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Nestlé-Dokument: Mehrzahl der eigenen Produkte ist ungesund

Nestlé gibt in einem internen Dokument selber zu, dass man vor allem ungesundes Essen verkauft. Das berichtet die «Financial Times».

von pd/hps

Dieses Fazit wird Nestlé-CEO-Mark Schneider nicht gerne hören: Mehr als 60 Prozent der Lebensmittel und Getränke des weltgrössten Nahrungsmittelkonzerns sind ungesund. Dies hat der Konzern in einem internen Dokument selber eingestanden, wie die Handelszeitung meldet und sich dabei auf einen Artikel der «Financial Times» beruft. «Einige unserer Produktkategorien und Produkte werden nie gesund sein, unabhängig davon, wie stark wir sie verändern», heisst es in dem Dokument.
Diese Selbsteinschätzung passe nicht zur der Vision des CEO für Nestlé, wie die Handelszeitung weiter schreibt. Seit seinem Start 2017 versucht der deutsche Konzernchef, das Angebot konsequent auf Gesundheit und Nachhaltigkeit auszurichten. Schneider habe Dutzende Artikel und Marken verkauft, die nicht dieser Vision entsprechen – und im Gegenzug «Brands» und Produkte übernommen, die heute gefragt sind. Schokolade und Süssgetränke fallen aus dem Sortiment, Vitamine und vegane Burger kommen hinzu.
Die Leute wollen «Junk Food» essen
Gemäss dem internen Dokument würden am Umsatz gemessen aber nur 37 Prozent aller Lebensmittel und Getränke ein Rating über 3,5 (von 5) erhalten, gemäss des australischen Gesundheits-Messsystems und könnten somit als gesund gelten. Das australische Rating ist unter Gesundheitsexpertinnen international anerkannt.
In diesen 37 Prozent sind spezialisierte Produktkategorien – etwa Tierfutter, Kaffee oder Babynahrung – nicht berücksichtigt. Auf den Gesamtumsatz von 92,6 Milliarden Franken im Jahr umgerechnet erzielt Nestlé also die Hälfte davon mit ungesunden Produkten.
Für Gesundheitsexpertin Marion Nestle (keine Verbindung zum Konzern) von der New Yorker Universität Cornell kommt diese Einschätzung nicht überraschend. «Nahrungsmittelhersteller haben die Aufgabe, Geld für die Aktionäre zu schaffen, und dies so schnell und in so grosser Menge wie möglich. Sie werden deshalb Produkte verkauften, die von der grossen Masse gefragt werden. Und was die Leute vor allem haben wollen, ist Junk Food – ungesundes Essen», sagte Nestle der «FT».
Weiter zitiert die «Financial Times» aus der Nestlé-Präsentation, dass die Produkte deutlich verbessert worden seien. Aber das Portfolio schneide immer noch unterdurchschnittlich ab, wenn es um externe Definitionen von Gesundheit geht.» Dies scheint Nestlé zu beunruhigen, denn danach verweist der Konzern auf die zunehmenden Anforderungen der Kunden und der regulatorischen Behörden.
7,1 Gramm Zucker pro 100 Milliliter
Nestlé nennt ein weiteres Beispiel: So hat ein San-Pellegrino-Getränk mit Orangengeschmack ein «E» beim Gesundheitsbewertungssystem Nutriscore, das auch in der Schweiz vermehrt zur Anwendung kommt. Denn das gesüsste Mineralwasser hat 7,1 Gramm Zucker pro 100 Milliliter, woraufhin Nestlé die Frage aufwirft: «Sollte eine gesundheitsorientierte Marke ein E haben?»
Nestlé schreibt, dass man an einem unternehmensweiten Projekt arbeite, um die Ernährungs- und Gesundheitsstrategie zu aktualisieren. Man wolle sicherstellen, dass Nestlé-Produkte dazu beitragen, die Ernährungsbedürfnisse zu erfüllen und eine ausgewogene Ernährung zu unterstützen. So habe man den Zucker- und Natriumgehalt in den Produkten in den letzten zwei Jahrzehnten stark reduziert.