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«Dann höre ich mit dem Rübenanbau auf»

Nächstes Jahr stehen die beiden Pflanzenschutz-Initiativen zur Abstimmung. Die IG Bauern Unternehmen ist überzeugt, dass eine sichere Nahrungsmittelproduktion ohne die aktuellen Pflanzenschutzmittel nicht möglich ist.

von Jonas Ingold/lid

Denkt nach vier Generationen ans Aufhören: Lars Nyffenegger. (Bild lid/ji)

Die Familie von Betriebsleiter Lars Nyffenegger im bernischen Worben baut seit vier Generationen Zuckerrüben an. Ein guter Standort, denn die Zuckerfabrik in Aarberg ist nur wenige Kilometer entfernt. Doch dieses Jahr hat die Pflanzenkrankheit Viröse Vergilbung auch auf den Feldern von Betriebsleiter Lars Nyffenegger zugeschlagen. Statt sattgrün sind die Blätter gelb, die Rüben klein mit wenig Zucker. Nyffenegger rechnet mit Ertragseinbussen von rund 30 Prozent. Rentabel ist das für ihn nicht mehr. Grund für die Situation ist das Verbot des neonicotinoidhaltigen Beizmittels Gaucho. Landwirt Nyffenegger hat kein wirksames Mittel mehr gegen die Viröse Vergilbung.

Bald weitere Kulturen betroffen?

Die IG Bauern Unternehmen fürchtet, dass bei Annahme der beiden kommenden Pflanzenschutz-Initiativen noch viele weitere Kulturen vor solchen Problemen stehen. Die Schweiz benötige eine moderne, konkurrenzfähige und produktive Landwirtschaft, sagte Fernand Andrey, Vizepräsident von Bauern Unternehmen am Medienanlass in Worben.

Nur so könne auch künftig die Schweizer Bevölkerung sicher ernährt werden. Andrey und seine Mitstreiter fühlen sich immer öfter unverstanden von der Bevölkerung und den Medien. «Wir werden zunehmend mit Fehldarstellungen und Falschmeldungen konfrontiert», erklärte er.

Dabei verfüge die Schweiz über weltweit einzigartige Umweltstandards wie Düngerbilanz, Schadschwellenwerte oder obligatorische Fruchtfolge. Er betonte zudem, dass die Schweiz bereits viel erreicht habe. «Und wir wollen noch besser werden», sagt Andrey. Ein Grossteil der Rückstände von Pflanzenschutzmitteln stammten von Punkteinträgen. Das zeige, dass man beispielsweise Waschplätze bauen müsse, so Andrey. Auf seinem Betrieb im Kanton Freiburg habe er dank präzisen Anwendungstechnologien wie GPS-Regelung den Verbrauch von PSM um einen Drittel senken können.

Fassaden und Zecken-Halsbänder

Gleichzeitig kritisierte Fernand Andrey, dass mit dem Finger immer auf die Landwirtschaft gezeigt werde. So sei der im Rübenanbau verbotene Wirkstoff Imidacloprid – ein Neonicotinoid – in Hundehalsbändern gegen Zecken und Flöhe erlaubt. Ebenso werde das aktuell stark im Fokus stehende und seit Anfang Jahr verbotene Chlorothalonil unter anderem in Fassaden verwendet.

Nach Ansicht von Andrey leistet der moderne Pflanzenschutz einen wesentlichen Beitrag zur Lebensmittelsicherheit. «Weniger regionale Produkte und mehr Importe wären die Folgen eines Verzichtes auf Pflanzenschutz», sagt der BU-Vizepräsident. «Ohne modernen Pflanzenschutz wäre die heutige Nahrungsmittelversorgung mit gesunden, qualitativ hochwertigen, regionalen Produkten nicht gewährleistet», sagt er.

Plakate und Nullparzellen

Um die Bevölkerung über das Anliegen zu informieren, hat die BU 2019 die Kampagne «Pflanzen und Tiere brauchen Schutz» gestartet. Dazu haben rund 300 Landwirtinnen und Landwirte aus der Schweiz Tafeln auf ihren Feldern aufgestellt. Zudem legten die Bauern sogenannte Nullparzellen an, auf denen überhaupt kein Pflanzenschutz – auch kein manueller – betrieben wird. Damit will die BU den Unterschied zu den normalen Anbauflächen deutlich machen.

Bio-Anbau bei Rüben schwierig

Lars Nyffenegger zeigt auf einem Rübenfeld eine Nullparzelle. Die Rüben sind ob des ganzen Unkrauts kaum zu erkennen. Bald ein realistisches Bild? Nein, denn auf der Nullparzelle findet auch kein manueller Pflanzenschutz statt. Aber, sagt Fernand Andrey, sei bei Zuckerrüben ein biologischer Anbau sehr schwierig. Man können zwar manuell gegen das Unkraut vorgehen, die Rübenwurzeln seien aber sehr empfindlich.

Zwischen den Rüben müsste das Unkraut von Hand gejätet werden, so Andrey. Der schwierige Anbau von Bio-Rüben sei auch ein Grund dafür, dass diese in der Schweiz nur eine kleine Nische seien. Auch die Erträge pro Hektar seien entsprechend tief. Als weitere Kultur, die durch das Verbot von immer mehr PSM gefährdet sei, bezeichnet er Raps.

Ein Landwirt, der ebenfalls Plakate aufgestellt und eine Nullparzelle angelegt hat, ist Hans-Peter Christen aus Utzenstorf. Er machte damit positive Erfahrungen. Die Plakate hätten zu interessanten Diskussionen und Nachfragen aus der Bevölkerung geführt, erklärte er vor den Medien. Die Plakate und die Nullparzelle seien positiv aufgenommen worden und auch kritische Fragen hätten besprochen werden können.

Bei Lars Nyffenegger wäre die Nullparzelle dieses Jahr gar nicht nötig gewesen, um mit den Anwohnern ins Gespräch gekommen. Bereits die gelben Rübenblätter haben zu vielen Fragen aus der Dorf-Bevölkerung geführt, sagt er. Diese sei sich von früheren Jahren ein anderes Bild gewohnt gewesen und hätten nachgefragt, was denn der Grund sei.

Zuckerfabriken in Not

Obwohl Nyffenegger am Rübenanbau hängt ist für ihn klar: «Wenn die befristete Bewilligung für Gaucho abgelehnt wird, höre ich mit dem Anbau auf», sagt Nyffenegger. Der Seeländer Bauer hofft darauf, dass das Bundesamt für Landwirtschaft eine Notfallzulassung bewilligt. Wenn nicht, werde er wohl auf Eiweisserbsen oder andere Pflanzen umsteigen, so Nyffenegger.

Für die Zuckerfabriken in Aarberg und Frauenfeld, die schon wegen tiefer Rübenpreise mit der Anbaubereitschaft zu kämpfen haben, sorgt der Ausstieg von Rübenbauern für Probleme. Denn ohne genügend Rüben können die Fabriken nicht ausgelastet werden. Der Entscheid zu Gaucho dürfte bis Ende Oktober erfolgen. Für ihn wäre das noch rechtzeitig, um fürs nächste Jahr gerüstet zu sein, sagt Nyffenegger.