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Grosses Potenzial der Digitalisierung

Wenn Big Data richtig genutzt wird, birgt dies viel Potenzial für die Nahrungsmittelindustrie. Am Ostschweizer Food Forum wurde über Roboter, Satelliten, aber auch über Mikrobiome gesprochen.

von hps

Olaf Deininger: «Künstliche Intelligenz» (KI), ist mittlerweile für den Mittelstand erschwinglich. (Bilder: zVg)
«Das «Internet of bodies» wird noch spannender als das «Internet of things» (IoT). André Bernard, Mitglied des Strategierates bei der Stiftung Innocuisine und Gründer der Matriq AG.
Stephan Feige, Unternehmensberater htp St. Gallen, präsentierte sein Projekt der Online Käse-Degustationen.
An der neunten Durchführung des Ostschweizer Food Forum Ende Mai in Weinfelden stand das aktuelle Thema «Digitalisierung» im Mittelpunkt. Die Referenten gaben einen Einblick darüber, wie wir in der digitalen Welt die Kontrolle über unser Essen behalten könnten und gaben einen faszinierenden Blick in eine neue Esskultur. Nur «digital» wollte sich das Forum aber nicht geben. Es gehe vielmehr darum, die beiden Welten «analog» und «digital» gekonnt miteinander zu verbinden, wie die Organisatoren des Forums, Simone May von Agro Marketing Thurgau und Frank Burose vom Kompetenznetzwerk Ernährungswirtschaft sagten. «Die Digitalisierung hat gerade erst richtig Fahrt aufgenommen», sagte Olaf Deiniger, Wirtschaftsjournalist und Autor des Buches «Food Code» und brachte in seinem Vortrag gleich einige Beispiele, wo künstliche Intelligenz (KI) genutzt wird.  
Auf Schneckenjagd
So in der Landwirtschaft, wo das Institut für Agrarwissenschaften der Uni Kassel einen Roboter-Prototyp, den «MSR-bot» entwickelte, der nachts auf Schneckenjagd geht. Der kleine Roboter unterscheidet zuverlässig mittels Bilderkennungssystem die Schneckenarten und töte die schädlichen. Weil sich der Roboter an die Stelle erinnert, wo er eine Schnecke zweigeteilt hat, besucht er diese Stelle immer wieder und wird fündig, weil Schnecken Kannibalen sind und sich über tote Artgenossen hermachen. «Der Roboter wird mit Sonnenstrom betrieben und kann tagsüber aufgeladen werden», erklärte Deininger.
Auch in der Tierhaltung hält die Digitalisierung Einzug. Zum Beispiel können mit «Calf Monitoring» Systemen die Tiere einzeln observiert werden und Verhaltensänderungen sofort gemeldet werden.  
Mit Satelliten die Welternährung überwachen: Dieses Ziel hat sich das Start-up onesoil.ai aus Minsk gesetzt, das auch eine Filiale in Zürich führt. Ackerkulturen werden in Echtzeit erkannt, erfasst und digitalisiert, mit genauen Resultaten darüber, wie viel von welchen Kulturen angebaut wird, wie Deininger erklärte. Mit den Daten kann auch der Wachstumsverlauf im Vergleich zu anderen Feldern eruiert werden und die Erträge können im Voraus geschätzt werden. Heute werden laut Deininger schon sechs Prozent der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche beobachtet – rund 80 Millionen Hektaren. Diese Systeme böten zwar Chancen zur Verbesserung von Böden und Anbaumethoden, könnten aber auch Gefahren bergen, wenn die Daten verfälscht und etwa die Agrarpreise manipuliert werden, sagte Deininger.
Welche Beilage auf dem Teller?
Künstliche Intelligenz kann auch eruieren, welche Beilagen auf den Tellern von morgen zu finden sein werden. Tastewise.io aus Tel Aviv analysiert Milliarden von FoodPosts aus Social-Media-Interaktionen, Rezepten und Restaurantsmenükarten und stellt die gewonnenen Daten Gastronomen aus der ganzen Welt zur Verfügung. Diese erhalten so Einblick, wie sich bestimmte Menükreationen und Foodtrends entwickeln. Das Unternehmen setzt sich zum Ziel, alle Speisekarten der Welt zu digitalisieren und spricht sogar vom Ende der bisherigen Marktforschung. Wenn Online-Portale wie Yelp oder Trip Advisor, die 1000-fache Reichweite der gedruckten Vorgänger schafften, dann stehen auch 1000-fach mehr Daten zur Verfügung, die genutzt werden könnten, sagte Deininger.
Brezel, Torte oder einfach Brot?
