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Es braucht mehr Fett in der Schweiz

Die Butterlager in der Schweiz sind Mitte September auf einen Rekordtiefstand von 188 Tonnen gesunken. Damit das wertvolle Milchfett wieder vermehrt in der Schweiz verbleibt und nicht importiert werden muss, will die BO Milch jetzt Massnahmen einführen.

von Hans Peter Schneider

Stefan Kohler, Geschäftsführer BO Milch, vor dem komplexen System der Milchfonds.
Stefan Kohler mit dem BO Milch-Präsident Peter Hegglin.

Die Lage ist ernst, die Schweiz leidet unter einer Butterunterversorgung. In der letzten Zeit musste sogar Butter importiert werden, was imageschädigend gewesen sei, wie Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch, sagte und auf Berichte in den Boulevardmedien verwies. Die Branchenorganisation Milch führte aufgrund dieser besonderen Umstände, am Mittwoch 30. September in Bern eine ausserordentliche Delegiertenversammlung durch. Über Jahre hinweg sei im ansonsten gut austarierten System der Schweizer Milchwirtschaft zu viel Butter produziert worden, sagte Peter Hegglin, Präsident der BO Milch und erinnerte an die Zeit der Einführung des Butter-Regulierungsfonds im 2017. Damals sei die Ausgangslage aufgrund des Butterüberschusses ganz anders als heute gewesen. So seien im 2016 sogar 5320 Tonnen Butter exportiert worden.

Alte Spielregeln gelten nicht mehr

«Kein Wunder machten wir damals diese Spielregeln», sagte Hegglin. Doch die Milchverarbeiter hätten den Fokus auf wertschöpfungsstärkere Produkte gelegt, was verständlich sei. Wirtschaftlicher sei es ja schon, wenn die Schweiz hochpreisigen Käse exportieren und dafür etwas Butter vom Weltmarkt importieren würde. Denn die Käselokomotive laufe gut und diese sollte nicht gebremst werden. Darum habe man überhaupt Butterimporte zugelassen, so Hegglin. Trotz Berücksichtigung des Käseexportes und auch des Umstandes, dass eine knappe Butterversorgung besser zu handhaben sei als eine Überversorgung, müsse man jetzt aber die inländische Butterproduktion stärken. Denn man dürfe keine Ungleichheiten in der Milchwirtschaft zulassen, weil das austarierte System der BO Milch für gleichlange Spiesse, für die Marktakteure sorgen solle.

Anpassung an neue Gegebenheiten

Der BO Milch-Präsident schlug den Delegierten eine Anpassung der bestehenden Reglemente vor. So solle die BO Milch, die für den Fonds Regulierung reservierten 20 Prozent der Mittel wieder einziehen, solange diese für den Fonds Regulierung nicht benötigt würden. Diese 20 % oder 14 Millionen Franken, pro Jahr, sollen je zur Hälfte der Hauptbox Fonds Rohstoffverbilligung und zur Hälfte einer neuen Box für den Export von Milchproteinpulver MPC, zugute kommen. Milchproteinpulver sei ein Koppelprodukt bei der Butterherstellung, sagte Hegglin. Damit würde mehr Milch in die Verarbeitung von Butter gehen.

Weiter will die BO Milch das Stützungsverhältnis Milchfett zu Milcheiweiss von heute fix 60 zu 40, flexibilisieren. Das heisst, dass bei Buttermangel das Milchfett weniger, dafür das Milcheiweiss höher gewichtet wird. Heute liegt das Stützungsverhältnis fix bei 60 zu 40. Neu soll das Verhältnis auf 55 zu 45 festgelegt werden und somit bei Fett-Knappheit, weniger Exportbeiträge ausbezahlt werden. Damit wolle man einen Anreiz setzen, damit mehr Milchfett in der Schweiz bleibt, sagte Hegglin. Die Delegierten stimmten den Anpassungen der beiden Fondsinstrumente einstimmig zu. Es gab einzig fünf Stimmen, die sich enthalten haben.

Die Stimmen der BO-Milch-Familien

In der Diskussion gaben auch Exponenten der drei BO-Milch-Familien, Milchproduzenten, Milchindustrie und der Käser ihre Voten ein. Auf Produzentenseite herrschte Einigkeit und Martin Hübscher von Mooh, sprach sich auch für die Anpassungen, im Sinne eines Kompromisses aus. Die Regelung müsse jedoch befristet sein. Das starre Verhältnis im Stützungsverhältnis Milchfett zu Milcheiweiss könnte für ihn sogar noch flexibler gestaltet werden. Nämlich so, dass es im Hinblick auf sich schnell ändernde Marktverhältnisse, künftig auch direkt durch den Vorstand geändert werden könnte.

Dennoch gab Hübscher zu bedenken, dass es auf Produzentenseite schlecht verstanden werde, wenn ein Buttermangel herrsche und dann gleichwohl 0,9 Rappen mehr einbezogen würde. Im Gegensatz zum Fleischmarkt, würden die volatileren Märkte im Milchmarkt den Bauern nichts bringen. Es solle nicht nur über die tiefgefrorene Butter Transparenz herrschen, die Indikatoren müssten genauer sein, wann wieder ein Buttermangel herrschen würde. Es wäre nämlich frappant, wenn von Mangel direkt in Überschuss gegangen werde, sagte Hübscher.

