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«Verpackung hat einen Wert»

Der Milchverarbeiter Emmi will bis 2025 alle Verpackungen recyclingfähig machen. Projektleiter Bendicht Zaugg über Kartonröhrli, wieso Mehrweg keine Option ist und nötigen politischen Druck.

von Stephan Moser

Bendicht Zaugg macht die Emmi-Verpackungen recyclingtauglich. (Bild zvg)

Bendicht Zaugg, Plastik gilt bei vielen Konsumentinnen und Konsumenten als Pfui. Be­­kommt das auch Emmi zu spüren?
Bendicht Zaugg: «Wann hört ihr endlich mit Plastik auf!», dieses Feedback bekommen auch wir von Konsumentinnen und Konsumenten zu hören – und konkrete Vorschläge, wie wir es besser machen könnten. Druck spüren wir aber auch vom europäischen Gesetzgeber und von unseren Kunden aus dem Detailhandel.

Wie reagiert Emmi darauf?
Wir müssen immer wieder erklären, was die Vorteile von Kunststoffverpackungen sind: Sie sind sehr leicht und sie erfüllen die Vorgaben der Lebensmittelsicherheit sehr gut. Ausserdem sind alle unsere Maschinen auf Kunststoffverpackungen ausgerichtet, und für die meisten unserer Produkte gibt es keine valablen Alternativen zum Kunststoff. Wenn man den ganzen Lebenszyklus anschaut, ist Kunststoff häufig besser als man denkt. Gegen einen Kunststoff-Joghurtbecher ist zum Beispiel ein Einwegglas chanchenlos.

Kunststoff hat Zukunft – zumal, wenn es uns gelingt, die Wertstoffe mit Recycling im Kreislauf zu halten. Ausserdem bin ich überzeugt, dass wir künftig neuartige Kunststoffe haben werden, die nicht auf Erdöl basieren, sondern etwa auf Abfallprodukten der primären Lebensmittelproduktion.

«Unsere grossen Leadprodukte sind schon heute zu einem grossen Teil recyclingfähig.»

Bis 2025 sollen alle Verpackungen von Emmi recyclingfähig sein. Als Projektleiter nachhaltige Verpackungen sind sie für dieses Projekt verantwortlich. Wie weit sind Sie?
Wir sind schon ziemlich weit. Wir verwenden bereits heute in vielen Produkten Monomaterialien wie Polypropylen (PP), Polyethylen (PE) oder PET, die grundsätzlich recyclingfähig sind. Polystyrol (PS) hingegen werden wir, wo möglich, ersetzen. Zum einen gibt es dafür nur in wenigen Ländern ein Sammelsystem. Ausserdem ist dieser Kunststoff in Grossbritannien, einem nicht unwichtigen Markt für Emmi, ab 2022 verboten. Der britische Detailhändler Tesco hat PS sogar schon seit diesem Jahr aus seinen Supermärkten verbannt.

Unsere grossen Leadprodukte sind schon heute zu einem grossen Teil recyclingfähig, der Caffè-Latte-Becher aus Polypropylen zum Beispiel zu 90 Prozent, einzig der PET-Sleeve ist nicht recyclingfähig. Wir arbeiten mit unseren Lieferanten daran, diese Lücke bis 2022 zu schliessen.

Ein Problem sind Verbundmaterialien, die sich schlecht recyceln lassen. Wie geht Emmi damit um?
Wir sind dran, die Fondue- und Käseverpackungen von Multilayer auf Monomaterialien umzustellen. Konkret wollen wir die Blister und Schalen auf PET umstellen. Noch fehlt in Europa zwar für solches PET eine Infrastruktur für die Samm­lung, Sortierung und Aufbereitung zu lebensmitteltauglichem PET, aber wir sind überzeugt, dass dies kommt.

