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«First place, then train»

Jugendliche mit kognitiven, psychischen oder körperlichen Einschränkungen einen Beruf in einem Unternehmen (des ersten Arbeitsmarktes) erlernen zu lassen, bietet ihnen mehr nachhaltigen Erfolg bei der gesellschaftlichen Integration und Aufbau eines selbständigen Lebens. Ein Gespräch mit Werner Riedweg, Co-Studiengangleiter des CAS Supported Employment (Arbeitsintegration für Menschen mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt) bei der Hochschule Luzern (HSLU).

von Manuel Fischer

alimenta: Wie sind die beiden Begriffe «Supported Employment» und «Supported Education» zu verstehen?

Werner Riedweg: «Supported Employment» ist ein Konzept, das in den USA in den 80er-Jahren entwickelt wurde, um Menschen mit psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten die Integration in die Arbeitswelt zu ermöglichen. «Supported Education» verstehen wir als Teil dieses Konzepts, das sich an junge Erwachsene im Alter von 16 bis 25 Jahren mit einer körperlichen, kognitiven oder psychischen Beeinträchtigung richtet, den Weg von der Schule in den regulären Arbeitsmarkt anzubahnen. Bei allen Massnahmen dieses Konzepts gilt der Grundsatz «first place, than train». Zuerst soll ein Ausbildungsplatz gefunden werden, dann die Person situativ unterstützt werden. Es ist in gewissem Sinne eine umgekehrte Logik zu anderen Betreuungsangeboten, wo junge Menschen mit Beeinträchtigungen auf ihre Arbeitsmarktfähigkeit intensiv abgeklärt und vorbereitet werden und dann erst mit Arbeitsversuchen begonnen wird.

Auch private Institutionen in der Schweiz, die sich für die Arbeitsintegration einsetzen, setzen vermehrt auf dieses Integrationsangebot. Was verspricht man sich davon?

Die Supported Employment-Methodik breitet seit sicherlich zehn Jahren in der Schweizer Arbeitswelt verstärkt aus. Man verspricht sich nachhaltigeren Erfolg bei der Integration von Menschen mit Einschränkungen. Es braucht aber immer auch entsprechende Arbeitsplätze und Arbeitgebende im allgemeinen Arbeitsmarkt. Diese zu finden und für eine Zusammenarbeit zu gewinnen, ist nach wie vor Knochenarbeit.

Damit Supported Employment gelingt, braucht es wohl dennoch eine professionelle Begleitung. An welche Berufsleute richten sich das HSLU-Weiterbildungsangebot zu diesem Thema? Findet es Anklang?

Das Angebot richtet sich an Sozialarbeiter/innen, Psycholog/innen, Arbeitsagog/innen und wird stark nachgefragt, die eine Rolle als Jobcoach wahrnehmen wollen. Der relative Erfolg von Supported Education-Betreuungen hängt stark von der Qualität der Beziehungsarbeit des Jobcoaches und seines Geschicks ab, Vertrauensverhältnisse zwischen den involvierten Parteien aufzubauen. Er oder sie muss zudem das Netzwerk koordinieren zwischen Berufsschule, Eltern und Lehrbetrieb und als Ansprechperson erreichbar sein. Und vor allem soll das interessierte Unternehmen vom Jobcoach eine ehrliche Einschätzung erwarten dürfen, inwiefern allfällige Stolpersteine während der Ausbildung des Jugendlichen auftreten könnten. Mit Mogelpackungen verspielt man das Vertrauen.

Weiss man etwas über den Erfolg dieser Betreuungsmassnahmen im «rauen Arbeitsmarkt»?

Bislang gibt es noch keine empirischen Studien, die den Erfolg des Konzepts belegen können. Das hängt damit zusammen, dass die verwendeten Begriffe von den Anbietern solcher Programme unterschiedlich definiert und angewendet werden. Ich kann nur eine indirekte Trendaussage machen. Die Nachfrage nach Kursen und Ausbildungen zu diesem Thema steigt stark an in den letzten Jahren. So führen wir an der Hochschule Luzern hierzu Wartelisten, da wir pro Klasse aus Qualitätsgründen nur 24 Personen aufnehmen können.
Die Methodik kommt übrigens in angepasster Form auch bei der Integration von Flüchtlingen in den schweizerischen Arbeitsmarkt zum Tragen. Selbst das Seco plant, einen Supported-Employment-Pilotversuch zu starten für Arbeitssuchende die bei den RAV gemeldet sind und durch mentale oder psychische Beeinträchtigungen bei der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle bislang benachteiligt waren.

Es kursieren verschiedene Schätzungen, wie viele Jugendliche von Supported-Education-Angeboten profitieren. Wenn es Einige Hundert sind, die so eine Berufslehre im ersten Arbeitsmarkt anpacken können, ist das immerhin eine beachtliche Zahl.
Die Zahl ist zwar beachtlich, muss aber relativiert werden angesichts der noch viel grösseren Anzahl Jugendlicher und Erwachsenen, die in anderen Förderstrukturen (interne Werkstätten usw.) leben und arbeiten. Dazu kommen auch Leiharbeitsverhältnisse, wo regionale Institutionen einzelne oder ganze Teams von Menschen mit Beeinträchtigungen in Unternehmen der Privatwirtschaft für eine begrenzte Zeit einsetzen.

Mehr Informationen zum Thema unter folgenden Links:
supportedemployment.ch
www.hslu.ch/c248
https://bit.ly/2RPVrKm (Demofilm der Stiftung Brändi)