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«Es braucht gute Argumente für höhere Preise»

Philipp Michiels war Chef des Schweizer Essiggurkenproduzenten Reitzel und kümmert sich heute bei der landwirtschaftlichen Beratungsstelle Agridea um die ländliche Entwicklung. Ein Gespräch über Wertschöpfungsketten, faire Lebensmittelpreise und Schweizer Essiggurken.

von Françoyse Krier

Philippe Michiels will Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie zusammenbringen. (Bild Françoyse Krier)

Philippe Michiels, Reitzel bietet unter der Marke «Hugo Reitzel» Schweizer Essiggurken an. Wie kam es dazu?

In den 1990er-Jahren gab es in der Schweiz nur noch zwei Firmen, die Essiggurken verarbeiteten: Chirat, die den Grossteil der Ernte übernahm, und Reitzel. Als Chirat mit der Essiggurkenproduktion in der Schweiz aufhörte, waren wir die einzigen Abnehmer der Ernte, und die einzigen, die Schweizer Essiggurken abfüllten. So entstand eine enge Zusammenarbeit zwischen den Gurkenbauern, die vor allem im Thurgau produzieren, und der Firma. Und wir setzten ganz auf die Karte «100 Prozent Swissness» und konnten so mehr Wertschöpfung generieren. Wir haben den Einkaufspreis erhöht und den Verkaufspreis ebenso. Viele Händler haben zum Glück schnell mitgemacht.

Was waren die Schwierigkeiten?
Es gab drei Herausforderungen: Motivierte Landwirte finden. Einen fairen Preis festlegen, der die Produktion für die Landwirte interessant machte. Und einen Markt und Händler finden. 15 Jahre lang habe ich diesen Prozess bei Reitzel begleitet. Das Unternehmen hat inzwischen auch weitere Schweizer Produkte im Angebot.

Wie ging es mit Ihnen weiter, als Sie Reitzel verliessen?
Anfang 2017 habe ich als Berater für Start-ups begonnen. Parallel dazu gründete ich Dicifood, zusammen mit Julien Bugnon, einem befreundeten Landwirt und Produzent von Getreide und Schweizer Senf. Das Ziel von Dicifood: eine Industrie rund um Linsen, Quinoa und andere Hülsenfrüchte aufbauen, bei der alle Akteure auf ihre Rechnung kommen. Dicifood entwickelt sich sehr gut.

Seit September 2019 sind Sie bei Agridea. Welche Rolle haben Sie dort inne?
Bei meiner Beratertätigkeit gefiel es mir, Start-ups bei ihren strategischen Entscheidungen zu begleiten. Mir fehlte es jedoch, hinaus ins Feld zu gehen und mit den Bauern zu diskutieren. Darum habe ich zugesagt, als mir Agridea den Posten als stellvertretender Direktor und Vorsteher des Bereichs Ländliche Entwicklung und Wertschöpfungsketten anbot. Agridea ist stark auf die Landwirtschaft und landwirtschaftliche Bildung ausgerichtet, ich bringe mein Know-how aus der Industrie mit – eine ideale Gelegenheit, die beiden Bereiche zu verbinden.

Als Kompetenzzenrum unterstützt Agridea die Bundesbehörden, die Kantone, die Branchenorganisationen und die Bauernfamilien. Wir bilden landwirtschaftlichen Berater aus und stellen den Landwirten Broschüren zu verschiedensten Themen zur Verfügung. Und wir haben immer ein offenes Ohr für Unternehmen, die mit der Landwirtschaft zusammenarbeiten wollen.

Wie sieht die Landwirtschaft von morgen Ihrer Ansicht nach aus?

Im Moment stellen sich viele Fragen. Wie muss sich die Landwirtschaft anpassen, um den Erwartungen des Marktes und der Konsumenten zu entsprechen? Hier wurde schon viel geleistet und es gibt viele Beispiele für fruchtbare Zusammenarbeiten zwischen der Landwirtschaft, den Kantonen und landwirtschaftlichen Organisationen. Mein Ziel bei Agridea ist es, die Verbindung zur Lebensmittelindustrie herzustellen und verstärkt mit Start-ups zu arbeiten. Die Agro-Food-Branche steht vor grossen Herausforderungen, deshalb sind starke Beziehungen zwischen der Landwirtschaft und der Industrie nötig. Start-ups wiederum entwickeln neue Produkte, Methoden und Technologien – aber sie brauchen Möglichkeiten, diese in die Praxis umzusetzen. Agridea setzt sich aktiv dafür ein.

