Datum: Branche:

MGB-Konsumententagung: Fleisch oder fleischlos?

Wie sollen dereinst die 10 Milliarden Erdenbürger ernährt werden? Wie, wo und womit die dazu notwendigen Proteine hergestellt werden sollen, darauf versuchten die Referenten der 12. Konsumententagung des MGB eine Antwort zu finden.

von Hans Peter Schneider

Manfred Bötsch. (Bilder: zVg)
Melanie Loessner, Inhaberin der PR-Agentur Vitamintexte.
Lukas Böcker, Sustainable Food Processing, ETH Zürich.
Franziska Schwarz, Vizedirektorin des Bafu.
Eliana Zampgrogna, Chief Technology Officer der M-Industrie.
Der Moderator des Anlasses, Andreas Kellerhals.
Andreas Fischlin, Vizepräsident des Weltklimarates, ETH Zürich.

Fleisch oder nicht Fleisch. Diese Frage stand wie so oft wieder einmal im Vordergrund. Auch an der Konsumententagung des Migros Genossenschaftsbundes (MGB), die am Mittwoch, 4. November zum 12. Mal stattfand. Zum ersten Mal aber nicht live, sondern sie wurde online übertragen. Der Entscheid sei aber absolut richtig gewesen, den Anlass live vom Hauptzentrum in Zürich zu veranstalten. Nur dass man den anschliessenden Apéro riche immer noch nicht live übertragen könne, das sei ein Wermutstropfen, sagte der Moderator des Anlasses, Andreas Kellerhals, Direktor des Europa Instituts an der Uni Zürich, zu der vor den Computerbildschirmen sitzenden Rekordzahl von 400 Teilnehmern.

Heute würden immer mehr jüngere Menschen vegan leben, was sich auch im Supermarkt bemerkbar mache. Dabei würden die Fleischskandale, wie zum Beispiel bei Tönnies, dem Trend helfen, war Kellerhals überzeugt. So seien Veggie-Gehacktes, Falafel und Veggie-Schnitzel, überall zu finden. Doch muss die Welt wirklich mit: «Erbsenburger für 10 Milliarden Erdenbürger?» – wie der Titel lautete, unter welchem die 12. Konsumententagung stand – ernährt werden? Ja, wenn es nach Andreas Fischlin, Vizepräsident des Weltklimarates, ETH Zürich, geht. Denn die Unmengen, die es bräuchte um diese Menschen mit genügend Protein zu versorgen, könne sicher nicht aus tierischen Quellen gedeckt werden. Denn global würden Landwirtschaft und Ernährung ungefähr 30 Prozent zu den Treibhausgas-Emissionen beitragen. Wenn vier Tonnen CO2 erzeugt werde, dann würden zwei Tonnen in der Atmosphäre, eine in den Ozeanen und eine im Boden verbleiben, wie Fischlin sagte.

Viel CO2 verbraucht würde in der Landwirtschaft zum Beispiel bei der Düngerproduktion. Denn seit 1961 werde viel mehr Dünger eingesetzt. Aber auch rund drei Viertel des Frischwasserverbrauchs würde zu Lasten der Landwirtschaft gehen. Um die Treibhausgasemissionen zu senken, dafür hätte der Westen eine besondere Verantwortung. Er hoffe aber, dass in den Entwicklungsländern, wenn sie sich entwickelt hätten, dann nicht noch mehr Fleisch gegessen würde als im Westen, so Fischlin. Die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelwirtschaft seien die beiden Wirtschaftszweige die aber auch unverzichtbar seien, um Lösungen zu finden.

Lösungen, wie der steigende Proteinhunger in Zukunft gedeckt werden könnte, zeigte Lukas Böcker der ETH Zürich auf. Er zeigte anhand eines Spider Diagrammes, an welchen Nahrungsmittelkategorien die grössten Emissionen erzeugt werden. Nicht überraschend stand die Rindfleischproduktion an erster Stelle, gefolgt von Schaffleisch, zur Shrimp-, Käse- und der Schweinefleischproduktion. Hühnerfleisch hat gemäss dieser Nachhaltigkeitsanalyse, gegenüber Rindfleisch, die viel besseren Resultate geliefert. Bei den pflanzlichen Nahrungsmitteln stehen die Nüsse, noch vor den Erbsen und Bohnen und Soja, am besten da. Auch die Insektenproduktion kommt gemäss Böcker gut weg. Der Forscher ist überzeugt, dass sich der Proteinmarkt diversifizieren werde. Heute werde Protein zu 97 Prozent aus Feldkulturen gewonnen. Um die Proteinlücke zu schliessen, würde im Jahr 2054 höchstwahrscheinlich nur noch 55 Prozent aus Feldkulturen geerntet. Dafür aber 18 Prozent aus Algen, 15 Prozent aus Insekten, 9 Prozent aus Einzellerkulturen, ein kleiner Teil aus Abfall und ein noch kleinerer aus der Proteinerzeugung im Labor.

