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Wieviel «Hochtechnik» ist erwünscht?

Mit welchen Technologien sollen künftig Nahrungsmittel hergestellt werden, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern? Am 39. Lifefair Forum diskutierten Exponenten der Lebensmittelwirtschaft darüber.

von Hans Peter Schneider

Wieviel Technologie braucht es, um nachhaltige und gesunde Nahrungsmittel herzustellen? Der Titel der Diskussionsrunde, die von Lifefair organisiert wurde, liess auf spannende Voten schliessen. Es brauche nicht nur nachhaltig und gesund erzeugte Nahrungsmittel, sondern auch mehr Nahrungsmittel, wenn schon bald 10 Milliarden Menschen auf der Erde leben würden, sagte Dominique Reber, der Moderator des online durchgeführten Anlasses.

Doch die Ernährung trage auch zu einem grossen Teil zur Zerstörung des Planeten bei. Dort, wo der grösste Bevölkerungszuwachs geschehe, in Afrika und Asien, würden die Menschen vor allem in urbanen Zentren leben und müssten auch dort versorgt werden, sagte Béatrice Conde-Petit vom Foodtech-Konzern Bühler in Uzwil. Doch ein Drittel der Nahrung erreiche gar nie die Mägen der Verbraucher. Foodwaste fange schon auf den Feldern und in der Logistik der Nahrungsmittel an, so Conde-Petit.

Ausserdem würde die Klimaveränderung ihre Auswirkungen in der Nahrungsmittelproduktion schon jetzt zeigen. So würde zum Beispiel der Kakaoanbau vermehrt in höhere Regionen verschoben, in den Getreide-Hauptanbaugebieten der Erde, würde die Weizenerträge zurückgehen. Zusätzlich sei das knappe Wasser oft durch Bakterien oder Viren verseucht, sagte Conde-Petit. Jährlich würden 11 Millionen Menschen an den Folgen von schlechter Ernährung sterben.

Wenige Hauptpflanzen für viel Vieh

Damit sei «Business as usual» keine Option, sagte Petit-Conde. Ausserdem könne die Nahrungsgrundlage künftig nicht mehr nur auf vier Pflanzen, Soja, Mais Reis und Weizen, abgestellt werden, wobei 70 Prozent der Mais- und Sojaernte, zudem für Nutztiere bestimmt sei. Bei Nutztieren würden wiederum viele Antibiotika eingesetzt. «Wir züchten die nächste Pandemie mit unserem übermässigen Antibiotika-Einsatz», sagte Petit-Conde. Solche Zusammenhänge würden die versteckten Kosten der Nahrungsmittelproduktion, wie Gesundheitskosten und Schäden an der Natur erhöhen.

Lösung gegen zunehmende Pilzgifte

Eine der Lösungen, wenn es um die Sicherung der künftigen Lebensmittelversorgung geht, sah Petit-Conde in den modernsten Hightech-Maschinen für die Nahrungsmittelverarbeitung. Technologie könne einen grossen Beitrag leisten, gesündere Nahrungsmittel zu produzieren. Zum Beispiel gegen Mykotoxine in der Nahrung, denn Pilzgifte seien weltweit im Vorschmarsch, sagte Petit-Conde. Das Schimmelpilzgift Aflatoxin bedrohe weltweit 500 Millionen Menschen, wo es sich insbesondere mit Wachstumsverzögerungen und Leberkrebs äussern würde. Im Kampf dagegen könne Hochtechnologie einsetzt werden. So habe Bühler optische Sortierer entwickelt, die die Getreidekörner oder Erdnüsse aussortieren würden. In Bruchteilen von Sekunden könnten fallende Körner durch Kameras beobachten und die belasteten, schädlichen Körner mittels präzis gesteuertem Luftstrahl wegblasen.

Lösung: Leguminosen

Auch neue Nahrungsmittel würden Lösungen anbieten, um die künftigen Herausforderungen zu meistern. Zum Beispiel habe Bühler eine Maschine entwickelt, die aus einer Kombination von Weizen und Gelberbsen Teigwaren machen könne. Erbsen hätten als Hülsenfrüchte viel bessere gesundheitliche Aspekte und könnten sehr einfach und ohne Zusätze, nur gerade mittels Dampfeinsatz, verarbeitet werden. Zudem hätten Erbsen als Leguminosen, im Anbau einen viel tieferen ökologischen Fussabdruck.

