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Klima: «Landwirtschaft muss proaktiv handeln»

Die Landwirtschaft ist für einen Teil der CO2-Emissionen verantwortlich, aber auch Opfer des Klimawandels. Entsprechend ist die Ablehnung des CO2-Gesetzes nicht nur ein Rückschlag für Parlament und Bund – die erneute Lösungsfindung bietet einer proaktiven Landwirtschaft aber Chancen, selber konkrete Lösungen an den Tisch zu bringen.

von Renate Hodel/lid

Die Landwirtschaft verursacht CO2-Emissionen, hat aber auch grosses Potential dieses zu binden: Ohne das abgelehnte Gesetz stellt sich nun die Frage, wie das Ziel der Treibhausgasreduktion erreicht werden kann. (Bild lid)
Der Klimawandel ist unbestreitbar und beeinflusst die Landwirtschaft. Und die Folgen seien vor allem negativer Art, meint Anne Challandes, Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbandes: «Trockenperioden oder Dürren, Fröste wie diesen Frühling und die in bestimmten Regionen auftretenden starken Regenfälle sind Beispiele für den Klimawandel. All diese Ereignisse können Schäden verursachen und die Ernten schmälern.» Die globale Erwärmung begünstigt weiter das Auftreten von neuen Krankheiten und Schädlingen in verschiedenen Kulturen und Wald, Kultur- und Grasland leiden immer mehr unter Trockenheit. Und Hitze sowie Wassermangel beeinträchtigt die Tiere. «An manchen Orten muss die Wasserversorgung neu organisiert werden, oft mit erheblichen Mehrkosten», bekräftigt Anne Challandes.
Klimafitte Bäume sind gefragt
Die Schweizer Landwirtschaft muss so immer erfinderischer werden, um mit dem Klimawandel Schritt zu halten und den durch den Klimawandel häufiger auftretenden extremen Wetterkapriolen die Stirn zu bieten: Durch die Klimaerwärmung kommen beispielweise Fichte und Tanne in den Schweizer Wäldern unter Druck. Die Forstwirtschaft hat darum angefangen, klimafittere und schädlingsresistentere Bäume wie die Douglasie zu fördern, welche die Klimastabilität des Waldes erhöhen können.
Beim Ackerbau wird ein durchdachtes und nachhaltiges Bewässerungsmanagement immer wichtiger und Toleranz sowie Resistenz gegenüber Hitze und Trockenheit spielen in der Wahl der Kultur und Sorte eine immer grössere Rolle. Es wird an neuen Anbaumethoden und nachhaltigen Produktionssystemen für den Klimaschutz getüftelt und in der Nutztierhaltung wird geforscht, wie die Landwirtschaft Emissionen von Nutztieren verringern und Klimaschutzfaktoren durch Haltung und Fütterung positiv beeinflussen kann.
Agrarinitiativen versus CO2-Gesetz
Mit dem Klimawandel Schritt zu halten reicht allerdings nicht: Die Landwirtschaft gehört sowohl auf die Verursacherseite, als auch auf die Opferseite des Klimawandels. Im Vorfeld der Abstimmungen haben sich die Landwirtschaftsverbände entsprechend gewillt gezeigt, ihren Beitrag zu leisten, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten: Der Schweizer Bauernverband, der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauenverband oder auch der Waldeigentümerverband WaldSchweiz haben sich allesamt für eine Annahme des CO2-Gesetzes an der Urne eingesetzt.
Das überarbeitete CO2-Gesetz hätte unter anderem den Einsatz von klimafreundlichen Heizungen wie Biogas oder Wärmeerzeugung aus Holz vorantreiben sollen und damit auch eine Chance für die Schweizer Landwirtschaft dargestellt. Die Ressourcen der Landwirtschaftsverbände im Abstimmungskampf galten aber vor allem den beiden Agrarinitiativen, beim CO2-Gesetz blieb es folglich bei Abstimmungsempfehlungen. Die am selben Tag zur Abstimmung kommenden Agrarinitiativen haben die ländliche Bevölkerung in grossem Masse mobilisiert und diese hat mehrheitlich trotz einer Ja-Empfehlung der landwirtschaftlichen Verbände stark mitgeholfen, das CO2-Gesetz zu versenken. Entsprechend enttäuscht zeigten sich in der Folge die Landwirtschaftsverbände.