Eher Algenburger

Ganz gute Chancen gab Böcker den Algen. Diese einzelligen mikroskopisch kleinen Systeme könnten nämlich in Bioraffinerien hergestellt werden und hätten ganz viele Inhaltsstoffe, die heraus extrahiert werden könnten. Zum Beispiel eben Proteine, aber auch Omega3-Fettsäuren oder Vitamine. Also würde künftig im Schnellimbissrestaurant wohl eher ein Algenburger, anstelle eines Erbsenburgers verzehrt werden, wie Böcker überzeugt war. Aber auch die Proteinerzeugung aus Insekten sei nachhaltig. «Ist es nun die Aufgabe der Nahrungsmittelindustrie diese den Konsumenten ansehnlich zu präsentieren?», fragte Böcker und gab sich die Antwort gleich selber. Insekten müssten auf Abfall gezüchtet und wieder in den Nahrungsmittelkreislauf eingebracht werden, also als Futtermittel für Nutztiere. Dabei würden sich jedoch auch wiederum ethische Fragen stellen, wie zum Beispiel: «Wegen einer Kuh 10 000 Insekten töten»? Ja, aber wenn schon, müssten diese auch «ethisch», was heisse, ganz schnell getötet, respektive ganz schnell gekühlt werden.

Mykoprotein, das es zum Beispiel als Quorn schon seit den achtziger Jahren gebe, sei relativ wenig erforscht. Dabei hätten auch diese Proteinquellen Chancen. Oder soll man sich auf Nüsse fokussieren, so Böcker. Diese hätten zuviel Fettanteil und würden so nicht zu einer ausgewogenen Ernährung beitragen. Denn es sei wichtig, dass die «neuen» Proteine auch zu einer ausgewogenen Ernährung beitragen und gesund für den Menschen seien. Böcker hat verschiedene Ernährungsszenarien untersucht und miteinander verglichen: Noch mehr Fleisch, vegan oder alternative Proteinquellen. Für Böcker lautet das Fazit: Den Fleischkonsum stark verringern, dafür viel mehr Gemüse, Obst, Früchte, Nüsse und Samen essen. Dies sei für die Umwelt von Vorteil und stelle auch für den Menschen ernährungsphysiologisch keinen Nachteil dar.

Fehlanreize korrigieren?

Dies war auch für Franziska Schwarz, Vizedirektorin des Bafu, klar. «Die Veganer brauchen nur die Hälfte der Umweltbelastungspunkte eines Fleischessers», sagte Schwarz. Damit sich die Menschen mehr so ernähren würde, müsste man Fehlanreize korrigieren. Zum Beispiel flössen immer noch Steuergelder an Organisationen wie die Proviande, damit diese Fleischwerbung machen könne, so die Spitzenbeamtin. Stattdessen sollten die Anreize stärker auf pflanzliche Produkte ausgerichtet werden. Dies sei besser für Umwelt, Klima und die Gesundheit. Die Konsumenten ihrerseits könnten Neues, wie Veggi-Burger, aber auch Altbewährtes, wie Linsen und Bohnen ausprobieren. Wenn massiv weniger Fleisch gegessen würde, könnte der ökologische Fussabdruck um 66 Prozent verringert werden. Der Detailhandel seinerseits könnte Innovationen stärker fördern und sein Marketing im Einklang mit der Ernährungspyramide ausrichten. «Auch die Detailhändler haben einen Mehrwert zu leisten», so Schwarz.

