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Kleines Land mit grossem Hunger

Wie problematisch sind Schweizer Rohstoffimporte aus ökologischer Sicht? Sehr problematisch, finden WWF und Greenpeace, am schlimmsten sei Soja. In den neuesten Zahlen wird das Engagement der Branche mit einbezogen, was ein besseres Resultat ergibt.

von hps

Der Sojaimport in die Schweiz stammt immer mehr aus europäischen Quellen.
Gemäss WWF braucht die Schweiz 2,2 Millionen Hektar Agrarfläche im Ausland.
Der Hunger der Schweizer nach land- und forstwirtschaftlichen Rohstoffen nimmt viel Land im Ausland in Anspruch. Verschiedene NGO prangern dies seit langem an. Der WWF zeigte in einer Studie vom Dezember 2020 auf, welche Treibhausgasemissionen durch Schweizer Rohstoffimporte verursacht werden. So würden die für den Schweizer Konsum bestimmten acht Produktgruppen Kakao, Kokosnuss, Kaffee, Palmöl, Zellstoff und Papier, Soja, Zuckerrohr und Holz insgesamt 2,2 Millionen Hektaren Felder und Wälder in anderen Ländern beanspruchen. Diese Fläche entspricht gemäss WWF der Hälfte der gesamten Landfläche oder fast der doppelten Waldfläche der Schweiz. 
Kaffee, Kakao und Palmöl
Beim Kakao zum Beispiel stammen lauf WWF mehr als die Hälfte der Schweizer Importe aus Ländern, wo ein hohes Entwaldungsrisiko besteht. Gemessen am 0,1-prozentigen Anteil der Schweiz an der Weltbevölkerung sei der Fussabdruck durch die Kakao-Importe mit drei Prozent des globalen Kakao-Fussabdrucks sehr hoch, so der WWF. 
Auch den Kaffee hat der WWF ins Visier genommen. Zwei Prozent der weltweiten Kaffeeproduktion werden in der Schweiz erzeugt. Dabei würden fast drei Viertel der Kaffeeimporte der Schweiz (72 Prozent) aus Ländern stammen, in denen ein sehr hohes Entwaldungsrisiko bestehe. 
Auch durch den Hunger auf Palmöl entsteht ein Druck auf ursprüngliche Wälder. So kommt der WWF zum Schluss, dass 45 Prozent der untersuchten Ölpalmenplantagen in Südostasien in Gebieten liegen, die 1989 noch Wälder waren. Auch die Schweiz importiert jährlich 63000 Tonnen Palmöl. Die Fläche, die im Ausland zur Deckung der Schweizer Nachfrage nach Palmöl benötigt wird, betrug zwischen 2015 und 2019 durchschnittlich fast 25000 Hektaren pro Jahr.
Den grössten Druck auf die noch bestehenden Urwaldflächen verursacht laut WWF aber der Sojaanbau. Die Sojaproduktion hat gemäss Studie seit den 1960er-Jahren um den Faktor acht zugenommen und sich zwischen 2000 und 2018 verdoppelt, wie auch Greenpeace in einer kürzlich veröffentlichten Studie schreibt. Dieses Produktionswachstum kam vor allem in den drei Ländern Argentinien, Brasilien und USA zustande. In der Schweiz sank gemäss der Pflichtlagerorganisation Réservesuisse der Import von Sojaextraktionsschrot- und Sojakuchenimport von 283400 Tonnen im Jahr 2010 auf 256587 Tonnen im Jahr 2019. Der Anteil von Soja aus Brasilien hat sich im gleichen Zeitraum halbiert*. 
Fussabdruck weniger tief