Verpasste Chance?
Damit der Schaden des Klimawandels begrenzt werden könne, habe die Schweiz das Klimaabkommen von Paris ratifiziert, erklärt Hannah Hofer, Leiterin Energie und Umwelt des Schweizer Bauernverbandes (SBV). «Ohne das abgelehnte CO2-Gesetz stellt sich nun die Frage, wie dieses Ziel erreicht werden kann – der Klimawandel kann nur abgeschwächt werden, wenn alle Länder ihre Ziele erreichen», bedauert Hannah Hofer den Ausgang der Abstimmung. Und mit dem CO2-Gesetz hätte auch die Landwirtschaft Teil der Lösung sein können, meint Anne Challandes: «Die Ausgleichsmassnahmen, die der Landwirtschaft und den Bauernfamilien zugutegekommen wären, sowie die Bewertung von Leistungen zur Emissionsminderung, vor allem die Kohlenstoffbindung, sind vom Tisch.»
Instrumente laufen aus – rasche Lösungen gefordert
Mit dem Nein zum revidierten CO2-Gesetz hat die Schweiz kein messbares nationales Klimaziel über 2021 hinaus mehr und diverse Instrumente laufen Ende 2021 aus: So können sich Schweizer Firmen nicht mehr von der CO2-Abgabe befreien – davon habe im Moment unter anderem die Gemüsebranche profitiert, sagt Hannah Hofer. Weiter sind Treibstoff-Importeure nicht mehr verpflichtet, in Klimaschutzprojekte zu investieren und laufenden Klimaprojekten fehlt die Finanzierung. Es gibt auch keine Verpflichtung mehr, die Treibstoffemissionen zu kompensieren: «Womit auch die Förderungen von Biogasanlagen und anderen Kompensationsprojekten auslaufen», meint Hannah Hofer weiter. Damit bestehende Programme weitergeführt werden könnten, brauche es darum rasch politische Lösungen. Welche mittelfristigen Lösungen sinnvoll seien, müsse jetzt nach den Abstimmungen aber zuerst neu ausgewertet werden.
Schweizer Landwirtschaft ist gefragt
Es müssen also andere Lösungen her und die Schweizer Landwirtschaft müsse sich unbedingt einbringen, meint Anne Challandes: «So sind Boden, Kulturen und Grasland ja zum Beispiel eine wichtige Möglichkeit Kohlenstoff zu binden.» Nebst der Kohlenstoffbindung, könnten in der Landwirtschaft gleichzeitig Emissionen reduziert werden, sei es bei den Tieren direkt mit Futtermittel oder bei der Behandlung von Hofdünger – dazu gebe es bereits Wege und regionale Projekte. Daneben sei die Forschung weiterhin in allen Bereichen gefragt.
Elektrotraktoren? Noch Zukunftsmusik
Die Reduktionen in der Landwirtschaft seien allerdings sehr komplex, gibt Hannah Hofer zu bedenken. Beispielsweise fossile Emissionen könnten landwirtschaftliche Betriebe nicht so einfach ersetzen: «Gerade bei den Traktoren sind die Alternativen wie Elektroantriebe oder Gasantriebe noch nicht so weit entwickelt und verfügbar.» Daneben brauche die Landwirtschaft Anpassungen an die Auswirkungen des Klimawandels: So werde die Wasserverfügbarkeit in Zukunft eine grössere Herausforderung. Trotzdem, mit dem CO2-Senkenpotential von Böden, Biogas und der Produktion der erneuerbaren Energien sei die Landwirtschaft auch Teil der Lösung. Die meisten der genannten Massnahmen wären bereits als Teil der Lösung im revidierten CO2-Gesetz verankert gewesen. Nun beginnt der Tanz von vorne.
Die Landwirtschaft könne hier aber eine signifikante Rolle spielen, ist Anne Challandes überzeugt. Dafür brauche es lediglich die Anerkennung und Förderung all der Leistungen, welche die Landwirtschaft im Kampf gegen den Klimawandel erbringen könne und bereits erbringe. Die Schweizer Landwirtschaft müsse nun proaktiv handeln und selber mit konkreten Lösungsvorschlägen aufwarten.