumenten immer mehr Entscheidungen abgenommen. Per App spiele das Smartphone die Ernährungsberaterin. Wenn Gesundheit und Fitness zum Statussymbol geworden sei, so gehöre die Selbstvermessung mit Apps zur Normalität, so Hauser. Daraus würden dann die Ernährungspläne abgeleitet. Abschliessend meinte die Forscherin, dass ein Lebensmittelhersteller alles tun müsse um Transparenz zu gewährleisten. Aber auch Frische, Natürlichkeit, Nachhaltigkeit und Gesundheit spielten immer mehr eine Rolle, so Hauser.

Wo die Sorgen der Konsumenten liegen, dies wollte Sophie Michaud Gigon herausgespürt haben. Die Generalsekretärin des Westschweizer Konsumentenverband (FRC), ortete diese in der Antibiotika-Problematik, aber auch Lebensmittelsicherheit und Foodwaste seien Themen, welche die Konsumenten beschäftigen würden. 78 Prozent der Konsumenten wollten zudem Schweizer Produkte kaufen und vertrauten auf die heute verständliche Swissness-Regelung. Ein Anliegen der Konsumenten sei auch, dass die Marge direkt an die Produzenten, die Landwirte gehen würde.

Händler und Hersteller haben die Verantwortung

Zudem würden viele nicht wissen, wie nachhaltiger eingekauft werden könne. Die Hersteller und Händler müssten hierbei Hilfestellungen anbieten, sagte Michaud. Es sei aber nach wie vor der Händler, der mit seinem Angebot sage, was gekauft werde und was nicht, so Michaud. Natürlich habe man nicht einfach im Februar Lust auf Erdbeeren, wenn diese nicht angeboten würde, sagte Mirjam Hauser im anschliessenden Podium. Oder man könne diese schon anbieten, doch der Handel müsste dann konsequenterweise die versteckten Kosten mit einberechnen – dann würde sich der Konsument anders entscheiden, sagte Hauser.

Konsequent auf dem Pfad der Nachhaltigkeit weitergehen, das will Fritz Rothen. Der IP Suisse-Geschäftsführer will den herbizidlosen Getreideanbau realisieren. Er sei überzeugt, dass dies funktioniere. Schon vor 30 Jahren, als die IP Suisse-Bauern ohne Fungizide und Pestizide anfingen Weizen anzubauen, sei die vorherrschende Meinung sehr skeptisch ausgefallen. Nachhaltig Landwirtschaft betreiben sei aber dennoch schwierig, so Rothen. Momentan würde für 33 landwirtschaftliche Betriebe das Klimaziel gelten, die CO2-Emissionen um 10 Prozent zu senken. Dies werde jedoch hart, sagte Rothen. Im nächsten Jahr könnten dann auch die anderen IP Suisse-Landwirte beim Projekt mitmachen.

Gefordert im Umweltbewusstsein ist auch Christian Consoni. Besonders mit seinen Getränkeverpackungen, wo das Unternehmen von PET über die Dose und Karton bis zum Glas alles anbietet. Heute seien die Recyclingsysteme effizient und der Materialeinsatz tief, sagte der Ramseier Suisse-Chef. Gefordert sei man vom Handel. Wenn man ein gutes Produkt habe, wolle der Handel dieses mit einer Eigenmarke versehen.

Kürzere Produktezyklen

Die Produktezyklen würden zudem immer kürzer. Dies habe man zum Beispiel beim Ramseier-Apfelsaft gesehen, der nach und nach an Verkaufsvolumen verloren habe. Wenn man aber 40 Prozent Wasser reingemischt habe, sei ein neues Produkt, Schorle, entstanden, das sich gut verkaufe.

Gut würden sich traditionelle, authentische Produkte verkaufen lassen, war Otmar Hofer, Chef des Migros-Unternehmens Jowa überzeugt. Eben innovativ und traditionell, was zwar nach Widerspruch töne, aber ein relevanter Trend sei. Hofer erläuterte den Trend am Beispiel der neuen Jowa-Bäckerei in Gränichen, wo eine artisanale Brotqualität mit einer langen Gärzeit auf einem Steinofen, aber in industrieller Weise hergestellt werde, wie Hofer sagte. So dass ein «Low-Tec-Produkt», produziert mit «High-Tec» das Bedürfnis nach Romantik, Tradition und Heimat befriedige.

Gerhard Fehr, CEO  Sehr Advice, versuchte den nachhaltigen Konsumenten zu ergründen. Ist dieser nun nur ein Wunsch oder schon Wirklichkeit. Jörg Reuter, Inhaber Grüneköpfe Strategieberatung versuchte die Schnittmenge der Konsumentenwünsche zu eruieren. Diese lauten: Gesundheit & Selbstoptimierung, Regionalität & Re-connection und Bereitschaft für Verantwortung. Reuter prognostiziert dem künstlichen Fleisch eine ungute Entwicklung. Der Markt für Fleischersatzprodukte sei in Deutschland schon rückläufig. Das Thema werde einfach medial hoch gehalten. Wenn man diese aus dem Tiefkühler holt, dann sind es komische Produkte.

Mehr zum Brennpunkt Nahrung in der nächsten Ausgabe von alimenta am 20. November.