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«Hard Seltzer ist kein Alcopop»

Wegen Corona hat sich das Trendgetränk Hard Seltzer in der Schweiz bisher nicht durchgesetzt. Die grossen Player könnten das ändern – und damit auch Nischen für kleine Produzenten schaffen.

von mos

Gurkenwasser, Matcha-Energydrink, Bier aus Hawaii: Oliver Niederer kennt sich aus mit Lifestyle-Getränken. Seine Zürcher Firma Introdrink importiert und vertreibt sie über die Gastronomie und den Handel. Niederers neuster Streich: sein eigenes Hard Seltzer namens RAW, das er zusammen mit der Interlakener Brauerei Rugenbräu Anfang Juni lanciert hat. In den USA boomen Hard Seltzer, sprudelt das Geschäft in der Schweiz bald genauso? «Die Ausgangslage ist jedenfalls sehr gut», sagt Niederer. «Hard Seltzer bedient alle aktuellen Trends: Es hat wenig Alkohol, wenig Kalorien, kaum Zucker, keine Kohlenhydrate, natürliche Aromen und ist glutenfrei und vegan.»
Ein boomender Markt
Doch der Reihe nach. Hard Seltzer? Das ist Blöterliwasser mit Alkohol und Fruchtaromen – wörtlich übersetzt «hartes Sprudelwasser». Der Alkoholgehalt ist mit durchschnittlich 5 Volumenprozent ähnlich hoch wie beim Bier. Das erste Hard Seltzer kam 2013 in den USA auf den Markt, seit 2019 explodieren in den USA die Verkäufe der als Wellness-Getränk vermarkteten Hard Seltzer («low carb») regelrecht – während der Bierkonsum zurückgeht. Seit über einem Jahr stehen auch Schweizer Start-ups wie Sunday Seltzer, Yeaah oder Sparklys parat, um die Welle zu reiten. Durchgestartet ist das Getränk hierzulande bisher aber nicht. «Hauptsächlich wegen Corona», sagt Niederer. «Hard Seltzer ist ein Sommerprodukt, das an Festivals und Partys getrunken wird – das gab es letztes Jahr alles nicht.» Auch seien keine Reisen in die USA möglich gewesen. «Die Leute konnten den Trend nicht in den USA erleben und nach Hause bringen.»
Dieses Jahr könnte den Durchbruch bringen. Denn neben den Start-ups sind seit kurzem auch die grossen Player auf dem Schweizer Markt aktiv. Seit Ende Mai ist der US-Marktführer White Claw bei Coop gelistet, ebenso ein Smirnoff-Produkt. Und Coca-Cola lanciert sein Topo Chico auch in der Schweiz. Niederer sieht den Markteintritt der Grossen positiv. Nur sie hätten das Geld, um die neue Kategorie mit Werbung bekannt zu machen. Und das sei nötig. «Viele Leute wissen gar noch nicht, was Hard Seltzer ist.» Habe sich die Kategorie erst einmal etabliert, bleibe genug Platz in den Nischen für kleine Produzenten, ist Niederer überzeugt. Über Aromen und Verpackung («Das Auge trinkt mit») könne man sich von der Konkurrenz abheben. RAW gibt es als «Pink Grapefruit» und mit Ananas-Aroma. «Ananas haben viele gerne, aber man findet es kaum in Getränken», erklärt Niederer die Wahl. 
Interessant für Brauereien
Produziert und abgefüllt wird RAW von der Brauerei Rugenbräu in Interlaken. Auch andere Brauereien wollen sich das Geschäft mit der Bieralternative (siehe «mehr zum Thema») nicht entgehen lassen. Die Waadtländer Craft-Brauerei Dr. Gab’s macht ihr eigenes Hard Seltzer, die Brauerei Locher ist Lohnabfüllerin für Yeeah. Die Brauereien hätten das Know-how und die nötigen Anlagen, um Hard Seltzer zu produzieren und abzufüllen, erklärt Niederer. 
Es gibt zwei Produktionsarten. Entweder wird, wie beim Bier, eine Zuckerlösung zu Alkohol vergärt. Dieser Bieralkohol werde geringer besteuert als reiner Alkohol, so Niederer. «Aber man bringt den Hefegeschmack nicht ganz weg.» Niederer setzt daher auf die zweite Methode, bei der das aromatisierte Mineralwasser mit Trinkalkohol versetzt wird – «höher besteuert, aber geschmacksneutral». 
Für den Start hat Niederer 50000 Flaschen à 3,3 dl produzieren lassen. In einem ersten Schritt will er sein Hard Seltzer in der Gastronomie etablieren. Von dort, hofft er, schafft es später auch den Sprung in den Detailhandel.