Hübscher erwarte von den Verarbeitern, dass sie ein positiveres Signal an die jungen Milchbauern aussenden würden, damit diese die Milchproduktion nicht verlassen würden. Es brauche auch keine Negativschlagzeilen im Kassensturz über die Butterimporte. Da müsse man sich schon bewusst sein, welche Signale damit an die Konsumenten ausgesandt werden.

BO Milch-Vizepräsident Hansrudi Bigler appellierte an die Verarbeiter, sich mehr für die Milchproduktion in die politische Diskussion einzubringen. «Ich spüre wenig Unterstützung», sagte Bigler. Dabei gehe es um viele Arbeitsplätze, wenn weniger Milch produziert werde, wie dies mit dem Absenkpfad, wo die Tierbestände reduziert werden sollen, gefordert werden. Dies sei gefährlich, schliesslich würde derzeit mehr Käse importiert als exportiert. Bigler gab zudem einen Seitenhieb auf die Veganer ab und bezeichnete diese als Rosinenpicker. Denn sie würden sich nur von den allerbesten Böden ernähren und gerade diese seien die strapaziertesten Böden der Welt. Wenn die Ertragsfähigkeit der Böden erhalten werden solle, dann müsse darauf, periodisch auch Gras und Leguminosen wachsen, das von den Kühen gefressen wird. Die Kuh sei schliesslich standortgerecht in der Schweiz.

Markus Willimann von der Vereinigung der Milchindustrie (VMI), appellierte an die Produzentenseite, Sachverhalte allgemein korrekt wiederzugeben und wies auf die Milchzulage von 4,5 Rappen pro Liter Milch. Dies sei ja schliesslich nicht als zusätzliches Milchgeld für die Produzenten gedacht, sondern die Zulage solle den Verlust der Schoggigesetz-Gelder auffangen.

Die VMI werde der Regelung selbstverständlich zustimmen, auch wenn diese nicht die optimale Lösung sei. Willimann gehört zur erweiterten Konzernleitung von Emmi. Dabei wird Emmi durch die Umverteilung, zweifellos Geld verlieren, wie Andreas Hitz von der ZMP und der Mittelland Milch sagte und: «Die Beschlüsse sind insbesondere eine «Umverteilungsübung». Gestützt würden einfach die Verarbeiter, welche im Eiweissexport tätig seien. Dennoch gab sich Hitz überzeugt, dass die Beschlüsse Ruhe in den Markt bringen werden. Die BO Milch solle jedoch sicherstellen, dass die eingezogenen Gelder, via Milchpreiserhöhungen, vollumfänglich bei den Milchproduzenten zugute kommen würden, so Hitz. Andererseits werde man sich dafür einsetzen, die Anpassungen wieder rückgängig zu machen.

Jacques Gygax, Direktor von Fromarte, sagte, dass die aktuelle Lage, einer Fettunterversorgung, Seltenheitswert habe. Die Käser würden die neue Lösung unterstützen. Die Voraussetzung laute dabei, dass das System im Gleichgewicht bleiben solle. Und natürlich dürften die Regelungen nicht zu Ungunsten der Käsereiwirtschaft führen.

Wechsel im Vorstand

Christian Oberli ist an der Delegiertenversammlung aus dem Vorstand der BO Milch zurückgetreten. Markus Willimann vom VMI hielt in der Laudatio Rückblick auf die zehnjährige Tätigkeit von Oberli in der BO Milch. Oberli sei in der Proviande als Produzent auf der «anderen Seite» gesessen und habe damit auch immer die verschiedenen Interessen verstanden. Gerade diese Voraussetzungen hätten ihn zu einem besonders kompetenten Mann gemacht, sagte Willimann. Er habe während den Sitzungen immer für seine Anliegen gekämpft.

«Es war nie mein Ziel, es allen recht zu machen», sagte Christian Oberli in seiner Abschiedsrede.  Auch Oberlis Nachfolger kommt aus der Ostschweiz. Andreas Hinterberger ist Vizepräsident der Fromarte, Inhaber und Geschäftsführer der Berg-Käserei Gais. Als neuer Suppleant gewählt wurde Benoît Kolly, Käsermeister mit den Gruyère-Käsereien in Praroman und Le Mouret. Kolly ist zudem Vorstandsmitglied von Fromarte, der AFR, der Milka Käse AG und der Liebefeld Kulturen AG.

Das System: 0,9 Rappen in die MPC-Box

Die vom Bund den Milchproduzenten ausbezahlten 4.5 Rappen pro Liter Milch, werden vom Milchkäufer eingezogen. Davon gelangen 80 Prozent oder 3,6 Rappen in den (Haupt)-Fonds Rohstoffverbilligung, von welchem wiederum 5 Prozent in die Marktentwicklungsbox und 95 Prozent in die Hauptbox gelangen.
Vom (Haupt)-Fonds werden 20 Prozent oder 0,9 Rappen in den Fonds Regulierung gesteckt. Von diesem aus wird bei Butterüberschüssen die Butter verbilligt exportiert. Seit letztem Herbst ist der Einzug von 0,9 Rappen ausgesetzt, weil 10 Millionen Franken in Reserve liegen. Ab nächstem Sommer sollen nun diese 0,9 Rappen in die MPC-Box gelangen, um mit diesem Geld Milchproteinpulver zu exportieren.

hanspeter.schneider@rubmedia.ch