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Was bis 2050 passieren muss

Wie muss die Landwirtschaft im Jahr 2050 aussehen, wie muss der Konsum in 30 Jahren aussehen? Diese Fragen wurden an einer Veranstaltung am Rheinhof diskutiert, mit einem Schwergewicht auf Pflanzenzucht.

von wy

Dr. Bernard Lehmann, Ex-Direktor BLW.
Einen Blick weit in die Zukunft wagte die Veranstaltung «Vision Landwirtschaft 2050», die am 3. Juni am Landwirtschaftlichen Zentrum Salez SG und online stattfand. Was muss passieren, damit bis ins Jahr 2050 nicht nur über 10 Milliarden Menschen weltweit genug zu Essen haben, sondern auch der Klimawandel gemildert und die Produktion nachhaltiger werden kann? Die Frage ist nicht ganz neu, sie wurde – mit wechselnden Jahreszahlen – auch an anderen Veranstaltungen schon gestellt. 
Prof. Bernard Lehmann, ehemaliger Direktor des Bundesamtes für Landwirtschaft und heutiges Mitglied des Expertengremiums beim Komitee für Welt-Ernährungssicherheit der FAO, gab ein paar – nicht ganz neue – Antworten: Fleischkonsum und -produktion insbesondere mit Kraftfutter sollte reduziert werden, Food Waste in Industrieländern und Food Loss in Entwicklungsländern sollte reduziert werden, auf die Graslandwirtschaft mit Wiederkäuern kann entgegen mancher veganer Radikalforderungen nicht verzichtet werden, und die Produktion muss Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit und Wasservorkommen bewahren sowie Treibhausgase vermindern. Viele dieser Ziele seien mit den Sustainable Development Goals der UNO formuliert, sagte Lehmann. «Ohne gravierende Änderungen werden wir diese Ziele nicht erreichen können.»
Bio allein ist auch keine Lösung
International sieht Lehmann die Schweiz durchaus als Vorbild: Der Artikel 104a zur Ernährungssicherheit in der Schweizer Bundesverfassung enthalte vieles von dem, was für die Zukunft nötig sei. Der Artikel diene weltweit als Vorbild, weil der Umgang mit den Ressourcen geregelt sei, weil sowohl der Konsum wie auch grenzüberschreitende Handelsbeziehungen mit einbezogen würden.  
Ausführlich diskutiert wurde über künftige Aufgabe der Pflanzenzucht. Markus Kobelt vom Gartenpflanzen-Lieferanten Lubera in Buchs SG plädierte für Diversität und dafür, dabei mit einer möglichst breiten Basis zu arbeiten. Experimentierlust sei wichtig fand er, viele klassische Methoden in der kommerziellen Zucht, aber auch das Marker-assisted Breeding oder CRISPR-CAS seien zwar hilfreich, um bestimmte Eigenschaften zu verbessern, aber nur «Varianten des Gleichen». Auch Neophyten seien nicht immer schlecht, fand er, manchmal seien sie eher Förderer der Diversität.
Karl-Heinz Camp von der Saatgutfirma Delley DSP AG wies auf die grossen Fortschritte in der Zucht hin. Mit der genomischen Selektion, wo man gemeinsam mit der ETHZ und Agroscope ein Projekt durchgeführt habe, könne man die Züchtung stark beschleunigen. Um diese Methode im grossen Stil anzuwenden, brauche es dann aber auch mehr Biostatistiker und nicht nur Pflanzenzüchter. Bei der molekularen Analytik sei der Fortschritt enorm, die Kosten würden ständig sinken. 
Werkzeuge, die nicht benützt werden
In der Podiumsdiskussion, die von der NZZ-Redaktorin Angelika Hardegger kompetent geleitet wurde, ging es unter anderem um den Selbstversorgungsgrad. Martijn Sonnevelt, Leiter des World Food System Center an der ETH Zürich, hielt eine gewisse Abhängigkeit von Importen für unvermeidbar – während der Corona-Pandemie habe es trotzdem es kaum Versorgungsprobleme bei Lebensmitteln gegeben.
Lehmann sagte, man dürfe die 45 Prozent der Lebensmittel, die importiert werden, nicht verteufeln, sie seien notwendig, weil die Schweiz ein sehr dicht besiedeltes Land sei. Der Selbstversorgungsgrad hänge ja auch von den Konsumgewohnheiten ab. «Wenn die Menschen ihre Menüs ändern, steigt der Selbstversorgungsgrad automatisch an.»
Auch bei der Saatgutproduktion sei es weder denkbar noch sinnvoll, dass die Schweiz alles selber mache, sagte Gabriele Schachermayr, Vizedirektorin im Bundesamt für Landwirtschaft. Man habe zwar kürzlich beschlossen, neu Rapssaatgut in den Notvorrat aufzunehmen, weil die Schweiz hier vollständig abhängig sei. Man müsse aber dort investieren, wo man bereits eine eigene Produktion habe und die Ressourcen sinnvoll einsetzen. 
Ein Thema war auch das anhaltende GVO-Moratorium. Hier sei eben die Frage, was als GVO definiert werde, sagte Karl-Heinz Camp. Der Europäische Gerichtshof habe 2018 entschieden, dass neue Methoden wie CRISPR-CAS als GVO definiert werden, inzwischen habe aber die Züchter-Lobby Druck gemacht und es sei eine Wiedererwägungs-Diskussion im Gang. Wenn man künftig den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduzieren wolle, sei es schade, wenn man diese Werkzeuge, die eigentlich zur Verfügung stünden, dafür nicht nützen könne.
Kobelt fand, er hätte zwar kein Problem, wenn neu CRISPR-CAS zugelassen würde, aber viele Konsumenten und Hobbygärtner seien natürlich sehr skeptisch. Er befürchte aber, dass damit die kreative Züchtung noch stärker ins Hintertreffen komme. «Man sollte immer das Abweichende und Andere im Auge behalten – nicht nur das Bessere.» 
Wer treibt die Entwicklung?
Hardegger fragte: Gibt es und braucht es politische Instrumente, um das Einkaufsverhalten der Konsumentinnen und Konsumenten zu ändern? Martijn Sonnvelt plädierte dafür, dass jede und jeder Konsument selber bewusster einkauft und sich bewusster verhält. Lehmann wies darauf hin, dass bei den Grossverteilern, aber auch bei Verarbeitern in den letzten zehn Jahren jüngere Kaderleute ans Ruder gekommen seien, die neue Impulse in Richtung Nachhaltigkeit gäben und die Konsument durchaus auch erziehen würden. «Das sollte man mit der Politik nicht wieder im Keim ersticken.» 
Wenn der Bund einen Schritt mache, dann verlangsame sich die Entwicklung auf der Marktseite, das sei eine schwierige Gratwanderung. Immerhin sei es ja auch so, dass viele Konsumenten mit der «Pestizid-Initiative» sich selber vorschreiben wollten, nur noch bio zu konsumieren. «Ich weiss gar nicht, ob sich die Leute dessen bewusst sind.»
Für Kobelt war klar: Die Biopreise und auch konventionelle Preise seien, verglichen mit den Nachbarländern, in der Schweiz zu hoch. «Migros und Coop sind einfach zu teuer.» Und Lehmann wies darauf hin, dass dafür nicht nur das Duopol Coop-Migros verantwortlich sei. Wenn Bio Suisse die Knospe für Aldi oder Lidl nicht freigeben wolle, sei das genauso eine Verhinderung von Wettbewerb.