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Aus Schweizer Rüben entsteht Ethanol

Ab Herbst produziert die Zuckerfabrik in Aarberg Ethanol. Erstmals seit 12 Jahren ist dann wieder Schweizer Ethanol verfügbar. Die Zuckerproduktion bleibt davon unbeeinträchtigt.

von Jonas Ingold/lid

In Aarberg produziert die Zuckerfabrik künftig auch Ethanol. (Bild lid)
Wenn die Zuckerrüben von den Feldern in die Zuckerfabrik gelangen, entsteht dort nicht nur Zucker. Aus der anhaftenden Erde produziert die Fabrik auch Blumenerde und die Rübenschnitzel sind ein beliebtes Viehfutter. Im letzten Verarbeitungsschritt entstehen Rohzucker und Melasse. Letztere wird ebenfalls im Viehfutter verwendet – und neu zur Produktion von Ethanol.

Ein «Craft Ethanol»
Alcosuisse und die Schweizer Zucker AG (SZU) haben ein Verfahren entwickelt, um aus der Melasse das Ethanol zu gewinnen. Laut Alcosuisse handelt es sich um eines der qualitativ höchstwertigsten Ethanole überhaupt – es sei ein eigentliches «Craft Ethanol». Die SZU stellt es ab Herbst in der Fabrik in Aarberg her. Rohstoff sind die Zuckerrüben aus der Region, produziert wird das Ethanol in einer für Wodka konzipierten Anlage.
Nach der Destillation gelangt das Roh-Ethanol zu Alcosuisse nach Delémont, wo die Feinanalytik, eine Mikrofiltration, die Sedimentierung, verschiedene Mischrezepturen und die Verpackung umgesetzt werden.
Die Anbaufläche von Zuckerrüben hat in den letzten Jahren abgenommen, die Nachfrage nach Schweizer Zucker kann nicht befriedigt werden. Wird es aufgrund der Ethanolproduktion noch weniger Schweizer Zucker geben? Nein, sagt Guido Stäger, CEO der SZU. Die Zuckerproduktion werde nicht geschmälert, weil das Ethanol aus der Melasse gewonnen werde. «Und es wird auch in Zukunft genügend Melasse für den Futtermittel-Kanal zur Verfügung stehen», betont Stäger.
Ethanol ist seit rund einem Jahr ein vielgefragtes Gut. Die Corona-Pandemie liess die Nachfrage nach Desinfektionsmitteln explodieren, sie waren im Frühling 2020 gar Mangelware. Schweizerinnen und Schweizer suchten überall nach Möglichkeiten, noch das ein oder andere Fläschchen aufzutreiben. Die Schweiz hatte weder eine eigene Produktion – die letzte relevante wurde vor rund 50 Jahren aufgegeben – noch Pflichtlager. Mit der einheimischen Produktion soll damit auch die Versorgungssicherheit verbessert werden.

Ein guter Anfang
700’000 Liter reines Ethanol kann die Anlage in Aarberg pro Jahr produzieren. Das reicht nicht, um den Bedarf der Schweiz zu decken. Es sei aber ein immens wichtiger Eckpfeiler in einem Gesamtkonzept einer vernünftigen Absicherung der Versorgungssicherheit und eine ideale Ergänzung zu den geplanten Pflichtlagern, heisst es bei SZU und Alcosuisse.
Das neue Schweizer Ethanol heisst CH1+. Es wird in zwei Varianten angeboten. CH11 ist für den Einsatz im Trinkbereich konzipiert und dient als Rohstoff für Spirituosen. CH15 ist das Ausgangsmaterial für sämtliche anderen Anwendungen wie Kosmetik oder Desinfektionsmittel.
Läuft alles nach Plan, ist das Schweizer Ethanol ab Ende Jahr im Handel.