Lösung: Nebenprodukteverarbeitung und Mikroalgen aus dem Tank

Auch fleischanaloge Produkte würden einen Teil zur Lösung beitragen, so Petit-Conde. So könnten zum Beispiel Presskuchen aus der Ölsaatenindustrie – welche bisher als Nutztierfutter verwendet wurden – mit einem neuen Extruder zu attraktiven Fleischersatzprodukten, veredelt werden. Das Ackerland gelte zwar heute noch als Tank zur Ernährung, werde in Zukunft jedoch zum Flaschenhals dieser, sagte Petit-Conde.

Damit bedeute auch das Potential von fermentativen Prozessen aus Biomasse, einen Weg in die Zukunft. So könnten Hefen und Mikroalgen in Tanks zum Wachsen angeregt werden. Mikroalgen hätten ein 6x mehr Biomasse als terrestrische Pflanzen. Damit könne man zum Beispiel Lachse füttern. Heute würde die blaue Farbe der Smarties zum Beispiel auch schon aus Mikroalgen gewonnen, sagte Petit-Conde. Das Potential fermentative Prozesse zu nutzen sei riesig. Um diese zugunsten einer nachhaltigen Ernährung zu nutzen, sei jedoch innovative Technologie der Schlüssel dazu.

Umstellung der Ernährungssysteme

«Unser Dasein belastet den Planeten», sagte Eva Reinhard, Chefin der Forschungsanstalt Agroscope. Dabei stehe die Land- und Ernährungswirtschaft im Spannungsfeld. Man müsse jedoch aufpassen, wo man Lösungen finden wolle. Es gebe bei den planetaren Belastbarkeitsgrenzen rote Bereiche. Reinhard ortete diese im Phosphor- und dem Stickstoff-Verbrauch, bei der Landnutzung, der genetischen Vielfalt und bei der Erwärmung des Planeten. Die Klimaziele würden eine Umstellung der Ernährungssysteme verlangen. Dabei stehe die Art und Weise wie wir essen würde, an oberster Stelle. Denn für Reinhard steht nicht nur die inländische Landwirtschaft im Kreuzfeuer der Kritik, sondern auch die Importe der Lebensmittelketten, hätten einen grossen Einfluss auf die Nachhaltigkeit und die Gesundheit.

Technische Entwicklung einbeziehen

Dennoch könne die Landwirtschaft nicht nur nach biologischen Grundsätzen produzieren. Damit würde rund ein Viertel weniger Nahrung produziert und die wachsende Menschheit wäre nicht ernährt. Es müsse im Gegenteil mehr Nahrung pro Hektar produziert werden, sagte Reinhard und: «Es braucht neue Züchtungen». Neue Sorten von Ackerkulturen müssten robuster gegen Schädlinge sein, die im Klimawandel vermehrt auftreten würden. Es nütze nichts, wenn man Forschung nur im Labor betreiben könne, aber nicht raus dürfe, wie die oberste Agrarforscherin auf das jüngst verlängerte Gentech-Moratorium anspielte. Die Gentech-Frage sei sowieso eine Frage der Wissenschaft. Zum Beispiel habe man im Obstbau mittels Gentechnologie einen feuerbrandrobusten Apfelbaum gezüchtet. Dies habe gerade mal 6 Jahre, statt wie in der konventionellen Züchtung, 25 Jahre gedauert. Man schaue nun von der Schweiz aus seit 20 bis 30 Jahren der Gentechnologie zu. Man habe aber noch immer nicht gemerkt, dass nichts «Gefährliches» passiert sei.

Ohne Gentechnik keine schnellen Lösungen

Reinhard verwies auf das in diesem Jahr aufgetretene Problem im Zuckerrübenanbau, wo die viröse Vergilbung für grosse Ertragsausfälle gesorgt hat. Ohne Gentechnologie werde man hier wahrscheinlich nicht schnell genug eine Lösung finden, so Reinhard. Dabei gebe es genügend Erfolgsgeschichten für Gentechnologie. Zum Beispiel im Papaya Anbau auf Hawaii, der trotz Trockenheit jetzt mit trockenheitsresistenten Sorten, erfolgreich betrieben werde.

In der Schweiz gehe es heute darum, Betroffenheit zu schaffen, damit die Bevölkerung realisiere, dass Technologie helfe, Lösungen für drängende Probleme zu schaffen. Damit könne vielleicht für den Pflanzenbereich Akzeptanz erzeugt werden um die Menschen für neue Methoden in der Züchtung, wie zum Beispiel für CrispCas, zu gewinnen, sagte Reinhard. Dazu gehöre aber Transparenz und man müsse den Konsumenten aufzeigen, was man mit CrispCas erreichen möchte, denn es sei eine gesellschaftliche Frage. Je grösser die Probleme auf dem Planeten würden, umso mehr müsse man sich mit dem ganzen Arsenal der Optionen auseinandersetzen, so Reinhard.