Freihandelsabkommen oder maximaler Grenzschutz für die einheimische Landwirtschaft?
Ich bin für einen vernünftigen Schutz der Schweizer Landwirtschaft. Die Kosten hierzulande sind höher, darum braucht es auch einen gewissen Schutz. Wenn man bei gewissen Produkten eine Zollreduktion anstrebt, muss man langfristig planen, damit die Betroffenen Zeit haben, sich neu auszurichten. Ausserdem braucht es pragmatische Begleitmassnahmen.

Es ist eine Frage des Gleichgewichts. Wenn wir bei gewissen Produkten zu abhängig von Importen werden, kann das in Krisenzeiten, wie wir sie gerade erleben, die Versorgungsketten gefährden.

Wertschöpfung ist eine der grossen Herausforderungen für die Landwirtschaft?
Die Bedürfnisse und Erwartungen der Konsumenten ändern sich. Die Leute verlangen zunehmend Transparenz und Informationen und wollen wissen, woher ihre Lebensmittel stammen. Die Schweizer Landwirtschaft muss neue Möglichkeiten zur Wertschöpfung finden und Produkte mit Mehrwert oder mit spezifischem Profil schaffen, wie etwa bestimmte Fleischsorten oder die faire Milch.
Eine Aufgabe von Agridea ist es, neue Wege zu finden, um die Produzenten besser zu entschädigen und die Wertschöpfung entlang der ganzen Kette zu sichern. Dazu begleiten wir Projekte und bringen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammnen, deren Kompetenzen sich ergänzen. Verarbeiter und Bauern haben unterschiedliche Interessen, und in den letzten Jahren hat sich die Lebensmittelindustrie von der Landwirtschaft entfernt, in gewissen Branchen gab es keinen Dialog mehr. Der Fokus lag weniger auf dem Rohstoff, sondern auf verarbeiteten Produkten. Heute wollen die Leute eher wieder weniger verarbeitete Produkte und wollen genau wissen, woher die Produkte stammen.

Wie können Produzenten eine gerechte Bezahlung erreichen?
Man braucht gute Argumente, um erklären zu können, wieso ein Produkt mehr kostet. Etwa, weil es besser ist, oder weil damit der Produzent besser entschädigt wird, oder beides. Ein Beispiel ist Faireswiss, «die faire Milch», die die Milchbauern angemessen entlöhnt, nämlich mit einen Preis von 1 Franken pro Kilogramm Milch. Das funktioniert, weil die Leute die einfache und klare Message verstehen.

Zuerst muss man natürlich die Produktionskosten in den Griff kriegen, dann ist es wichtig ist, den Verkaufspreis so festzusetzen, dass er von den Kunden noch akzeptiert wird. Dafür muss aber die ganze Wertschöpfungskette mitmachen und mit vernünftigen Margen arbeiten. Sonst springen die Konsumenten schnell wieder ab.

Eine Herausforderung ist es, eine Lösung nicht nur für ein paar wertschöpfungsstarke Produkte zu finden, die vielleicht einen Marktanteil von 4 bis 5 Prozent haben, sondern eine Lösung für die Grundprodukte, die den Grossteil des Markts ausmachen. Dazu braucht es einen intensiven Dialog und eine transparente Zusammenarbeit zwischen allen Branchenakteuren. Das Ziel ist, dass alle korrekt entschädigt werden – und dass das Produkt für den Konsumenten erschwinglich bleibt. Klar ist aber auch, dass Lebensmittel künftig teurer werden müssen.

Ein grosses Thema sind pflanzliche Proteine.
Bei der Proteinzufuhr findet ein fundamentaler Wandel statt. Der Konsum gewisser Fleischarten geht zurück, unser Körper braucht aber Proteine. Deshalb erleben gerade proteinreiche Nahrungsmittel ein Comeback, die von unseren Tellern verschwunden waren, allen voran die Hülsenfrüchte. Pflanzliche Proteine sind im Kommen.