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Der Unverpackt-Trend erreicht die Detailhandelsriesen

Bier vom Zapfhahn direkt in die Flasche: Neu setzt auch Coop in seinen Supermärkten auf den Trend «verpackungsfrei». Damit dringen die Detailhandelsriesen in den Markt von Läden vor, die sich komplett der Nachhaltigkeit verschrieben haben. Doch diese haben keine Angst vor der mächtigen Konkurrenz.

von awp

Bei Coop können Kundinnen und Kunden neu Mineralwasser und Bier in eigene Flaschen abfüllen. (Bild zVg)
Ab sofort können die Kunden von Coop in ersten Läden selbständig Bier und Mineralwasser in eigene Flaschen abfüllen. Ab dem Sommer testet der Detailhändler zudem weitere Abfüllstationen, an denen flüssige Wasch- und Geschirrspülmittel und haltbare Lebensmittel wie Reis oder Haferflocken selber abgefüllt werden können. Coop führt das Angebot in mehreren Supermärkten in der ganzen Schweiz ein, wie das Unternehmen am Mittwoch mitteilte.
Damit folgt Coop auf seine grösste Konkurrentin Migros. Auch sie hat vergangenes Jahr testweise Unverpackt-Stationen in ihren Läden eingeführt. Erst vor wenigen Tagen teilte sie mit, der Pilotversuch habe so gut funktioniert, dass sie ihr Unverpackt-Angebot nun auf weitere Regionen und Läden ausweite.
Nachhaltigkeit als Verkaufsargument
Mit dem Unverpackt-Sortiment reagieren die beiden Detailhändler auf das steigende Umweltbewusstsein ihrer Kundschaft. Denn Nachhaltigkeit liegt im Trend, gerade im Zuge der aktuellen Klimadebatte. Die Detailhändler setzen alles daran, ihr Engagement für den Klimaschutz immer wieder unter Beweis zu stellen. Und das Kapitel «Nachhaltigkeit» gehört längstens in jeden Geschäftsbericht.
Coop habe bereits über 30000 Tonnen Verpackungsmaterial reduziert oder optimiert, heisst es denn auch im Communiqué von Coop. Die Migros gibt an, seit Einführung ihrer Verpackungsfrei-Stationen letzten Herbst schon über 42500 Einwegverpackungen gespart zu haben.
Aber ist das Unverpackt-Sortiment denn tatsächlich umweltfreundlicher? Ja, sagt eine Coop-Sprecherin auf Anfrage. Denn die Lebensmittel werden in viel grösseren Gebinden transportiert, was nicht nur beim Endverkauf, sondern bereits bei der Lagerung und beim Transport Verpackungsmaterial spare.
Unverpackt-Läden fürchten nicht um Kundschaft
Olivier Richard, Gründer des Westschweizer Franchisings «Chez Mamie», das sich dem Verkauf nachhaltiger und unverpackter Produkte verschrieben hat, hält das Engagement der beiden Detailhändler jedoch für wenig glaubwürdig: «Sie machen das, um Geld zu verdienen, weil sie eine steigende Nachfrage spüren. Doch das funktioniert nicht», behauptet er.
Denn bei Unverpackt-Läden regiere nicht bloss der Profit: «Bei uns steckt auch ein ethisches und philosophisches Konzept dahinter, dass wir den Planeten schützen und die Produzenten absolut fair entlöhnen wollen», sagt er. Das könne durch Grossproduktion schlicht nicht erreicht werden.
Dennoch will Richard das Engagement der Detaillisten nicht komplett verteufeln: Dass sie die Aufmerksamkeit auf das Thema «Unverpackt» lenken, findet er grundsätzlich gut.
Iris Huber, Gründerin des verpackungsfreien Ladens «Bare Ware» aus Winterthur freut sich darüber, dass mit dem Einstieg der Detailhändler der Verkauf unverpackter Produkte breiter gestreut wird. Aber sie betont auch, dass das Engagement dort nicht aufhören dürfe: «Wir Unverpackt-Läden haben nebst der Reduktion von Abfall noch weitaus grössere Ziele, an denen wir kontinuierlich arbeiten», sagt sie.
Dazu gehörten nebst fairer und nachhaltiger Herstellung auch ein bewusster Konsum und das Vermeiden von Food Waste. «Daher werden schnell verderbliche Produkte bei uns nur in kleinen Mengen angeboten», so Huber.
Angst, dass seine Kunden zu den Detailhändlern überlaufen könnten, hat ihr Konkurrent Richard keine. Man habe eine ganz andere Klientel, die gerne etwas mehr bezahle für fair und lokal produzierte Bio-Ware. «Zudem kennen unsere Verkäuferinnen und Verkäufer sämtliche Produkte und sogar deren Hersteller sehr gut», sagt er. In einem grossen Laden wie Migros oder Coop fehle dieser persönliche Kontakt.
Erst kaufen, dann füllen
Dass sie ihre Kunden nicht wie die Unverpackt-Läden 1:1 betreuen, sorgt beim Unverpackt-Angebot der Detailhändler für eine organisatorische Hürde: Weil jeder mitgebrachte Behälter unterschiedlich schwer ist, ist das Wiegen der Ware eine Herausforderung. Sowohl bei der Migros als auch bei Coop kann man deshalb aktuell noch nicht jedes beliebige Produkt in einen Behälter von zuhause abfüllen.
Beim Mineralwasser bei Coop sei das zwar bereits möglich, sagte eine Coop-Sprecherin auf Anfrage. Man wiegt die Flasche bereits vor dem Befüllen, sodass beim zweiten Wiegen nur noch das Füllgewicht zählt. Für andere Produkte, wie beispielsweise beim Waschmittel und auch beim Bier, muss man allerdings erst einen Mehrwegbehälter kaufen, den man dann befüllen kann.
Auch bei der Migros sagte ein Sprecher auf Anfrage, dass es momentan noch nicht möglich sei, die verpackungsfreien Produkte ins eigene Tupperware oder den mitgebrachten Glasbehälter zu füllen. Aktuell muss man sich ein Mehrweg-Stoffsäcklein oder eine Papiertüte kaufen. Eine Lösung, damit man bald seine eigenen Behälter nutzen kann, sei aktuell allerdings in Arbeit.