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Durststrecke für Getränkebranche

Die gesamte Getränkebranche ist von der Schliessung der Gastronomie von März bis Mai stark betroffen. Besonders hart trifft es kleine Brauereien – aber auch die Weinproduzenten, die schon vorher volle Lager hatten.

von Hans-Peter Schneider, Stephan Moser, Roland Wyss

Brauereien wie die Doppelleu-Brauereien mit namhaften Umsätzen im Detailhandel kamen besser durch die Corona-Krise.

Ja, die Aufwärtstendenz sei da, sagt Martin Uster, Chef der Brauerei Baar, erleichtert. Im Juni sei man nun wieder auf ungefähr 75 Prozent des Bierabsatzes des Vorjahres. Der Neustart in der klassischen Gastronomie sei jedoch verhalten angelaufen mit der Zwei-Meter-Abstandsregel, dort bewege sich der Umsatz zwischen 40 und 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Beim Sorgenkind Fassbier habe man sogar ein Minus von 55 Prozent. Gut laufen laut Uster Einweg-Flaschen- und Dosenbier im Retailkanal. Bei den Dosen habe die Brauerei Baar während des Lockdowns sogar um 30 Prozent zulegen können, insbesondere mit dem Bier, das lokal über Coop (Miini Region) verkauft wird. Zudem ist die Brauerei auch im Direktverkauf aktiv: «Unser eigener Getränkemarkt lief super», sagt Uster, während dem Lockdown seien Rekordumsätze erzielt worden.

Man sehe das Licht am Ende des Tunnels, sagt Uster, der fehlende Umsatz durch abgesagte Grossveranstaltungen könne aber nicht mehr aufgeholt werden. Kurzfristig reagieren könne man praktisch nur mit tieferen Marketingaufwendungen: Usters Marketingbudget beträgt noch 20 Prozent des Vorjahresbetrags, er sagt: «Wir haben uns zwischenzeitlich an die Entschleunigung angepasst.»

Tiefere Deckungsbeiträge im Retail

Viele kleinere Brauereien hätten im Lockdown stärker gelitten als die grossen mit einem grossen Umsatzanteil im Detailhandel, sagt Hanspeter Bucher, Chef der Brauerei Uster Braukultur AG. Die kleineren Betriebe seien abhängiger von den Gastronomen, denn im Retail würden tiefere Deckungsbeiträge erwirtschaftet als in der Gastronomie. Die kleinen Flaschen und die Offenausschankbiere, wo die grössten Margen erwirtschaftet würden, verkaufe schliesslich die Gastronomie, sagt Bucher. Die Brauerei Uster verkaufe nur etwa 23 Prozent über den Retailkanal, in Landi-Läden, Volg, Coop oder in die Rio-Getränkehändler. Der Hauptumsatz entstehe über die Gastronomie und diese sei noch nicht richtig erwacht. Nach dem Ende des Lockdowns würden viele Wirte sehr vorsichtig einkaufen und müssten zuerst einmal die Vorräte verkaufen. «Da helfen auch grosszügige Rabatte nicht», sagt Bucher. Man müsse jetzt aber schauen, ob und wie die Konsumenten den Weg in die Gastronomie wieder finden würden, oder ob sie allenfalls jetzt eher zuhause konsumieren würden. Das vorsichtige Verhalten der Wirte sei nachvollziehbar. Denn die Kosten in Küche und Service würden bleiben. Betriebswirtschaftlich gesehen würden viele Wirte besser dastehen, wenn sie ihr Restaurant weiterhin geschlossen halten würden, dafür Kurzarbeit beziehen und sich die Miete bezahlen lassen würden. 

Es brauche einfach Zeit, bis sich die Lage normalisiere, da bringe es nichts zu jammen, sagt Bucher. Eine Bitte an die Politik hat der Braumeister dennoch: «Der Bundesrat müsste helfen». Zum Beispiel mit TV-Spots, in denen Alain Berset oder Ueli Maurer ein Bier trinken würden. Das würde Vertrauen schaffen und dem Konsum helfen.

Kurzfristig neue online-Plattform geschaffen

Die Brauerei Müller in Baden setzt ihr Bier zu 67 Prozent in der Gastronomie ab. Da sei der Ausfall brutal hoch gewesen, sagt Geschäftsführer Felix Meier. Zudem habe man sich auf grosse Anlässe spezialisiert. Jetzt brauche man halt wieder ein wenig Zeit, bis es wieder drehe, ist Meier überzeugt. Eine Chance habe die Krise dennoch geboten: Die Brauerei Müller hat wenige Tage nach der Schliessung der Gastronomie eine Online-Belieferungs-Plattform erstellt, auf der der Kunde unter meinbier.ch seine Bestellung aufgeben kann. Oft habe man täglich zwischen 85 und 100 Lieferungen im ganzen Limmattal ausgeführt. Dafür schaltete Meier auch Inserate und Radiowerbung: «Es ist wichtig, dass man aktiv bleibt und etwas unternimmt.» Auch wenn die Gastronomie jetzt wieder offen ist, glaubt er nicht daran, dass die Umsatzverluste bis Ende Jahr kompensiert werden können. 

