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«Wir haben zu viele Reben»

Als Leiter der Division Lebensmittelindustrie hatte Christian Consoni 2020 verschiedene Herausforderungen auf dem Tisch. Im Weinmarkt möchte er mit Provins neue Akzente setzen.

von wy

Wie ist die Division Lebensmittelindustrie durch 2020 gekommen? Wo hat sie Umsätze verloren, wo gewonnen? 
Die Division Lebensmittelindustrie ist recht breit aufgestellt. Das hat uns in der Corona-Pandemie geholfen. Insgesamt ist unser Umsatz leicht gestiegen, auch dank der Akquisition der Walliser Weinkellerei Provins. 
Dank dem Detailhandel konnte die Ernst Sutter AG den Umsatz steigern. Fenaco Landesprodukte profitierte vom Nachfrageanstieg bei Frischgemüse und Frischobst. Die Privathaushalte haben vor allem im März und April Kartoffeln, Rüebli und ähnliches in grossen Mengen gekauft. Den gleichen Effekt hatten wir bei der EiCo, wo wir teilweise mit Liefern von Schweizer Eiern nicht mehr nachkamen. 
Etwa gleich geblieben ist der Umsatz bei der Ramseier Suisse AG – da haben wir einen ausgeglichenen Umsatzmix von Detailhandel und Gastronomie. Was wir in der Gastronomie verloren haben, konnten wir im Detailhandel wettmachen. Auch im Bereich Wein sind wir relativ stark im Detailhandel. Das hat uns geholfen, den Umsatz etwa zu halten.
Frigemo hingegen generierte deutlich tiefere Umsätze, insbesondere im Bereich Pommes frites, wo das Geschäft fast ganz mit der Gastronomie erzielt wird. Hier haben wir wegen den zeitweisen Schliessungen 60 bis 70 Prozent verloren. Zum Beispiel liefern wir exklusiv Pommes frites für McDonald’s.
Die Frigemo produziert neben Pommes frites auch andere Tiefkühlprodukte und Frische-Convenience. Wie lief es da?
Verarbeitungsgemüse wie Erbsen sind nicht so problematisch, denn die Waren lassen sich länger halten. Bei der Frische-Convenience hingegen liefern wir zu 95 Prozent an Gastronomie-Kunden, da haben wir zwei, drei Monate lang stark gelitten. 
Trotz der schwierigen Lage haben wir die Ernte 2020 der Veredelungskartoffeln-Sorten Agria und Innovator angenommen und zu Pommes frites verarbeitet. Deshalb gehen wir nun mit grossen Lagerbeständen ins neue Jahr und brauchen heuer viel weniger Verarbeitungskartoffeln. Aus diesem Grund mussten wir auch nun auch Anbaufläche kürzen und Saatgut zurücknehmen. Die Speisekartoffeln hingegen sind dank dem Privatkonsum sehr gut gelaufen.
Zur Ramseier Suisse AG gehört nicht nur der bekannte Apfelsaft, sondern auch die Bierproduktion oder Elmer Citro. Wie lief es da?
Beim Bier profitierten wir stark, weil wir den kompletten Umsatz im Detailhandel generieren und nur Eigenmarkenbiere produzieren. Wir haben deshalb auf eine dreischichtige Produktion erhöht.
In Elm werden 80 bis 90 Prozent in der Gastronomie abgesetzt, dort mussten wir die Produktion zwei Wochen lang schliessen. Für die Gastronomie produzieren wir grösstenteils in Glasflaschen, die man im Detailhandel nicht verkaufen kann. Deshalb mussten wir rasch Glas runterfahren und PET hochfahren. Hinzu kommt ein negativer Margeneffekt, denn im Detailhandel setzt man zwar grosse Mengen um, erzielt aber eine kleinere Marge als in der Gastronomie.
Stark von der Schliessung der Gastronomie betroffen waren auch Ihre Handelsfirmen wie Gourmador, Marksteiner, Kellenberger, Bonfrais–Bongel, Culturefood oder Berger – wie schlimm?
Unsere Handelsfirmen waren alle stark getroffen, mit einem Umsatzverlust von 60 bis 80 Prozent. Der Handelsumsatz macht normalerweise rund ein Drittel des Umsatzes der ganzen Division aus. Wir sind stark in der Systemgastronomie – und beliefern Firmen wie SV oder ZFV, die auf Büroarbeitsplätze ausgerichtet sind. Da haben wir die Home-Office-Regelungen im Sommer und Herbst gespürt: Als die normale Gastronomie wieder öffnen konnte, lief es in den Kantinen immer noch nicht gut; wir haben das ganze Jahr gelitten. Am Anfang der Pandemie konnten wir viele Mitarbeitende nicht beschäftigen und beantragten deshalb für eine kurze Zeit Kurzarbeit. Wir haben aber bald einen internen Stellen-Pool geschaffen: Angestellte, die in der Frigemo, bei Ramseier oder im Gastronomiebereich weniger oder keine Arbeit hatten, konnten bei Volg oder Landi aushelfen.
Die Fenaco hat im letzten Jahr auch die Provins SA übernommen und spricht hier von einem «ansprechenden Jahr». Was heisst das konkret?