Druck macht die EU mit ihrem Verbot von Einwegplastik. Ab 2021 sind Kunststoff-Trinkhalme verboten, ab 2024 müssen Verschlüsse von Getränkeverpackungen fix mit der Packung verbunden sein. Emmi exportiert auch in die EU, was bedeutet dieses Verbot für Emmi?
Bei den Trinkhalmen ist das grundsätzlich nicht sehr schwierig, da sind wir bereits daran, Kunststoffröhrli durch solche aus Karton zu ersetzen. Ein Knackpunkt ist, ob Kartonröhrli auf den bestehenden Maschinen funktionieren oder ob Anpassungen nötig sind. Und ganz ohne Kunststoff geht es nicht: Die Kartonröhrli müssen nach wie vor in eine Plastikhülle eingepackt werden, aus hygienischen Gründen und um sie vor Feuchtigkeit zu schützen.

Wie sieht es bei den Getränkeverschlüssen aus?
Das braucht neue Produktionswerkzeuge für Flaschen und Deckel, was Investitionen in Millionenhöhe nötig macht. Im Moment exportieren wir keine Flaschen, daher sind wir hier etwas weniger unter Druck. Aber unsere Tochtergesellschaften, die Flaschen produzieren, müssen das natürlich umsetzen. Bei den Getränkekartons werden wir die Lösungen übernehmen müssen, die Tetrapak jetzt entwickelt. Klar ist: Auch das wird bei uns Anpassungen an unseren Anlagen nötig machen und entsprechende Kosten verursachen.

«Ein Kartonröhrli, das in der Natur landet, zersetzt sich schnell, ein Kunststoffröhrli nicht.»

Emmi ersetzt in der Schweiz beim Yogi-Drink die Plastikröhrli durch Kartonröhrli und spart damit jährlich sechs Tonnen Plastik ein. Aber sind Kartonröhrli wirklich so viel besser als Plastikröhrli?
Der Unterschied in der Ökobilanz ist sehr klein. Aber Kartonröhrli werden aus einem nachwachsenden Rohstoff produziert. Den grossen Vorteil sehe ich beim Littering: Ein Kartonröhrli, das in der Natur landet, zersetzt sich schnell, ein Kunststoffröhrli nicht.

«Reduce, reuse, recyle», also Verpackungen reduzieren, wieder verwenden und recyclingfähig machen, das sind Leitsätze der Emmi-Verpackungsstrategie. Wie sieht die konkrete Umsetzung aus?
Bei der Verpackungsreduktion haben wir schon viel erreicht. Durch optimierte Verpackungen haben wir seit 2013 rund 250 Tonnen Kunststoff eingespart, indem wir etwa die Wandstärke bei Joghurtbechern oder Milchflaschen verringert haben. Beim Karton haben wir im gleichen Zeitraum 120 Tonnen optimiert. Allerdings sind wir bei den allermeisten Verpackungen am Limit angelangt: Wir können sie nicht noch leichter oder dünner machen, sonst ist die Funktionalität der Verpackung nicht mehr gewährleistet, was Produktesicherheit oder Logistik angeht.

Für uns hat der Produktschutz oberste Priorität. Die Verpackung macht weniger als fünf Prozent der Umweltbelastung eines Lebensmittels aus. Verdirbt das Lebensmittel wegen ungenügender Verpackung oder nimmt es Schaden beim Transport, wäre die Umweltbelastung viel grösser.

Wie sieht es beim «Reuse» aus?
Da verwenden wir als Umverpackungen für den Detailhandel Mehrweggebinde statt Einwegverpackungen aus Karton oder Kunststoff. Ansonsten ist Reuse von Verpackungen mit unseren Produkten schwierig. Wenn wir zum Beispiel einen Joghurtbecher anbieten, den der Kunde nach Gebrauch als Trinkbecher verwenden könnte, dann hätte der Kunde innert Kürze mehr Trinkbecher, als er brauchen kann. Das ist keine Lösung.

Und Mehrweglösungen, etwa bei Joghurt und Milch?
Auch diesen Ansatz verfolgen wir nicht. Wir haben keine Waschanlagen für Glas und haben auch nicht vor, Mehrweggläser einzuführen. Wir sehen das eher als Möglichkeit für kleine Molkereien und Dorfkäsereien. Für uns ist fraglich, ob ein solches Mehrwegsystem wirklich ökologischer ist. Dazu braucht ein Glas über 20 Gebrauchszyklen. Wir glauben, dass eine gewichtoptimierte und recyclingfähige Kunststoffverpackung unter dem Strich besser ab­­schneidet als eine Mehrweglösung.