Der Schweizerische Brauereiverband (SBV) bezeichnet die wirtschaftliche Situation der Branche als schwierig. Der Kurzarbeitsanteil liege bei knapp 50 Prozent. Dabei werde die Kurzarbeitsentschädigung von fast allen Unternehmen als hilfreich betrachtet. Jeweils 40 Prozent würden Überbrückungskredite und Fristverlängerungen (Steuern und Abgaben, Schulden etc.) als sinnvolle Hilfsmittel erachten. Der Verband befürchtet, dass es auch Entlassungen geben wird. 

Wie gut Brauereien über die Runden kommen, hänge auch davon ab, wie sie in der lokalen Bevölkerung verankert seien, ist Toni Hutter von der Gesellschaft zur Förderung der Biervielfalt überzeugt. Je breiter eine Brauerei etwa bei Aktionären abgestützt sei, desto besser sei deren finanzielle Lage. 

Karl Locher, der Chef der Brauerei Locher in Appenzell, will 2020 noch nicht als Katastrophenjahr abschreiben. Vieles hänge noch vom Wetter ab. Wenn der Sommer verregnet ist, dann kommt es noch schlimmer», sagt Locher. Bei einem heissen Sommer aber könne sich der Verlust der Brauereien vielleicht auf 10 Prozent statt der prognostizierten 30 Prozent belaufen. 

Ramseier: «Mit einem hellblauen Auge davongekommen»

Bei den Schweizer Mineralwasserabfüllern und Erfrischungsgetränkeherstellern habe es vor allem jene Unternehmen «hart getroffen», die sich auf die Gastronomie konzentrieren, sagt David Arnold, Leiter Kommunikation beim Verband Schweizerischer Mineralquellen und Soft-Drink-Produzenten (SMS). Hauptsächlich wegen einer gesteigerten Nachfrage im Detailhandel verkauften die SMS-Mitglieder im März 20 Prozent mehr Mineralwasser als im Vorjahresmonat, bei den Erfrischungsgetränken war es ein Plus von fünf Prozent. Im April und Mai nahmen die Mineralwasser-Verkäufe jeweils um zirka 10 Prozent ab, bei gleichzeitig hohen Mineralwasser-Importen, wie Arnold betont. Bei den Erfrischungsgetränken betrug der Rückgang im April 15 Prozent und im Mai gegen 10 Prozent. Allerdings: «Betrachtet man den gesamten Zeitraum von Januar bis Mai 2020, so weichen die Verkaufszahlen nur gering von jenen des Vorjahres ab», so Arnold.

«Wir sind bis jetzt mit einem hellblauen Auge davongekommen», sagte Ramseier-Chef Christoph Richli Anfang Juni am Rand der Eröffnung der Ramseier-Erlebniswelt (siehe S. 14) zu alimenta. Zwar sei das Gastrogeschäft während des Lockdowns eingebrochen, Ramseier mache aber «zum Glück» zwei Drittel des Umsatzes im Detailhandel. «Dort konnten wir sogar mehr verkaufen, die Verluste im Gastrogeschäft haben wir aber nicht kompensieren können.»

Kurzarbeit einführen musste Ramseier laut Richli einzig am Produktionsstandort Elm, wo mit Elmer Citro und Elmer Mineral hauptsächlich Getränke für die Gastronomie produziert werden. Aussendienstmitarbeitende, die während des Lockdowns nichts zu tun hatten, habe man anderswo im Unternehmen einsetzen können. Stillgestanden seien die Anlagen für Mehrwegglas, etwa für den «Suure Moscht» in der Bügelflasche, der in der Gastronomie verkauft wird. «In der PET-Flasche verkaufte sich der saure Most hingegen sehr gut.»

Inzwischen habe sich das Gastrogeschäft wieder etwas erholt. Im Moment verkaufe man aber erst etwa halb so viel wie vor Corona, schätzt Richli. Er hofft auf eine gute Sommersaison, denn gerade die Bergrestaurants seien ein wichtiger Absatzkanal für die Apfelsäfte von Ramseier.