Die negative Darstellung der NGO wollten die Schweizer Sojaimporteure- und Händler nicht stehen lassen. Das Soja Netzwerk hat die Zahlen der Studie zusammen mit dem WWF nochmals überprüft. Neu wird jetzt berücksichtigt, dass die Schweiz seit 2015 Futter-Soja aus Brasilien ausschliesslich segregiert und nach ProTerra-Standard zertifiziert aus rodungsfreier Produktion (Stichdatum 2008) beschafft. Die Neuberechnung hat zur Folge, dass die Treibhausgasemissionen für brasilianische Futter-Soja um 60% von 1,18 Millionen Tonnen auf 466000 Tonnen CO2 sinken. Der durchschnittliche Fussabdruck der gesamten Sojaimporte (roh und verarbeitet in Produkten) reduziert sich damit von 1,8 Millionen auf 1,09 Millionen Tonnen CO2. Der Anteil an zertfiziertem Soja liege heute zwischen 94 und 96 Prozent, sagt Stefan Kausch, Geschäftsführer des Sojanetzwerks. Interview Stefan Kausch
Nicht transparent?
Für die Agrarökonomin Priska Baur bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Die Zahlen des Soja Netzwerkes seien nicht nachvollziehbar, sagt Baur, die im Rahmen einer ZHAW-Studie zu anderen Resultaten gekommen ist. Zwar bemühe sich das Netzwerk seit 2010, nur noch Soja aus sogenannt «verantwortungsbewusster Produktion» zu importieren. Diese Standards seien aber viel zu tief angesetzt, sagt Baur. Ausserdem werde nicht veröffentlicht, wieviel Soja nach welchem Standard produziert werde und wie viel Soja aus welchem Anbauland stamme: «Die Soja-Lieferketten in die Schweiz sind nicht transparent.»
Klar gebe es immer Verbesserungspotenzial, sagt Kausch und man nehme die Forderung nach mehr Transparenz durchaus ernst. Dazu habe das Soja Netzwerk auch umfangreiches Datenmaterial auf der eigenen Website bereitgestellt. (www.sojanetzwerk.ch) Darunter die Anbaugebiete und die 35 durch ProTerra zertifizierten landwirtschaftlichen Betriebe aus Brasilien, woher die Schweizer Soja stammt, inklusive einer vom HAFL durchgeführten Wirkungsstudie. 
*Laut Statistik der Eidgenössischen Zollverwaltung (EZV) wurden 2018 279707 t Soja in die Schweiz eingeführt, davon 260192 t (93%) in Form von Presskuchen. Die nach Menge wichtigsten Herkunftsländer waren Brasilien mit 98828 t, Russland mit 63355 t, Italien mit 42716 t, die Niederlande mit 22441 t und Deutschland mit 17740 t.
Wunderpflanze Soja
Soja sei eine fantastische Pflanze, die aber wegen ihrer massenhaften Verwendung als Tierfutter in Verruf geraten sei, sagt Priska Baur. In Asien sei nährstoffreiche Hülsenfrucht schon seit Jahrhunderten bekannt, dies weil die Leguminose wertvolle Aminosäuren enthalte, und ursprünglich nur für den Menschen genutzt worden sei. Auch heute gilt für Baur: «Die Sojabohne ist ein Nahrungsmittel für den Menschen». Im Westen war das Interesse lange Zeit nicht vorhanden. Denn Hülsenfrüchte waren, wie Linsen und Bohnen, Nahrung für die «Armen», so Baur. Der Westen begann sich erst für die kleine gelbe Proteinbombe zu interessieren, als nach dem zweiten Weltkrieg in den USA eine riesige Geflügelindustrie mit masthybriden Hühnern entstand und Soja in riesigen Mengen als Futter eingesetzt wurde. Dabei entstand Sojaöl als Nebenprodukt für die menschliche Ernährung. Bald gab es jedoch zu viel Sojaöl und die USA begannen, dieses zu exportieren – in Industrieländer, aber auch in Entwicklungsländer, was dort den einheimischen Ölsaatenanbau schädigte, wie Baur sagt. Für sie ist klar, dass Soja zuerst auf dem Speiseplan der Nutztiere stand und erst danach das Öl als «Abfallprodukt» für den Menschen dazukam. Damit sei Sojakuchen-/ und Schrot kein Nebenprodukt, hält sie fest. Sojaöl hat sich jedoch in der amerikanischen Küche etabliert und stellt auch heute noch das am meisten verwendete Pflanzenöl in der Küche dar.