Datum: Branche:

Fertigfondue verliert die «Swissness»

Trotz ausländischem Weisswein galt für Fertigfondue bisher die Swissness. Doch diese Ausnahmeregel läuft Ende Jahr aus. Eine Lösung für mehr Schweizer Wein im Fondue haben die Branchen nicht gefunden.

von Stephan Moser

Das Schweizerkreuz wird auch bei sämtlichen Fertigfondues, die Emmi für den Export herstellt, verschwinden. (Bild: zVg)

Wie viel Schweiz steckt in einem Schweizer Fertigfondue? Natürlich Schweizer Käse, aber auch rund 35 Prozent Weisswein – und der stammt praktisch ausnahmslos aus dem Ausland. Ein normales Fertigfondue erfüllt also die Anforderungen der seit 2017 geltenden Swissness-Gesetzgebung nicht. Diese schreibt vor, dass mindestens 80 Prozent der Rohstoffe eines Lebensmittels aus der Schweiz stammen müssen, damit es als «schweizerisch» verkauften werden darf. Trotzdem durften die Fertigfondueproduzenten ihr Produkt bisher mit dem Schweizerkreuz aus­loben. Möglich machte das die sogenannte Qualitätsausnahme für Industriewein. 

Diese befristete Ausnahmeregel läuft nun aber Ende Jahr aus und wird nicht erneuert. Der Grund: «Die Schweizer Weinbranche un­terstützt die Qualitätsausnahme nicht länger, und ohne Zustimmung der Weinbranche gibt es keine Verlängerung durch das Bundesamt für Landwirtschaft», sagt Lorenz Hirt, Ge­schäftsführer des Verbands der Schweizerischen Schmelzkäseindustrie (SESK). Dem Verband gehören die drei industriellen Fertigfondue-Produzenten der Schweiz an: die Emmi Fondue AG, Hardegger Käse AG und die Strähl Käse AG. Zusammen produzierten sie 2019 rund 7400 Tonnen Fertigfondue. Für die Produ­zenten heisst das Aus der Qualitätsausnahme: Verwenden sie weiter ausländischen Weisswein, verlieren ihre Fondues die Swissness. 

Zu wenig Schweizer Wein

Wie ist es dazu gekommen? Als die Swissness-Gesetzgebung kam, zogen die Weinbranche und die Fondueproduzenten noch am selben Strang. Das Ausnahmegesuch für Industriewein hatten der SESK und der Branchenverband Schweizer Reben und Wein (BSRW) 2016 gemeinsam beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) eingereicht. Denn auf dem Schweizer Markt habe es damals nicht genug Weisswein gegeben, mit dem die Fondueprozenten die 80%-Regel hätten erfüllen können, erklärt Lorenz Hirt. Rund drei Millionen Liter Weisswein hätten die Fondueproduzenten damals jährlich gebraucht. «Kein Händler und kein Produzent konnte damals die von den Unternehmen benötigte Weinmenge in gleichbleibender Qualität garantieren», sagt Hirt. Das BLW gewährte deshalb die auf zwei Jahre befristete Qualitätsausnahme und erneuerte sie für die Jahre 2019/20. 

Streitpunkt war der Weinpreis

Die beiden Branchen beliessen es 2016 aber nicht bei dem Ausnahmegesuch, sondern setzten sich auch an einen Tisch, um zusammen einen Weg zu suchen, um mehr Schweizer Wein für die Produktion von Fertigfondue zu verwenden. Trotz vierjähriger Verhandlungen fanden die beiden Parteien allerdings keinen Konsens. «In einer gemeinsamen Sitzung Anfang dieses Jahres wurde deshalb der Prozess abgebrochen», sagt Lorenz Hirt. Gescheitert sind die Verhandlungen letztlich am Preis, wie beide Seiten bestätigen.

Konkret lagen zwei Vorschläge auf dem Tisch, wie Lorenz Hirt erklärt. Die Weinbranche wollte ein spezielles Weinsegment aufbauen, um kontinuierlich Wein für die Schweizer Industrie zu liefern. Der anvisierte Preis für diesen Schweizer Industriewein war den Fondueherstellern allerdings zu hoch. «Die Weinbranche wollte den Wein zum Preis von Landwein verkaufen. Auf dem EU-Markt kostet Industriewein gerade mal ein Fünftel dieses Preises», so Hirt. «Die höheren Preise des Endprodukts durch die Verwendung von Schweizer Wein ­konnten zumindest auf dem ausländischen Markt nicht durchgesetzt werden. Die ausländischen Kunden haben sozusagen flächendeckend entschieden, lieber auf das Schweizerkreuz zu verzichten, als die Preiserhöhung zu akzeptieren.» Im Ausland, wo rund 60 Prozent des Schweizer Fertigfondues verkauft wird, könne man mit Schweizer Wein als Zutat nicht punkten. «Der Konsument will Schweizer Käse, die Herkunft des Weins spielt keine Rolle.» 

