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Corona als zusätzlicher Challenge 

So unterschiedlich Food-Start-ups aufgestellt sind, so unterschiedlich waren sie von der Corona-Krise betroffen. Einige profitierten, für viele wurde es schwieriger.

von Roland Wyss

Innovative Produkte wie die Bohne-Pasta von Edamama bleiben in der Corona-Kriese häufig in den Regalen liegen.

Start-ups kämpfen schon unter normalen Bedingungen mit besonderen Herausforderungen. Mit wenig Ressourcen muss alles mögliche gestemmt werden: Nicht nur die Produktentwicklung und das Ausliefern, sondern auch das Marketing, das Verhandeln mit möglichen Abnehmern, die Beschaffung von neuem Kapital. Was bedeutet eine Krise wie die Corona-Pandemie für Start-ups aus dem Lebensmittelbereich? Wie geht es den Junggründern nach Corona?

Die kurze Antwort: Sehr unterschiedlich. Es hänge sehr davon ab, in welcher Phase Start-ups sich genau befänden, ob sie schon im Detailhandel gelistet seien oder noch Absatzkanäle suchten, sagt Mark Leinemann, Mitgründer und Präsident des AgriFood-Start-up-Verbands Crowdfoods. Leinemann weiss recht genau, wo die Start-ups der Schuh drückt. Er begann Anfang April damit, sogenannte «Corona-Hacks» zu organisieren, wöchentliche Videomeetings auf Zoom mit interessierten Start-up-Gründern, Beratern und Investoren. «Wir haben uns ausgetauscht über die Erfahrungen, die Start-ups in der Corona-Zeit machten», sagt er. 

Start-ups, die schon im Detailhandel gelistet sind, hatten in der Krise einen gesicherten Absatzkanal und damit grundsätzlich einen Vorteil. Das heisst aber noch nicht, dass ihre Produkte auch gekauft werden. Denn die Konsumenten waren in dieser Zeit wenig experimentierfreudig. Sie schlenderten nicht durch den Laden, um Neues auszprobieren, sondern arbeiteten meist hektisch eine Einkaufliste ab und setzen auf Lebensmittel, die sie gut kennen und einfach zubereiten können.

Edamama beispielsweise ist ein Start-up, das glutenfreie Teigwaren aus Bohnen produziert und in der Schweiz startete, inzwischen aber in Berlin angesiedelt ist. Die Produkte sind in manchen Rewe- und manchen Edeka-Läden gelistet. Während dem Shutdown habe man gemerkt, dass viele Konsumenten einfach normale Teigwaren in rauen Mengen kauften und Edamama links liegen liessen, sagte Manon  Oyen von Edamama im Corona-Hack. Edamama-Paste sei nur gekauft worden, wenn sonst alles ausverkauft war. 

Start-ups, die eine Listung anstreben, hatten es schwerer. Denn der Handel war lange damit beschäftigt, die Lieferketten zu sichern und die Unmengen an Mehl, Teigwaren, Reis, Zucker und Toilettenpapier zu beschaffen, die die Kunden kaufen wollten. Man hatte «überhaupt keinen Kopf für Gespräche mit Start-ups», wie es Selda Morina von Rewe Start-up Lounge im Corona-Hack ausdrückte. Die Einkäufer von deutschen Detailhändlern hatten teilweise physisches Kontaktverbot mit Vertriebsleuten.

Lancierung mitten in der Krise

Für Doris Erne, Gründerin des Start-ups Wood&Field, der im März den Molke Shake lancierte, sind die letzten Wochen «nicht so gelaufen wie geplant.» Nach dem Start bei Lekkerland seien die Verkäufe dort enttäuschend, weil der Aussendienst der Firma lange gar nicht unterwegs war, um das Produkt bei den Abnehmern – den Tankstellen- und Convenience-Shops – zu bewerben. Die Listungen bei Kunden in der Gemeinschaftsgastronomie seien sehr kurzfristig abgesagt worden, weil dieser Kanal mit den vielen Arbeitnehmern im Home Office völlig zusammengebrochen sei. Bei Alnatura habe man wie geplant starten können, die Verkäufe seien erstaunlich gut angesichts der Tatsache, dass keine Degustationen möglich waren, sagt Erne. «Wir haben super Unterstützung von den Sortimentsverantwortlichen und konnten später Flyer an Alnatura liefern, dadurch haben sich die Verkäufe fast verdoppelt.» 

Aussichtsreiche Kontakte hatte Doris Erne auch mit einem Grosshändler im Biobereich, aber letztlich sei eine allfällige Lancierung auf das nächste Jahr verschoben worden. Derzeit ist Erne in Gesprächen mit einem grossen Retailer und erhofft sich eine Listung in dessen Kanal. Damit könnten im Schwyzer Milchhuus, wo die Molke Shakes entstehen, auch grössere Mengen produziert werden. Bisher sei die Produktion und Lagerhaltung angesichts der teilweise tiefen Bestellzahlen eine Herausforderung, sagt Erne. 

Start-ups sind vernetzt 

Manche Start-ups konnten rasch reagieren und auf die Schnelle neue Geschäftsmodelle entwickeln. «Wer den unternehmerischen Biss hat, lässt sich von der Corona-Krise nicht unterkriegen, andere stecken eher den Kopf in den Sand», sagte Leinemann. Der Auslieferdienst Hofladen-Express beispielsweise, der in der Region Zürich und im Rheintal tätig ist, stellte innerhalb kurzer Zeit das Angebot «Snack- und Früchtebox»-Express um von der Belieferung von Firmen auf die Belieferung von Privathaushalten. Gründer Oliver Stahl plante schon länger, das Angebot auf private Kunden auszudehnen. Dass schlagartig die Geschäftskunden wegbrachen, bewog ihn dazu, den Schritt sofort zu machen. Der Erfolg gibt ihm recht.

Andere standen vor dem Problem, Warenbestände unter die Leute zu bringen, bevor sie verdarben. Der Berner Fabian Zbinden, Gründer von Instant Fresh, eines Herstellers von vegetarischen Fertiggerichten, begann herumzutelefonieren, um Stiftungen oder Firmen dazu zu bewegen, ihm Ware abzukaufen und zu spenden. Schliesslich fand er eine Versicherung, die ihm 800 Mahlzeiten für ihre Mitarbeitenden im Home Office abkaufte.  

Ein Thema war bei den Corona-Hacks natürlich das Geld. «Viele Start-ups müssen jetzt noch mehr Kosten sparen und die Liquidität sichern», sagte Leinemann. Wer gerade neues Kapital suche, habe es wohl etwas schwieriger. Sowohl bei den Investoren wie auch bei den Start-ups trenne sich nun die Spreu vom Weizen. «Das Potenzial für den fünfzehnten veganen Müsliriegel gibt der Markt jetzt gerade nicht her.» Bei klaren Megatrends wie Fleischersatzprodukten sei das Interesse der Investoren nach wie vor da. Andererseits hätten Investoren, denen es ernst sei, jetzt die Möglichkeit, günstig zu höheren Firmenanteilen bei Start-ups zu kommen.
roland.wyss@rubmedia.ch