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«Jungen Menschen eine Chance geben…»

Die Ürmetzg AG, ein kleiner, aber moderner Fleischverarbeitungsbetrieb im Kanton Uri, setzt auf regionale Wertschöpfung, partizipativen Führungsstil und Ausbildung. Eine Chance für einen Jugendlichen, der bei der Berufswahl und während der Berufslehre von einem Jobcoach betreut wird.

von Manuel Fischer

Die Ürmetzg AG bildet Fleischfachleute aus. Im Bild Betriebsleiter Walter Herger (links) und Kevin Gisler. (Bild mf)
Kevin Gisler beim Bearbeiten eines Fleischstücks. (Bild mf)

Die Ürmetzg AG, in einer Gewerbezone von Altdorf gelegen, ist ein Fleischverarbeitungsbetrieb, wie man ihn hier­zulande nicht mehr häufig antrifft. Fast sämtliche Fleischwaren, die das Unternehmen verkauft, stammen von selbst geschlachteten ­Tieren. Hier im Betrieb werden Schlachtkörper ausgeweidet, Tierkörper zerlegt, die ganze Palette von Fleischwaren in mehreren Schritten hergestellt – Frischfleischstücke, Wurstwaren aller Art, gepökelte Ware aus Rindsstotzen oder Schinken. Bemerkenswert sind auch die ausgedehnten Kühlräume für die Haltbarmachung und Lagerung der viel­fäl­tigen Fleischprodukte. Das Unternehmen führt zudem selbst ein kleines Detailhandelsgeschäft gleich neben der Fabrikation.

In Corona-Zeiten werden Besucher freundlich aufgefordert, sich die Hände mit Desinfektionsmitteln einzureiben, bevor man den Laden betreten darf. Gleich anschliessend im Produktionsbetrieb herrscht ein emsiges Treiben: Junge Männer in Schutzkleidung bearbeiten mit Kettenhandschuhen, Ausbein- und Dressiermessern grosse Stücke. In der oberen Etage befinden sich Büros, Pausenräume und die Kühllager. Geführt wird die Ürmetzg von Walter Herger, seiner Frau Luzia und von Berufskollege Stephan Philip, welche in Pacht die modernen und ­mehrfach erweiterten Gebäude samt Infrastruktur der Urner Fleisch AG nutzen dürfen, wobei Urner Bauern mehrheitlich die Aktionäre sind.

Die Verbundenheit mit der regionalen Landwirtschaft zeigt sich in mehrfacher Hinsicht. So sind die Lohnschlachtungen für die Bauern der Umgebung ein wichtiges Standbein des Betriebs. «Es ist nie ein Viehhändler, der Tiere ablädt, sondern es sind die Bauern, welche diese bis zum letzten Ziel begleiten», erläutert Betriebsleiter Walter Herger. Sämtliches Vieh, ob Schweine, Rind, Ziegen oder Schafe, das im Betrieb geschlachtet wird, stammt aus Weiden auf Kantonsgebiet. Eine Eigenschaft, so Herger, welche die Abnehmer zu schätzen wissen: «Die Transportwege sind kurz, alle Tiere stammen aus der Nähe. Und bei den Spezialitäten richten wir uns nach der Saison. Das erzählen wir auch immer wieder den Kunden. Das begründet auch unseren Erfolg.»

Nebst dem lokalen Detail­handel sind Restaurants und Hotelküchen, aber auch Verpflegungsbetriebe von Altersheimen und Spitäler ein weiteres wich­-tiges Kundensegment. Hinzu kommt die Belieferung zahlrei­-cher Schwingfeste, Vereinsanlässe, Grillpartys und Geburstagsfeste.

Motivation und respektvoller Umgang

Die Ürmetzg AG versteht sich auch als Ausbildungsbetrieb. Schweizweit beklagt sich das fleischverarbeitende Gewerbe über mangelnden Nachwuchs. Hier ist es anders: Nicht weniger als vier Auszubildende zählen zur Belegschaft aus 15 Personen. Nicht selten bewerben sich mehrere junge Leute für eine Lehrstelle in der Ürmetzg.