Wir wiesen einen Verlust von 22,7 Mio. Franken aus, davon waren 19 Millionen Restrukturierungs- und einmalige Kosten. Der Verlust beträgt also unter dem Strich 3,7 Mio. Franken. Wir konnten 2020 die Lager etwas bereinigen – auch dank der Deklassierungsmassnahmen des Bundes –, wir haben die eigenen Restaurants geschlossen und uns auf die Weinproduktion konzentriert. Wir zahlten alle Bankkredite zurück und haben die ausstehenden Zahlungen an die Weinbauern bezahlt. Damit sind wir gut gewappnet, um 2021 wieder die komplette Ernte annehmen zu können. Im letzten Jahr haben wir 8 Millionen Kilogramm Trauben angenommen. 
Und Sie hatten Glück, dass die Ernte 2020 nicht so gross war.
Ja, das hat der ganzen Weinbranche geholfen. Das Problem war, dass manche kleine Walliser Händler ihre Ernte 2020 schon verkauften, bevor sie eingeholt war. Sie zogen damit den Preis unnötig herunter. 
Fenaco ist im Weinmarkt neu ein grosser Player. Kann sie damit auch Änderungen anstossen? 
Das ist unser Ziel. Wir machen eine transparente Preispolitik und haben 2020 im Wallis erstmals die Übernahmepreise frühzeitig kommuniziert. Wir setzen uns insgesamt für mehr Transparenz im Markt ein und werden uns für eine starke nationale Branchenorganisation engagieren. In der Weinbranche gibt es national und kantonal viele Interessen und zu viele Verbände, und jeder schaut nur für sich. Viele Markteilnehmer sind daran interessiert, dass Geld vom Staat fliesst. Das verhindert eine Bereinigung der Strukturen, die jedoch nötig ist. Im Wallis treten wir deshalb aus der kantonalen Branchenvereinigung IVV aus, obwohl wir dort fast 20 Prozent Marktanteil haben. Das Vision des IVV ist immer noch eine Erhöhung der Rebfläche. Aus unserer Sicht gibt es im Wallis jedoch rund zehn Prozent zu viel Rebfläche! Für mich ist klar: In einem Markt mit tiefen Preisen das Angebot zu erhöhen, ist nicht der richtige Weg.
Was erwarten Sie für das laufende Weinjahr?
Wichtig ist natürlich, wie gross die Ernte ausfällt und ob es Erntebeschränkungen gibt. Wir haben das Glück, dass wir mit Landi und Volg Kanäle haben, in denen wir auch grössere Mengen von günstigem Wein verkaufen können.
Mit Belleroche haben wir einen Schweizer Wein im Tetrapak im Angebot, um den Absatz zu steigern und die Lagerbestände zu senken. So können wir deklassieren, ohne den Weinpreis kaputtzumachen. Kleinere Kelterer können das nicht, deshalb vermute ich, dass es im Sommer und Herbst wieder Panikverkäufe geben wird. Der Detailhandel wird davon profitieren. Falls wir 2021 aber eine Grossernte einfahren, werden manche Kellereien nicht mehr die ganze Ware annehmen und manche Weinbauer ihre Trauben vielleicht gar nicht verkaufen können. Diese Herausforderung müssen wir angehen.
Der Bund hat im letzten Jahr Deklassierung finanziert – ein guter Weg?
Deklassierungen lösen das Problem der ständigen Überproduktion nicht. Fakt ist: Wir haben zu viel Reben. Man müsste sich Gedanken machen, wie viel Rebfläche es in der Schweiz braucht, und dann mit Ausreissprämien das Überangebot zu senken. Die Forderungen, das Importkontingent für ausländischen Wein zu beschränken, ist aus meiner Sicht die falsche Lösung. Wir müssen uns dem Wettbewerb stellen. Denn wir glauben an das Potenzial des Schweizer Weins. Wir müssen nun beweisen, dass der Schweizer Wein von bester Qualität ist. Und nur so viel produzieren, wie getrunken wird. 
Was beschäftigt Sie als Divisionsleiter sonst noch?
Ganz klar die Mindesthaltbarkeitsdaten bei Getränken. Was in Glasflaschen produziert wurde und nicht verkauft werden kann, läuft irgendwann ab und muss abgeleert werden. 
Steigende Rohstoffpreise sind in manchen Branchen ein Thema. Für Sie auch?
Wir merken, dass gewisse Lieferanten Mühe haben, uns Dosen für die Abfüllung zu liefern. Im Verpackungsbereich werden wir darauf achten müssen, dass wir genügend Ware zu vernünftigen Preisen einkaufen können. 
Welche Herausforderungen erwarten Sie sonst?
Bei den Kartoffeln haben wir wie erwähnt die Anbaufläche bei den Verarbeitungskartoffeln massiv gekürzt. Wir müssen prüfen, wie viel von den Pommes frites in unseren Lagern noch verkauft werden können und dann die Lager neu aufbauen. 
Bei den Eiern ist ein Nachfragerückgang nach Schweizer Eiern möglich. Den Übergang von der hohen Produktion mit hohen Hühnerbeständen zu einer tieferen Produktion müssen wir hinkriegen. 
Und wir hoffen natürlich auf eine baldige Öffnung der Gastronomie und rechnen damit, dass es dann einen grossen Run geben wird. Die fenaco Genossenschaft zeigt sich solidarisch mit dem Schweizer Gastgewerbe und schenkt ihren 11’000 Mitarbeitenden einen Lunch-Check-Gutschein im Wert von 100 Franken.