Recyclingfähige Verpackungen sind das eine, in der Schweiz fehlt bis jetzt aber ein Recyclingsystem für Kunststoffe.
Hier hat die Schweiz ganz klar Nachholbedarf. Abgesehen von den PET-Getränkeflaschen hat die Schweiz bei den Kunststoffen in den letzten 30 Jahren ganz auf die thermische Verwertung gesetzt, also die Verbrennung. Die europäischen Länder hingegen haben Recyclingsysteme für Kunststoffe aufgebaut. Punkto Infrastruktur und Technologie hat die Schweiz hier einiges verschlafen.

Was unternimmt Emmi?
Wir engagieren uns in der Drehscheibe Kreislaufwirtschaft und der Industrieinitiative Prisma, um eine Kunststoffkreislaufwirtschaft in der Schweiz zu etablieren. Das Ziel müsste sein, dass die Schweiz hier mit den europäischen Nachbarn Schritt hält und eine Vorreiterrolle einnimmt.

Reicht dieses Engagement von Verpackungsindustrie, Verarbeitern, Detailhandel und Recyclern? Oder bräuchte es Druck von der Politik, zum Beispiel ein Pfand auf Plastik?
Wir sind kein Fan von Pfand, sondern bevorzugen eine freiwillige Lösung der ganzen Branche. Aber es braucht Druck von der Politik. Das war beim PET auch so. Der Bund hat gesagt, wenn ihr eine gewisse Recyclingquote nicht erreicht, dann braucht es ein Pfand. Daraufhin hat die Branche eine freiwillige Lösung gefunden. Wir sind überzeugt, dass es eine wirtschaftliche Lösung gibt, die wesentlich besser ist als das aktuelle, lückenhafte System. Aber dafür braucht es eine komplette Neuordnung. Und hier muss die Politik die Rahmenbedingungen entsprechend anpassen. Denn die Profiteure des heutigen Systems werden sich kaum freiwillig bewegen.

«Würden Migros und Coop mit der Sammlung beginnen, wäre ein flächendeckendes Sammelsystem schnell aufgebaut.»

Bei den Getränkekartons bemüht sich die Branche seit zehn Jahren um den Aufbau eines Sammel- und Recyclingsystems – erfolglos. Woran liegt es?
Das Wichtigste vorweg: Getränkekartonrecycling würde wirtschaftlich und ökologisch Sinn machen. Die Sortierinfrastruktur be­­steht, die Schweiz hat mit der Anlage der Model AG in Weinfelden auch die Kapazitäten zur Verwertung der Getränkekartons. Es hapert aber an der flächendeckenden Sammlung. Der Discounter Aldi hat einen Pilotversuch wieder eingestellt, weil die meisten Packungen, die er zurücknahm, gar nicht von ihm stammten. Würden Migros und Coop mit der Sammlung beginnen, wäre ein flächendeckendes Sammelsystem schnell aufgebaut. Genau bei diesem Thema bräuchte es die Politik, die eine gute Lösung – gegen den Widerstand einiger Akteure, aber zum Wohle der Gesamtheit – quasi verordnet.

Verpackungen stehen, oft zu Unrecht, am Umwelt-Pranger. Nervt Sie das als Verpackungsprofi eigentlich?
Im Gegenteil, ich sehe das als Chance. Durch die aktuelle Diskussion stehen Verpackungen im Fokus und den Leuten wird bewusst, dass Verpackung einen Wert hat, als Schutz vor Verderb, aber auch als Rohstoff, der sich wiederverwerten lässt. Unser Beruf hat dadurch an Wert und Bedeutung gewonnen. Und ganz allgemein sind mitdenkende Konsumentinnen und Konsumenten eine Chance für ein offenes Unternehmen wie Emmi.