Rivella: Kein Unterwegskonsum mehr

«Sehr dankbar» ist man bei Rivella, dass die Gastronomie, der Tourismus und das Ausflugsgeschäft langsam wieder in die Gänge kommen, wie Unternehmenssprecherin Monika Christener auf Anfrage von alimenta schreibt. Der Rothrister Getränkehersteller macht normalerweise die Hälfte seines Umsatzes mit der Gastronomie und dem Unterwegskonsum. Entsprechend heftig hat der Lockdown das Unternehmen getroffen. Das Gastronomiegeschäft sei zeitweise quasi zum Erliegen gekommen, auch an den Kiosken und Tankstelle seien die Rückgänge massiv. «Alles was unterwegs konsumiert wurde, fiel in den Lockdown-Wochen praktisch weg», so Christener. Auch die abgesagten Grossveranstaltungen machen Rivella zu schaffen. Auf Anfang April wurde im ganzen Unternehmen Kurzarbeit eingeführt.

Im Detailhandel konnte Rivella zwar mehr grosse 1,5-Liter-Flaschen verkaufen, sagt Christener. «Aufgrund des fehlenden Impulsgeschäftes konnten wir aber trotz eines Wachstums bei den grossen Flaschen im Detailhandel nicht zulegen.» Den grössten Rückgang verzeichnete Rivella bei den 33cl-Fläschchen aus Glas, die ausschliesslich in der Gastronomie verkauft werden.

Weinbranche: Verschärfung der Krise

«Die Situation der Weinbranche war schon vorher schwierig, die Corona-Krise hat das noch verschärft», sagt Marco Romano, Präsident des Branchenverbandes Schweizer Reben und Weine und Tessiner CVP-Nationalrat. Grosse Weinmengen aus den letzten beiden Ernten seien immer noch in den Weinkellern, und sie könnten auch jetzt, mit der Öffnung der Gastronomie, nicht einfach verkauft werden. «Die Gastronomen sparen jetzt Geld und leeren ihre Keller», sagt Romano. «Sie kaufen erst im Herbst wieder Wein, wenn schon die neue Ernte da ist.»

Nebst der normalen Gastronomie fielen als Absatzkanäle auch viele Messen, Degustationen und Feste weg. Der Verkauf von Wein ging gemäss Schätzungen des Bundes um 30 bis 40 Prozent zurück. Die Verbände der Weinbranche gelangten bereits Anfang April an den Bund mit einer ganzen Reihe von Forderungen, zum Beispiel nach weiteren Mittel für die Weinwerbung, «Die Nachbarländer haben die Förderung ihrer Weinexporte in den attraktiven Schweizer Markt erhöht», sagt Romano. «Die Schweiz muss deshalb auch etwas tun, der Schweizer Wein ist preislich sowieso im Nachteil.» Verlangt wurde auch, dass der Bund die Ethanollager wiederaufbaut und die Weinproduzenten für die Destillierung unterstützt. Und schliesslich möchte die Branche, dass der Bund eine sogenannte Klimareserve einführt, ein staatlich gestützter Mechanismus, um über die Jahre hinweg zu grosse und zu kleine Ernten auszugleichen. 

Eine Forderung der Branche hat der Bundesrat am 20. Mai erfüllt: Er beschloss eine Finanzhilfe von 10 Millionen Franken, um Weine mit der kontrollierten Ursprungsbezeichnung AOC zu deklassieren und als Tafelwein zu verkaufen. Damit können Lagerbestände abgebaut werden. 

Die Verbände sehen darin eine Chance, Schweizer Weine auch auf dem Tafelweinmarkt zu positionieren, wo bis jetzt ausländische Weine dominieren. Dies könnte es auch ermöglichen, mit Schweizer Wein auch andere Schweizer Produkte wie Fonduemischungen aufzuwerten. Dazu finden derzeit Gespräche mit Milchverarbeitern statt. Ist das eine nachhaltige Lösung, die auch Bestand hat, wenn die zehn Millionen aufgebraucht sind? «Sie muss nachhaltig sein», sagt Marco Romano. Schweizer Industriebetriebe müssten dazu bewegt werden, in Zukunft Schweizer Wein zu verwenden. «Und auch die Weinbranche wird sich hier dem Markt anpassen müssen», stellt er klar. 

Der Walliser CVP-Nationalrat Philipp Matthias Bregy hat eine Motion eingereicht, mit der er verlangt, dass die Zollkontingente für Weinimporte gesenkt werden, etwas, was die Verbände noch im letzten Jahr abgelehnt haben. «Wenn weniger Wein importiert wird, heisst es noch nicht automatisch, dass mehr Schweizer Wein getrunken wird», sagt Romano. Aber man sei offen für diese Diskussion und mit dem Bundesamt für Landwirtschaft darüber im Gespräch. 

Um das Weingeschäft mit der Gastronomie wiederzubeleben, hat die Organisation Swiss Wine Promotion die Kampagne «Swiss Wine Summer» lanciert, bis vom 8. Juni bis 31. August läuft. Gastronomen, die mitmachen, bieten im Sommer 2020 mindestens drei Schweizer Weine im Offenausschank an. Wird Wein für mehr als 1000 Franken gekauft, erhalten die Gastronomen einen Gutschein für 200 Franken für die Neubestellung von Schweizer Wein. 

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