Vom Kraftspender zum Überfluss

«Fleisch hat sich in den letzten 50 Jahren vom Image des Kraftspenders zum überflüssigen Nahrungsmittel gewandelt», sagte Melanie Loessner, Inhaberin der PR-Agentur Vitamintexte. Es gebe kaum ein Lebensmittel, das emotional so aufgeladen sei, wie Fleisch. Die Gründe, warum Leute zu Flexitarieren werde, seien vor allem, dass sie neues ausprobieren wollten, sich gesund und nahrhaft ernähren wollten, Marken vertrauen würden, für das Tierwohl besorgt seien, oder einfach, weil das Essen lecker aussehen würde. Es gebe aber auch Gegentrends, wie zum Beispiel die «Metzgete», wo während einem gewissen Zeitraum, grosse Mengen Fleisch vertilgt würden. Dies sei auch positiv, denn eine «Metzgete» sei etwas, wo ein Tier – «Nose to Tail» – gegessen werde. Auch die Lieblingsbeschäftigung der Schweizer, das Grillieren, verortete Loessner als Gegentrend.

Auch die Medien seien ein Akteur und verantwortlich, wie Fleisch in den Köpfen der Konsumenten wahrgenommen werde und verwies auf die Skandale um Billigfleisch. Wenn mehr fleischlos gegessen werden solle, dann müssten auch vielmehr alternative Angebote zu traditionellen Fleischgerichten bestehen. Da sei es gerade in ländlichen Gebieten, sehr herausfordernd, vegan zu leben.

In Rekordzeit zur Jogurtalternative

Tierische Produkte seien Teil unserer Ernährung, sagte Eliana Zampgrogna, Chief Technology Officer der M-Industrie. Dennoch laute die Strategie der M-Industrie, unnötige tierische Ingredienzen, wie zum Beispiel Gelatine aus den Nahrungsmitteln zu entfernen und der Ausbau des veganen Produktesortiments voranzutreiben. In weniger als zwei Jahren habe man es geschafft, eine Jogurtalternative auf Basis von Kichererbsen, von der Suche nach den besten Zutaten, über den Aufbau von Partnerschaften bis zur Markteinführung, zu realisieren. Bei der Suche nach Partnern habe man übrigens mehr als 100 potenzielle Partner bewertet, so Zamprogna. Jetzt sei man daran, die nächste Generation an plant-based-Produkten zu entwickeln. Dabei werde ein Augenmerk darauf gerichtet, dass die Rohstoffe lokal gewonnen und die Lieferkette nachhaltig seien. Eine zukunftsträchtige Proteinquelle seien zum Beispiel Algen, die in einer Kreislaufwirtschaft gewonnen würden, so Zamprogna. Man müsse aber auch die nächste Disruption vorbereiten. Nämlich ein Fleischstück herstellen, ohne dass eine Tötung dabei sei.

Nutztiere sind wichtig

Ja, man müsse weniger Fleisch essen. Damit war auch Manfred Bötsch, Berater für Nachhaltigkeit und Agrarexperte, früheres Geschäftsleitungsmitglied beim Fleischverarbeiter Micarna und Ex-Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW), einverstanden. Die Landwirtschaft sei für 13,2 Prozent der Klimabelastung verantwortlich. Davon würden 46 Prozent durch die Nutztierhaltung und der Hofdüngerbewirtschaftung verursacht. Doch auch wenn die Zahl der Nutztiere halbiert würden, wäre die Landwirtschaft immer noch für 9 Prozent der Emissionen verantwortlich, sagte Bötsch und: «Ohne Kühe gäbe es eine ökologische Katastrophe». Denn wenn die nicht ackerbaufähige landwirtschaftliche Nutzfläche von rund 600 000 Wiesen und Weiden nicht genutzt würden, dann würden diese verbuschen, oder in der Schweiz vorstellbar – zu Bauland gemacht, so Bötsch und verwies auf den Titel seines Referates: «Es grast auf der Alp die Tofuwurst». Grasland sei zudem humusbildend und damit CO2-speichernd. Im Gegensatz zu den meisten Ackerkulturen, die humuszehrend seien, so Bötsch. Zudem müssten diese gedüngt werden, vorteilhaft mit Nährstoffen aus der Tierhaltung. Man müsse den Kerngedanken der Landwirtschaft, nämlich die Stoffkreisläufe zu schliessen, weiterverfolgen, so Bötsch.

Aber auch das Konsumverhalten müsste sich ändern. Die Umweltbelastungspunkte wären am tiefsten, wenn die Ernährungspyramide befolgt würde, sagte Bötsch und meinte: Die Ausgewogenheit ist die beste Lösung.

hanspeter.schneider@rubmedia.ch