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Schlechte Ernteaussichten treiben Kaffeepreis hoch

Nicht zuletzt wegen der Coronapandemie ist Kaffee erstmals nach einigen schwächelnden Jahren wieder teurer geworden. Und laut Experten dürfte die Kaffeerally noch eine Weile anhalten, denn das Wetter verheisst gleich zwei schwache Ernten.

von awp/sda

(Symbolbild Pixabay)
Eine Tasse duftender Kaffee am Morgen ist für viele das Lebenselixier schlechthin. Kein Wunder, war das Genussmittel auch während der Coronakrise gefragt. «Grundsätzlich ist die Nachfrage von Kaffee relativ konstant», sagt Jeffrey Hochegger, Anlagestratege bei Raiffeisen.
Trotzdem war während des Lockdowns ein Nachfragerückgang zu spüren: Dass die Konsumenten ihren Kaffee nun vermehrt zuhause statt im Café tranken, vermochte das wegfallende Ausser-Haus-Geschäft nicht zu kompensieren.
Preise klettern auf Mehrjahreshoch
Seit Jahresbeginn hat sich der Kaffeepreis allerdings deutlich erhöht, was vor allem auf die hauptsächlich in Brasilien angebaute Sorte Arabica zurückzuführen ist. Für diese Sorte wurde seit Ende Mai mehrmals die Marke von 1,60 US-Dollar pro Pfund geknackt – so viel hatte man zuletzt im Herbst 2016 gezahlt. Aktuell kostet ein Pfund Arabica-Kaffe 1,49 Dollar.
Der aus Arabica und der zweiten Sorte Robusta zusammengesetzte Preisindex der Internationalen Kaffee-Organisation (ICO) lag Ende Dezember bei 119,21 US-Cents pro Pfund, aktuell kostet ein Pfund Kaffee gemäss ICO-Index 138,24 US-Dollar. Das entspricht einem Plus von 16 Prozent.
«Der Kaffeepreis ist auch ein Profiteur der zunehmenden Öffnungsschritte», sagt Hochegger. Denn weil nun viele Länder die coronabedingten Beschränkungen langsam wieder aufheben, wird in Cafés und Restaurants wieder mehr Kaffee getrunken. «Dem gegenüber steht das Angebot, das im Moment verknappt wird», sagt Hochegger.
Niedrige Erträge schmälern Angebot
Die Erträge, die die Kaffeebauern im grössten Produktionsland Brasilien diesen Sommer ernten, dürften laut Marktbeobachtern ein Viertel tiefer ausfallen als im Vorjahr. Das hat mehrere Gründe: Erstens ist das Kaffeejahr 2020/21, das von November bis nach der Ernte Ende Oktober dauert, ein sogenanntes Niedrigertragsjahr, in dem sich die Bäume von den Strapazen des Vorjahres erholen und weniger Früchte produzieren.
Zweitens hat die lange Trockenheit im letzten Jahr manche Plantagen so geschädigt, dass auch die laut Commerzbank «akzeptablen» Niederschläge seit Ende 2020 die Ernteeinbussen nicht mehr ausgleichen können. In der Folge hätten sich viele Bauern dazu entschieden, dieses Jahr die Bäume zu schneiden, was ebenfalls zu Ertragseinbussen führt.
Zu den naturbedingen Einflüssen kommen noch die politischen Unruhen in Kolumbien hinzu, die laut der Commerzbank den Kaffeetransport erschweren.
Massive Trockenheit erwartet
Nach den schlechten Aussichten für die diesjährige Ernte sind auch die Aussichten für die nächstjährige Ernte, deren Produktion bereits begonnen hat, nicht gut. Und dabei haben auf dieser laut der Commerzbank-Analystin Michaela Helbing-Kuhl viele Hoffnungen geruht: Das Hochertragsjahr, besseres Wetter und eine höhere Ertragsleistung der Bäume nach dem Schnitt hätten für ein kräftiges Plus bei der Produktion sorgen sollen.
«Doch die anhaltend viel zu trockene Witterung droht dieses Szenario wie ein Märchen aussehen zu lassen», heisst es in einer Meldung der Commerzbank. Mehrere Behörden in Brasilien warnten kürzlich vor Wassermangel und Feuergefahr, besonders im für die Kaffeeproduktion wichtigen Paraná-Becken.
Die Aussichten auf eine noch schwächere Ernte im kommenden Jahr treibt die Preise: «Die Risiken nach oben sind bei unseren Preisprognosen in den letzten Wochen gestiegen», sagt Helbing-Kuhl. Ihr Institut rechnet für Arabica mit einem Preis von 130 US-Cent pro Pfund im vierten Quartal 2021, für Robusta mit 1300 US-Dollar pro Tonne.
Verbrauch übertrifft Produktion
Die ICO rechnet für das Gesamtjahr 2020/21 mit einer weltweiten Kaffeeproduktion von 169,6 Millionen 60-Liter-Säcken. Damit würde trotz dem Ernterückgang in Brasilien die letztjährige Produktion um 0,4 Prozent übertroffen. Zugleich erwartet die Organisation, dass der Konsum von Kaffee um 1,9 Prozent auf total 167,6 Millionen Säcke steigt.
«In den vergangenen Jahren wurde immer mehr produziert als konsumiert, darum gab es einen Preisdeckel auf dem Kaffeepreis», erklärt Jeffrey Hochegger. Doch die Überproduktion dürfte sich laut ICO nun deutlich schmälern: Der Überschuss 2020/21 wird auf 2,0 Millionen Säcke geschätzt, verglichen mit 4,5 Millionen Säcken im Vorjahr.
Für das folgende Jahr könnte die Nachfrage sogar die Produktion übertreffen. Laut Commerzbank rechnen die Handelshäuser Volcafe, Sucden und Marex Spectron unter dem Strich mit einem Defizit von mehreren Millionen Säcken. Für das Jahr 2021/22 erwartet die ICO deshalb ein «angespanntes Verhältnis von Angebot und Nachfrage». Ob der Espresso im Restaurant oder der Latte Macchiato im Café dadurch teurer werden, wird sich zeigen.