«Nicht zu EU-Preisen produzieren»

Die Fondueprozenten ihrerseits schlugen der Weinbranche ein System zur Überschussverwertung vor. In Jahren mit grosser Weinernte hätten die Fondueproduzenten überschüssigen Schweizer Weisswein zu einem vordefinierten Preis übernommen. «Die Preise wären deutlich höher als der EU-Preis gewesen, aber deutlich tiefer als der Preis für Landwein», so Hirt. «Die Idee war ein Ventil zu schaffen, um bei Überschüssen den Gesamtmarkt stabilisieren zu können. Das Vorbild unserer Idee war die Segmentierung der Branchenorganisation Milch, die in den letzten Jahren half, den A-Milchpreis hoch zu halten.» In Jahren mit zu wenig Schweizer Wein hätten die Fondueproduzenten im Gegenzug nach wie vor ausländischen Wein verwenden dürfen. Doch auf diesen Vorschlag wollte die Weinbranche nicht einsteigen.

«Die Schweizer Weinbranche produziert zu Schweizer Kosten. Wir können uns nicht an EU-Preise angleichen», begründet Marco Romano, Tessiner CVP-Nationalrat und Präsident des Branchenverbandes Schweizer Reben und Wein (BSRW), den Standpunkt seiner Branche. Es gebe heute genug Schweizer Wein in der von der Käsebranche gewünschten Qualität, ausserdem würde Schweizer Wein das Fondue nur wenig verteuern, was auf dem Markt kaum ins Gewicht fallen würde, so Romano weiter. Man sei bereit, eine Lösung zu finden, aber «unrealistische finanzielle Einschränkungen» könne man nicht akzeptieren. Aus diesen Gründen unterstütze sein Verband auch die Ausnahmeregelung nicht mehr. Wenn die Fonduebranche Wert auf Swissness lege, dann müsse sie auch die Schweizer Weinbranche berücksichtigen, so Romano.

Käse ausloben ist weiter möglich

«Persönlich finde ich es sehr schade, dass ein urschweizerisches Produkt wie das Fondue voraussichtlich das Schweizerkreuz verliert», bedauert Hirt. Er hätte es begrüsst, wenn man eine Einigung mit der Weinbranche gefunden hätte. Die Qualitätsausnahme für Industriewein läuft Ende Jahr aus, eine Übergangsfrist gibt den Produzenten noch 12 Monate Zeit, die Schweizerkreuze auf ihren Verpackungen zu entfernen. Vor allem bei den Exportprodukten sei diese Umstellung bereits weitgehend geschehen, sagt Hirt. Allerdings spiele das Schweizerkreuz beim Verkauf von Fondue nicht die Hauptrolle. «Beim hochpreisigen Schweizer Fondue stand schon immer der Schweizer Käse im Vordergrund. Ausschliesslich dieser wird auf den Packungen besonders hervorgehoben und dies kann auch weiterhin so gemacht werden.» So sind Bezeichnungen wie «mit Schweizer Käse» oder die Angabe der verwendeten Käsesorten weiterhin zulässig

Das sieht auch Josef Hardegger von Hardeg­ger Käse aus Jonschwil (SG) so. «Ein ‹Appenzeller Fondue› ist als Marke stark genug, da braucht es nicht unbedingt noch ein Schweizerkreuz auf der Verpackung.» 

Auch Schweizer Wein im Gerberfondue

Auch Emmi wird bei sämtlichen Fertigfondues für den Export, zum Beispiel bei der Marke Chalet, künftig auf das Schweizerkreuz im Logo verzichten. «Der Schweizer Käse darin wird bereits heute ausgelobt», sagt Emmi-­Sprecherin Sibylle Umiker. «Wir rechnen nicht damit, dass unsere Käsefondues im Export ­aufgrund des fehlenden Schweizerkreuzes an Wettbewerbsfähigkeit verlieren werden.» Das Gerber-Fondue wird Emmi weiterhin mit dem Schweizerkreuz ausloben; neben aus­ländischem Wein verwendet Emmi dafür neu über die Hälfte Schweizer Weisswein, um die Anforderungen der Swissness-Verordnung zu erfüllen. Über die Auslobung der Swissness auf den Eigenmarken entscheiden laut Umiker die jeweiligen Kunden.

Vermehrt Importkäse im Fondue?

Mit dem Verlust der Swissness haben die Fertigfonduehersteller ein Verkaufsargument weniger. Dafür könnten sie künftig den Schweizer Käse in ihrem Fondue ganz oder teilweise durch günstigeren ausländischen Käse ersetzen.Bisher verarbeitete die Schweizer Schmelzkäseidustrie praktisch ausschliesslich Schweizer Rohstoffe. Letztes Jahr importierte sie gerade mal 54 Tonnen Käse, das sind weniger als 1 Prozent des gesamten Rohstoffverbrauchs. Setzt die Industrie mit dem Wegfall der Swissness nun vermehrt auf Importkäse?

Mit ausländischem Käse würde das Fertigfondue ein wichtiges Distinktionsmerkmal verlieren und hätte es schwer, mit den tiefen Preisen der ausländischen Produkte mitzuhalten, gibt Hirt zu bedenken. Bisher gebe es in der Branche aber keine Anzeichen dafür. «Importkäse kommt für uns nicht in Frage», sagt dazu Peter Strähl, Geschäftsführer der Strähl Käse AG aus Siegershausen (TG). «Wir sind Schweizer Käseproduzenten und setzen voll auf Schweizer Käse.» Auch für Hardegger Käse und Emmi ist Importkäse fürs Fertigfondue keine Option, wie beide Hersteller betonen. «Emmi und ihre in der Schweiz hergestellten Produkte stehen für Schweizer Milch», sagt Umiker.

stephan.moser@rubmedia.ch