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Dachser: «Lage Tag für Tag neu beurteilen»

Urs Häner, Managing Director European Logistics Switzerland bei Dachser, spricht über neue Logistik-Herausforderungen in der Corona-Krise.

von pd

Urs Häner. (Bild Dachser/zvg)

Speditionen zählen zu den «systemrelevanten Organisationen». Was bedeutet das konkret?
Urs Häner: Wir stellen sicher, dass die nationalen und internationalen ­Lieferketten weiterhin funktionieren – auch in der Krise.

Welche rechtlichen Massnahmen im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie hat Dachser Schweiz wie umgesetzt?
Dachser hat die vom Bundesrat vorgeschriebenen Schutz- und Hygienemassnahmen eingeführt. In allen Betriebsbereichen stehen Desinfektions­stationen zur Verfügung. Wir stellen auch allen Mitarbeitenden Hygienemasken und sterile Handschuhe zur Verfügung. Das Tragen ist jedoch fakultativ. Mitarbeiterinnen und Mitar­beiter in der Administration arbeiten im Homeoffice. Die Arbeitsplätze in den einzelnen Abteilungen wurden in räumlich getrennte Gruppen aufgeteilt, um die Gefahr eines Totalausfalls einer Arbeitsgruppe zu minimieren. Ausserdem erwarten wir von unseren Mitarbeitenden im Fall einer Erkrankung oder einer Erkrankung in der Familie eine Selbst­isolation von 14 Tagen.

Haben Sie Kurzarbeit angemeldet? Oder mussten Sie gar Personal entlassen?
Wir haben nicht die Absicht, unsere Mitarbeitenden, die motiviert und gut ausgebildet sind, wegen der Krise zu ent­lassen. Es gibt ein Leben nach der Krise, und dann brauchen wir alle wieder. Wir mussten aber aufgrund der geringeren Ladungsvolumen per 1. Mai 2020 Kurzarbeit anmelden.

Wie gut waren Sie auf die Krise vorbereitet?
Es gab schon immer ein Krisenteam in unserem Regional Office in der Schweiz und kleinere Teams in jeder Schweizer Niederlassung. Diese haben sich ­bisher vor allem mit den Auswirkungen von Verkehrsproblemen und hohen Volumenschwankungen befasst. Neu müssen sie nun die Pandemieherausforderungen meistern. Diese Teams stimmen sich fortlaufend eng untereinander, auf internatio­naler Ebene und mit dem Head Office in Deutschland, ab.

Wie haben sich Ihre Transport­volumen aufgrund der Covid-19-Pandemie verändert?
Im Vergleich zum Jahr 2019 haben wir seit dem Lockdown rund 22 Prozent weniger Sendungsvolumen. Die verschiedenen Routen sind aber unterschiedlich betroffen. Im Verkehr von und nach Frankreich und Italien sind die Volumen signifikant gesunken. Im Verkehr mit Deutschland liegt der Rückgang bei knapp 15 Prozent. Im Luft- und Seefrachtverkehr war in den ersten drei Monaten ein leichter Rückgang feststellbar.

Hat sich der Margendruck in der Speditionsbranche in der Schweiz verstärkt?
Grundsätzlich gab es schon immer einen hohen Margendruck. Aufgrund der Corona-Krise haben wir jedoch teilweise höhere Kosten wegen längerer Standzeiten an Grenzen, Verladerestriktionen oder Fahrplanänderungen im Luft- und Seefrachtverkehr. Wir geben diese Kosten jedoch nicht an unsere Kunden weiter und erwarten im Gegenzug keine Forderungen nach Frachtkostensenkungen. Bis heute hat sich unsere Kundschaft auch entsprechend verhalten.

Ist es jetzt einfacher, national just-in-time zu liefern, aber schwerer international?
National ist es grundsätzlich einfacher, auf Termin zu liefern. Das liegt unter anderem an den geringeren Distanzen, weniger Schnittstellen und keinen Grenzüber­tritten und Verzollungen. Inter­national gibt es in allen Ländern, in Deutschland sogar in den ­einzelnen Bundesländern, unterschiedliche Vorgaben bezüglich Schutzmassnahmen, was Ur­sache für Verspätungen sein kann.

Wie geht es den Auszubildenden bei Dachser?
Unseren Auszubildenden geht es gut. Auch weil sie den Lehrabschluss ohne Prüfung be­standen haben. Da ist ein ge­wisser Druck weggefallen. Wir werden alle Auszubildenden in ein unbefristetes Angestelltenverhältnis übernehmen – Covid-19 hin oder her. Wir haben diese jungen Menschen während drei Jahren gut ausgebildet und wollen mit ihnen auch die Zukunft angehen.

Werden Sie im August neue Aus­zubildende einstellen?
Sicherlich! Wir brauchen gut ausgebildete Fachkräfte.

Rechnen Sie damit, dass sich die Krise über das ganze Jahr fortsetzt? Mit welchen Auswirkungen?
Wir gehen davon aus, dass das Sendungsvolumen auf dem ak­tuellen Stand stagniert, möglicherweise mit punktuellen Peaks.
Die Schweizer Wirtschaft wird sich hoffentlich ab Herbst langsam erholen. Ein spürbares Wirt­schaftswachstum werden wir aber erst ab Februar 2021 sehen. Die endgültigen Auswirkungen auf unser internationales Ge­schäft sind schwer prognostizierbar. Wir können die Lage nur Tag für Tag neu bewerten und uns agil und flexibel darauf einstellen.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen in den nächsten drei Monaten?
In der Disziplin und Motivation. Wir dürfen bezüglich der Schutz- und Hygienemassnahmen nicht nachlässig werden, auch wenn die Ladenschliessungen und andere Beschränkungen aufgehoben werden. Und wir sollten versuchen, die Motivation bei den Mitarbeitenden trotz aller Widrigkeiten hochzuhalten. Wir müssen auch auf unsere selbstständigen Transportunternehmer schauen, die täglich Sendungen abholen, respektive an uns ausliefern. In vielen persönlichen Gesprächen begleiten wir sie durch diese Krise und bieten Unterstützung an. Vor allem aber versuchen wir, ihre Liquidität sicherzustellen und zahlen Rechnungen innert 10 Tagen. In der operativen Abwicklung sehe ich keine neuen Herausforderung auf uns zukommen.