Datum: Branche:

Mehr Spenden, weniger Food Waste

Das Potenzial für Lebensmittelspenden von Herstellern und Händlern für Bedürftige ist noch gross. Mit verschiedenen Massnahmen, unter anderem steuerlichen Anreizen, sollen noch mehr Spenden möglich werden.

von Roland Wyss-Aerni

Alex Stähli, der Geschäftführer von Tischlein deck dich.

Heute werden in der Schweiz geschätzte 10000 Tonnen Lebensmittel gespendet und an Armutsbetroffene verteilt. Mindestens weitere 100000 Tonnen aus dem Detailhandel und weitere Mengen aus Grosshandel und Verarbeitung würden sich laut aktuellen Schätzungen für das Spenden eignen. Alex Stähli, der Geschäftsführer der Hilfsor­ganisation Tischlein deck dich, setzt sich dafür ein, dass künftig mehr Lebensmittel gespendent werden und so noch mehr Food Waste vermieden werden kann. «Das Potenzial ist riesig», sagt er. Dass nicht mehr gespendet werde, habe verschiedene Gründe: Mangelndes Wissen darüber, welche Lebensmittel sich eignen, zusätzlicher Aufwand für Sortierung, Verpa­-c­kung, Logistik und je nachdem Kühlung. «Administrativ ist es für einen Hersteller oder Händler manchmal einfacher, Lebensmittel wegzuwerfen als zu spenden», sagt Stähli.

Er ist deshalb an verschiedenen Fronten tätig. Vor ein paar Jahren hat er die Arbeitsgruppe FoodSave 2025 gegründet, in der In­dustrie und Forschung vertreten sind, und in der Potenziale für mehr Lebensmittelspenden ­ausgelotet werden. «Das Ziel ist, dass wir am Schluss einen erweiterten Leitfaden für Spender haben, an den sie sich halten können.»
In der Arbeitsgruppe FoodSave 2025 ist auch Claudio Beretta, Präsident von foodwaste.ch und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft ZHAW in Wädenswil. Er betreut zwei Forschungsprojekte zu Aspekten von Food-Waste-Vermeidung, die vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV in Auftrag gegeben wurden, und die im Februar 2021 abgeschlossen werden. «Es geht darum, möglichst viel Food Waste zu vermeiden und gleichzeitig die Lebensmittelsicherheit in je­dem Fall zu gewährleisten», sagt Beretta. Dabei würden mikrobiologische Kriterien, Erfahrungswerte und Erkenntnisse aus dem Ausland angewendet, um für verschiedene Gruppen von Lebensmitteln konkrete Spendenempfehlungen abzuleiten. Die Lebensmittelsicherheit muss in jedem Fall garantiert sein. Im Lebensmittelrecht habe man in den letzten Jahren aber einseitig und übervorsichtig auf Lebensmittel­sicherheit gesetzt und dabei ökologische As­pekte vernachlässigt, sagt Beretta. «Bei einem Joghurt zum Beispiel merkt man mit den eigenen Sinnen sofort, wenn es verdorben ist. Trotzem sind noch Joghurts im Handel mit einem Verbrauchsdatum statt mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum» Beim Fleisch sei häufig das Einfrieren vor Ablauf des Datums eine gute Möglichkeit, um die Verteilung der Lebensmittel sicherzustellen. Dies sei von der Lebensmittel­sicherheit her unproblematisch und habe bei den meisten Produkten auch keinen negativen Einfluss auf die Qualität. In ausgewählten Fällen kann laut Beretta eine vereinfachte Allergen-Deklaration für gespendete Backwaren sinn­-voll sein, um logistische Barrieren zu verhindern.

Steuerabzug für Lebensmittelspenden

Tischlein deck dich-Chef Stähli setzt aber nicht nur auf die Forschung. Er will auch Druck auf die Politik machen. Mit einem Steuerabzug soll ein ganz konkreter Anreiz geschaffen werden, damit Firmen Lebensmittel spenden und nicht einfach wegwerfen. Der Vorschlag aus der Arbeitsgruppe FoodSave 2025 lautet deshalb, dass für gespendete Lebensmittel ein Abzug von 6.50 Franken pro Kilogramm gemacht werden. Das enstpricht einem durchschnittlichen Warenkorb bei Tischlein deck dich, mit wenig Fleisch und ohne Alkohol und Tabak.
Der Zuger Ständerat Peter Hegglin liess sich von dem Anliegen überzeugen und reichte Anfang Mai eine entsprechende Motion mit dem Titel «Food Waste. Anreize schaffen statt zusätzliche Regulierung» ein. Allerdings wollte der Bundesrat in seiner Antwort von Anfang Juli nichts davon wissen: Man arbeite schon an einem Aktionsplan gegen Lebensmittelverschwendung. Ferner werde eine Grundlage im Lebensmittelgesetz geschaffen, die es dem Bundesrat ermögliche, besondere Bestimmungen für die Abgabe von Lebensmitteln zu erlassen. Im Rahmen dieser beiden Aufträge wolle man umfassende Massnahmen prüfen und nicht einzelne Massnahmen vorwegnehmen.
Stähli verweist darauf, dass sich das Instrument des Steuerabzugs in anderen Ländern bewährt hat: Frankreich, Portugal und kennen eine Steuersenkung für gespendete Lebensmittel, gemäss der EU-Kommission habe sich dies positiv auf die Lebensmittelspenden ausgewirkt. In Frankreich wird die Industrie sogar dazu verpflichtet, zu spenden.
«Einen Zwang lehnen wir ab», sagt Lorenz Hirt, der Geschäftsführer der Föderation der Schweizerischen Nahrungsmittelindustrie Fial, der sich ebenfalls seit deren Gründung in der Arbeitsgruppe FoodSave 2025 engagiert. Hingegen unterstützt er steuerliche Anreize. «Wegwerfen und Spenden kommt für ein Unternehmen steuerlich auf dasselbe hinaus», sagt Hirt. «Beim Spenden kommen aber Logistikkosten und allenfalls die Kühlhaltung dazu, was das Wegwerfen wirtschaftlich attraktiver macht als das Spenden.» Beretta hält dies für absurd: Für jeden Franken, er in die Logistik von Le­bensmittelspenden investiert werde, könnten gemäss Schätzungen der Schweizer Tafel Lebensmittel im Wert von über 10 Franken gerettet ­werden. «Welche andere Umweltschutzmassnahme bringt zehn Mal mehr Kostenersparnisse als die Massnahme kostet?», sagt er. Hirt hofft, dass der Ständerat bei der Beratung der Motion die Chance einer «höchst wirtschaftlichen Nachhaltigkeitsmassnahme» erkennt und im Gegensatz zum Bun­des­rat das Anliegen unterstützt.
roland.wyss@rubmedia.ch