In die Zelle «eingreifen»

Wenn CrispCas erlaubt wäre, dann hätte man schon lange das Problem der Kükentötung gelöst, sagte Thomas Paroubek, Leiter Direktion Nachhaltigkeit und Qualität bei der Migros in der anschliessenden Diskussionsrunde. Ein No-go ist die Gentechnologie hingegen für Bio Suisse-Präsident Urs Brändli. Für ihn gilt: «Bio greift nicht in die Zelle ein». Dies obwohl CrispCas nur ein Skalpellschnitt sei. Doch Gentechnologie habe die industrialisierte Landwirtschaft noch industrialisierter gemacht. Brändli sieht in der Nahrungsmittelproduktion eher anderweitig Handlungsbedarf. Zum Beispiel in der Fruchtbarerhaltung der Böden, oder in der Reduktion von Foodwaste, aber auch indem weniger Fleisch konsumiert werden soll. Währenddessen diese Aufgaben angegangen würden, könne CrispCas weiter getestet werden, sagte Brändli. Er sehe aber auch, dass Bio nicht die Lösung sei, um die Welt ernähren zu können, vielmehr gehe es darum, dass mit Bio ein nachhaltiges Konsumverhalten erreicht werde. Und wenn es um authentische, natürliche Lebensmittel gehen würde, die ohne Farb- und andere Zusatzstoffe produziert worden seien, dann sei Bio immer noch erste Wahl, so Brändli.

Frage des Preises
Wissenschaftlich gesehen seien Bioprodukte für den menschlichen Organismus sowieso nicht gesünder als Konventionelle, sagte Reinhard. Der Mehrpreis für Bio sei beträchtlich, sagte Brändli. Doch hochgerechnet für eine 4-köpfige Familie betrage dieser 800 Franken pro Jahr. Im Vergleich mit dem neuesten iPhone sei das eigentlich nicht viel, sagte Brändli. Viel mit dem Preis habe auch zu tun, ob man mit landwirtschaftlichen Produkten selber koche oder hochverarbeitete Nahrungsmittel einkaufen würde. Zur Frage des Preises, stellte sich auch die Hypothese, ob künftig gesunde Nahrung zum Privileg der Reichen werde. Oder:  «Wird Algennahrung aus dem Tank für die Normalsterblichen erschwinglich?», wie der Moderator Dominique Reber fragte.

Ein Konsument solle seine Konsumentscheide aufgrund von Informationen fällen und die Wahlfreiheit haben, sagte Petit-Condé. Für Claudio Beretta sind einfach die Nahrungsmittel heute zu billig. Es entstehe ein verzerrtes Bild. Wenn nur Ökoprodukte angeboten würden, dann wäre das billiger, denn die externen Kosten wären einberechnet. «Für unsere Kinder wird die Nahrung nur günstiger, wenn wir jetzt anfangen nachhaltig zu produzieren», sagte der ZHAW-Forscher. Technologie könne etwas beitragen, Nahrungsmittel gesünder und nachhaltiger zu produzieren. Doch nur wenn sie richtig angewendet werde, so Beretta. Denn Technologie könne auch in die falsche Richtung führen, so wenn bei Früchten der Zucker raffiniert werde, nur weil die Menschen diesen Zucker, der natürlicherweise gar nicht vorkomme, unglaublich gerne hätten. «Man sollte Zuckerprodukte stark verteuern oder sogar verbieten», sagte Beretta. Auch Petit-Conde forderte, dass der Fleisch- und Zuckerkonsum auf ein gesundes Mass reduziert werden müsse, dafür sollte derjenige von Früchten, Gemüse steigen. Ob denn zum Beispiel Migros nicht einfach das «richtige» Sortiment bereitstellen könnte? Diese Frage werde oft gestellt, sagte Migros-Mann, Thomas Paroubek. Man wolle vielmehr transparent sein. Also zeigen, welche Emissionen ein Produkt bei der Herstellung erzeuge.

Ein Auszeichnungssystem – viele Meinungen

Auch oft werde die Frage gestellt, warum es denn keine App gebe, womit die Auswirkungen eines Nahrungsmittels, bezüglich seiner Nachhaltigkeit, schnell und zuverlässig zeigen würde? Da gebe es noch keine zuverlässigen Tools und zudem werde man sich da nicht einig, sagte Eva Reinhard. Jeder der von einer bestimmten Branche kommt, möchte andere Kriterien benützen und die Werte unterschiedlich berechnet haben, so Reinhard und sagte: «Eine App, die von allen akzeptiert wird, ist praktisch unmöglich».

hanspeter.schneider@rubmedia.ch