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«Ein guter Zeitpunkt, online zu gehen»

Momentan kaufen die Schweizer so viel Lebensmittel im Internet wie nie zuvor. Ein guter Zeitpunkt auch für kleine Lebensmittelanbieter, sich mit dem Onlinevertrieb zu beschäftigen, sagt Expertin Heidi Kölliker.

von Stephan Moser

Heidi Kölliker rechnet mit einem Schub für den Online-Lebensmittelhandel durch die Coronakrise. (Bild zvg)

Heidi Kölliker, seit dem Lockdown Mitte März und schon davor kam es zum grossen Ansturm auf LeShop und coop@home. Die Detailhändler waren hoffnungslos überfordert. Woran lag das?
Heidi Kölliker: Die heutige Infrastruktur der Food-Onlinehändler ist nicht ausgelegt auf ein solch starkes Wachstum in so kurzer Zeit, wie dies durch den Corona-Virus ­ausgelöst wurde. Kommt dazu, dass ein Ansturm in dieser Dimension nicht vorhersehbar war.

Inzwischen haben die Detailhändler ihre ­Kapazitäten erhöht. Haben die Detailhändler Ihrer Ansicht nach gut reagiert?
Die Food-Onlinehändler haben meiner Ansicht nach vorbildlich reagiert und schnellstmöglich ihre Lieferkapazitäten erhöht. So lancierte coop@home ein Top-100-Sortiment an Produkten des Grundbedarfs, das innerhalb weniger Tage geliefert werden kann. Ebenfalls baute Farmy seine Kapazitäten stark aus und bietet mt «Farmy für Risikogruppen» reservierte Liefertermine für Menschen an, die zur Risikogruppe zählen. Auch der Detailhandel hat reagiert und viele kleine Händler bieten Heimlieferungen, Video-Beratungen und mehr an.

Die Schweizer kauften ihre Lebensmittel bis­her am liebsten im Laden. Das Food-Online-Geschäft ist ein Nischengeschäft mit 2,8 % Marktanteil. Nun boomt es. Geht das wieder zurück, wenn die Pandemie vorbei ist? Oder erhält der Online-Lebensmittelhandel dauerhaft Schub durch Corona?
Die Pandemie hat dem Food-Onlinehandel mutmasslich einen Boost verliehen. Viele entdecken in dieser Zeit, dass der Food-­Einkauf auch bequem von zuhause aus erfolgen kann. Deshalb ist es gut vorstellbar, dass der Food-Onlinehandel durch die Corona-Pandemie einen dauerhaften Schub erhalten hat. Dies aber nicht auf dem hohen Niveau wie aktuell.

Lange Wartezeiten im Onlineshop, Liefer­fenster auf Wochen ausgebucht: Das Online-Shopping von Lebensmitteln war in den letzten Wochen oft eine frustrierende Erfahrung. Schreckt das die Leute nicht eher ab, auch ­künftig online einzukaufen?
Nein, das denke ich nicht. Den Konsumentinnen und Konsumenten ist bewusst, dass sich die Schweiz im Ausnahmezustand befindet. Entsprechend gross ist das Verständnis für die Situation und die ausgebuchten Lieferfenster. Klar ist das nicht
die beste User-Experience, aber die Food-Onlinehändler tun alles in ihrer Macht stehende, um den Kunden ein angenehmes Shopping-Erlebnis zu bieten und die Verfügbarkeit der Produkte zu erhöhen.

Einen grossen Boom erlebt derzeit auch die Brot-Post (siehe «Mehr zum Thema»). Was raten Sie kleinen Lebensmittelproduzenten wie Bäckern, Metzgern oder Bauern: Sollen Sie jetzt ins Online-Geschäft einsteigen mit eigenen Shops oder Kooperationen?
Jetzt ist sicher ein guter Zeitpunkt, um sich mit dem Onlinevertrieb zu beschäftigen. Wichtig ist dabei, sein Angebot online zu bekommen, dies muss in einem ersten Schritt nicht der perfekte Shop sein. Grundsätzlich gilt: Erlaubt ist, was funktioniert. Seien dies Bestellungen per Mail, WhatsApp, Telefon etc. Aktuell bieten viele Unternehmen Hilfestellungen für Firmen an, die noch keinen etablierten Onlinevertrieb haben. Diese Angebote haben wir unter blog.carpathia.ch/corona/ zusammengetragen.

In der nächsten Alimenta vom 6. Mai lesen Sie einen ausführlichen Bericht zum Boom des Lebensmittel-Onlinehandels in Coronazeiten.