Der Chef hat seine Prinzipien, wenn es um die Rekrutierung junger Menschen geht: «Klar, jemand mit schneller Auffassungsgabe wird mit der Berufslehre weniger Mühe haben. Aber ich habe auch schon zwei Jugendliche ausgebildet, die tolle Berufsleute geworden sind, aber in schulischen Belangen etwas länger brauchten. Schulische Leistung ist wichtig, aber nicht das oberste Gebot. Zuerst kommen der Charakter und das innere Feuer, unser Handwerk ­lernen zu wollen.» Man könne gute Voraussetzungen schaffen, dass eine Berufsbildung gelinge. Die Motivation müsse aber von den jungen Anwärtern kommen.

Wichtig ist ihm auch der respektvolle Umgang untereinander: «Ich sage immer: Das Team ist Dein Kapital.» Die Angestellten verdanken es dem Patron mit einer guten Leistung und einer guten Stimmung im Betrieb. Ausserdem sind alle im Team in Personal­entscheidungen einbezogen.

So jüngst geschehen, als es darum ging, Kevin Gisler eine Vorlehre im Hinblick auf eine Ausbildung zum Fleischfachassistenten EBA zu ermöglichen. Der junge Mann mag mit schulischen Anforderungen da und dort seine Mühe haben. Hingegen fehlte es ihm keineswegs an Neugierde und Mut, wenn es darum geht, die Berufswahl aktiv anzupacken. Ein offensichtlich aktiver Suchprozess, wie Kevin erklärt: «Ich bin ja nicht einfach aufgewacht und habe mir gesagt: Ich möchte jetzt Metzger werden. Ich schnupperte schon als Schlosser, Gärtner, Bäcker oder als Kantinenkoch.»

Schliesslich zog es ihn zum Handwerk des Metzgers. Es sei faszinierend, wie man elegant und präzise ein geschlachtetes Tier in mehreren Schritten bis zum fertigen Produkt verarbeite.

Berufsanbahnung ermöglichen

Als leiser Drahtzieher im Hintergrund bei der Berufsanbahnung wirkt Roland Schuler, einer der Jobcoaches der in der Zentral­schweiz bekannten Stiftung Brändi. Schuler begleitet und motiviert Jugendliche mit psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen auf der Suche nach einem Einstieg in die reguläre Berufswelt. Das Ziel: Eine abgeschlossene Berufsausbildung EFZ oder EBA.

«Alles beginnt mit einem ­Telefonanruf. Ich stosse meistens auf offene Ohren», sagt Schuler. «Hinsichtlich allfälliger Defizite junger Menschen muss ich dennoch als ehrlicher Makler auftreten und beurteilen, ob es für beide Seiten passt.» Zuerst geht es darum, dass Jugendliche Vertrauen schöpfen in ein neues Gefüge von Menschen, die auch Erwartungen haben, etwa an die Leistungsbereitschaft. In einer Zwischenphase der Lehrzeit können Versagensängste, Schwankungen in der Motivation auftreten. Schwierigkeiten mit schulischen Anforderungen versucht man mit zusätzlichem Förderunterricht abzufangen. Nicht selten braucht es auch Support in der Vorbereitungsphase auf das Qualifikationsverfahren.

Gut sind die Voraussetzungen für eine gedeihliche Berufsbildung, wenn der junge Mensch sich selbst realistisch einschätzt, aber am Ziel festhält, so wie Kevin: «Ich sehe es nicht als Nachteil, dass ich vor der eigentlichen Lehre eine Vorlehre mache. Ich gewinne so mehr an Erfahrung.»

Beide Parteien eines Lehr­vertrags profitieren von der pro­fes­sionellen Vermittlerrolle des Jobcoaches. So entfallen für den Lehrmeister lästiges Verhandeln und unangenehme Rückmel­dungen gegenüber fordernden Eltern. Erste Ansprechperson für alle Belange während der beglei­teten Berufslehre ist und bleibt der Jobcoach. Dieser hat auch jederzeit ein offenes Ohr für die Jugend­lichen oder meldet sich bei deren Funkstille per WhatsApp, wenn es gilt, neue Hürden zu meistern.

Der Überbegriff «Supported Employment» steht für ein personenzentriertes Handlungskonzept zur Begleitung und Unterstützung von Menschen mit erschwertem Zugang zum regulären Arbeitsmarkt. Jobcoaches nehmen ihre Rolle als Ansprechpartner auch bei der Suche nach Anschluss­lösungen nach der Berufsbildung wahr.

www.supportedemployment.ch
Demofilm der Stiftung Brändi