Das Start-up Meteolytix aus Kiel bietet ein Prognosesystem, das kleinen und mittelgrossen Bäckereien helfen soll, in den nächsten Tagen jeweils die richtigen Mengen zu backen und Food Waste zu vermeiden. Meteolytix erstellt täglich eine Million Prognosen, wie Deininger sagte. Aus den Verkaufsdaten der letzten fünf Jahre kombiniert mit den Meteodaten der nächsten fünf Tage entsteht eine Prognose darüber, was die Kunden am nächsten Tag essen werden. Viele weitere Daten wie Feiertage, Werbeaktionen oder Ferien – total über 400 Faktoren – fliessen mit ein und werden verarbeitet.
«Künstliche Intelligenz ist im Mittelstand angekommen», sagte Deininger. Wenn damit nur einige Torten nicht weggeworfen müssten, dann rechne es sich mit 100 Euro Kosten pro Monat. Heute würden Prognosesysteme im Einzelhandel Einzug halten. Das heisse auch, dass die Lieferketten und die Arbeitsschritte jederzeit einsehbar seien. Wenn zum Beispiel die Datenlage der nächsten Woche einen um 10 Prozent tieferen Milchkonsum vorhersage, könnten die Milchproduzenten die Kraftfuttergaben schon heute runterfahren.
Diese neuen Systeme, die durch KI möglich werden, sollen auch helfen, die Lebensmittelwirtschaft nachhaltiger zu machen. So rechnet Deininger mit einem um 30 Prozent tieferen Ressourceneinsatz, wenn weniger Food Waste geschieht. Denn weltweit würden jährlich 20 Millionen Tonnen Lebensmittel erzeugt, geerntet, verpackt, transportiert, gekühlt, verarbeitet, veredelt, neu verpackt, umverpackt, eingeräumt, ausgeräumt, gescannt – und – weggeworfen!
Prognosesystem schont Nerven
Auch Thomas Rohn, Geschäftsführer der Sancofa AG will verhindern, dass altes Brot weggeworfen wird. Seine Firma hat auch ein System für Bäckereien entwickelt, das mit ähnlichen Daten, wie oben erwähnt, Verkaufsprognosen erstellt. Dieses für jede Bäckerei erschwingliche System ändere das Bestellsystem komplett und gewährleiste so, dass das richtige Produkt zur richtigen Zeit in der richtigen Qualität an den richtigen Ort gelange, sagte Rohn: «Wir sagen die Zukunft voraus». Viele Bäcker seien erst skeptisch gewesen, einen Computer ihre Bestellungen ausführen zu lassen. Doch bald hätten sie gemerkt, dass Prognosesysteme nicht nur helfen würden, Foodwaste zu vermindern, sondern auch Sortimentsbereinigungen zu machen. Mit diesem Tool sei es möglich das Kaufverhalten der Kunden besser zu kennen, so Rohn und: «Die Nerven des Verkaufspersonals werden dabei geschont».
Internet of bodies» wird spannend
Die Digitalisierung sei eine Tatsache, sagte André Bernard, Mitglied des Strategierates bei der Stiftung Innocuisine und Gründer der Matriq AG. Die neuen Haustiere würden «Alexa», «Echo», «Amazon» oder «Siri» heissen. Die Weiterentwicklung der Digitalisierung geschehe rasant, dabei werde das «Internet of bodies» noch spannender als das «Internet of things» (IoT), war Bernard überzeugt. Die Körperdatenüberwachung werde von immer mehr Menschen eingesetzt. Sogenannte «Ovulationsarmbänder» seien nur ein Beispiel. Wenn die Kosten einmal genug tief seien, würden Techniken der «genomischen Revolution» von der breiten Bevölkerung eingesetzt werden. Zum Beispiel USB-Sticks zur sofortigen DNA-Analyse – um «alles über mich zu erfahren» – oder auf das eigene Genom angepasste Ernährungspläne.
Gastronomen sollten sich vielmehr mit Mikroorganismen beschäftigen, forderte Bernard. Die Bakterien, die im Magen und dem Darm arbeiten, seien «unser Supergenom» und für viel mehr im menschlichen Körper verantwortlich als bisher bekannt. Dieses Mikrobiom mit den 100 Billionen (!) Mikroorganismen – im Vergleich zu den 500 Millionen menschlichen Nervenzellen eine beeindruckende Zahl – beeinflusse das Bewusstsein, die Psyche, das Immunsystem, die Emotionen und die Intelligenz. «In der Entwicklung von personalisierter Ernährung liege damit sehr viel Potenzial», sagte Bernard.
Käse und «Öpfel»
Auflockerung am Forum brachte Stephan Feige, Unternehmensberater htp St. Gallen, der sein Projekt der Online Käse-Degustationen präsentierte. Wie man aus einem Hofladen einen erfolgreichen Webshop macht, erklärte Roland Kauderer von der Öpfelfarm. Diese wurde 1996 gegründet, als die Digitalisierung noch kein Thema war und sich die Technik damals noch auf einen Rollenfax beschränkt habe. Schon sechs Jahre später wurde ein Onlineshop erstellt. «Wir konnten uns damals nie vorstellen, dass der Webshop irgendwann unserem Hofladen gleichzusetzen ist, was den Umsatz betrifft», sagt Kauderer.