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Die Schweiz soll zur FoodTech-Nation werden

In der Schweiz gibt es viele innovative Lebensmittelhersteller, Start-ups, Forscher und Investoren. Christina Senn-Jakobsen möchte mit Swiss Food and Nutrition Valley die Akteure besser vernetzen.

von wy

«Die Schweiz muss helfen, eine planetarische Krise zu bewältigen», sagt Christina Senn-Jakobsen, SFNV-Geschäftsführerin.
«Wir sind hier in der Schweiz an der Spitze der Lebensmittel- und Ernährungsinnovation», sagt Christina Senn-Jakobsen. «Und wir haben die Pflicht, unser Wissen, unsere Expertise und unsere Ressourcen mit anderen Ländern auf der ganzen Welt zu teilen.» Christina Senn-Jakobsen ist Geschäftsführerin des Swiss Food Nutrition Valley, einer Organisation mit dem Ziel, innovative Akteure im Schweizer Agro- und Foodbereich miteinander zu vernetzen. Ihre Vision: Die Schweiz soll international für diesen Bereich als Innovationsmotor und als wichtiger Standort wahrgenommen werden, so wie heute das Silicon Valley, die Niederlande mit dem Food Valley in Wageningen oder Israel mit seinen vielen Start-ups.
Die Grundlage, um dieses Ziel zu erreichen, sei da, sagt Christina Senn-Jakobsen. Man habe mit Nestlé, Givaudan oder Firmenich grosse und innovative Lebensmittel- und Aromenhersteller im Lande. Auch weitere internationale Player wie ADM, DSM oder Unilever seien hier stationiert. Mit der ETH Zürich und der EPF in Lausanne sei die Schweiz ein ausgezeichneter Forschungsstandort. Und schliesslich gebe es eine Vielzahl von Start-ups, welche an den drängenden Fragen der Lebensmittelproduktion arbeiteten und innovative Produkte und Lösungen entwickelten. Aber auch Unterstützer und Investoren seien in der Schweiz vorhanden, um zu vernetzen oder Mittel zu beschaffen. Und schliesslich gehe es auch darum, die Politik auf Kantons- und Landesebene miteinzubeziehen, um Rahmenbedingungen zu verbessern.
Mithelfen, eine planetarische Krise zu bewältigen
Dass die Schweiz zum Hot-Spot für AgroTech und FoodTech werden kann, ist für Christina Senn-Jakobsen nicht Selbstzweck. Vielmehr gehe es darum, dass die Schweiz dabei helfe, eine planetare Krise zu bewältigen, in der die Menschheit stecke: «Lebensmittel sind die grössten Sünder, wenn es um die Zerstörung unseres Planeten und der menschlichen Gesundheit geht», sagt sie. «Ein Drittel der Lebensmittel wird verschwendet, und wir müssen dringend unseren Verbrauch an tierischen Produkten senken, die Verarmung der Böden und den Plastikmüll bekämpfen.» Dazu komme, dass fast zwei Milliarden Menschen übergewichtig seien und fast drei Milliarden Menschen sich keine gesunde Ernährung leisten könnten.
Swiss Food and Nutrition Valley hat seine Wurzeln in der Waadt und wurde im letzten Jahr vom Kanton Waadt, der EPF Lausanne, Nestlé und der Hotelfachschule EHL Lausanne gegründet. Christina Senn-Jakobsen ist seit Anfang Jahr dabei.
Als erstes wollte sie einen Überblick erhalten über das «Ökosystem Schweiz», sagt sie, also über alle Player im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion und der Lebensmittelproduktion. Dafür konnte sie das Beratungsunternehmen Accenture gewinnen, das einen entsprechenden Bericht erstellte. In dem Bericht wird dargestellt, welche Akteure in der Schweiz vorhanden sind, welche Bereiche hohe Investitionen anziehen und wie sich diese Bereiche entwickeln.
Viele interessante Player
Am 9. Juli wurde der Bericht in einem Online-Anlass den interessierten Kreisen vorgestellt. Dabei wurden einige interessante Fakten präsentiert. So wurden über 130 Partner und mehr als 120 Schweizer Start-ups im Agro- und Food-Bereich identifiziert. Ferner gebe es 25 Venture Capital Investoren im Agrar- und Foodbereich.
Als wichtigste Themen werden in dem Bericht Precision Farming, nachhaltige Proteine, Recycling und Upcycling sowie Transparenz und Rückverfolgbarkeit genannt. Nach einer ersten Investitionswelle in den Bereich innovative Lieferdienste zeige sich, dass die nächste Investitionswelle im Bereich im Bereich AgroTech und FoodTech erfolge.
Als positiv erachtet Accenture die Tatsache, dass die Schweiz in den letzten Jahren als innovativstes Land gekürt wurde und als drittbester Standort für Start-ups im 2020. Auch die Zahl der Patente pro Kopf ist in der Schweiz so hoch wie sonst nirgends, der Anteil der AgroTech- und FoodTech-Patente ist hoch.
In der Schweiz wurden in den letzten fünf Jahren 5,35 Milliarden Franken in Start-ups investiert, allerdings stammt ein grosser Teil davon aus dem Finanz-, Medizin oder Biotech-Bereich. Der Bereich FoodTech macht nur gerade drei Prozent davon aus.
Wenig Anreize für Investoren
Viele Patente stammten tatsächlich aus dem FoodTech-Bereich, aber es werde zu wenig daraus gemacht, fand William Bowdler-Raynar vom Schweizer Investmentberater Investment Circle. Das hänge nicht zuletzt damit zusammen, dass das Umfeld für Investoren zu wenig attraktiv sei. «Das politische System ist dominiert von Lobbies, der Markt ist dominiert von zwei grossen Detailhändlern.» Das mache es schwierig, eine AgroTech- und FoodTech-Mentalität zu etablieren.
Die Schweiz gebe öffentliches Geld in erster Linie für Agrarsubventionen aus statt für Investitionen in die Zukunft, sagte Bowdler-Raynar. Das Land habe einen kleinen, hoch regulierten Foodmarkt und sei mit insgesamt 6,2 Milliarden pro Jahr auf Rang zehn der Länder mit den höchsten Agrarsubventionen.
In Israel hingegen kämen auf jeden Dollar, der privat in Start-ups investiert werde, sechs Dollar vom Staat, sagte Bowdler-Raynar. In Grossbritannien könnten 30 Prozent von Investitionen oder Verlusten mit Start-ups von den Steuern abgezogen werden. «Solche Anreize für Investoren braucht es auch in der Schweiz.»
Mehr auf nachhaltige Proteine setzen
Auch David Brandes von Peace of Meat, einem Start-up, das auf Kultivierung von tierischen Fettzellen spezialisiert ist, hat seine Firma in Belgien gegründet, wo die Regierung Start-ups aktiv unterstützt. Belgien biete ein sehr Foodtech-freundliches Umfeld, meinte Brandes. Er betonte, dass die Tierproduktion, die auch in der Schweiz in seinen Augen ein zu grosses Gewicht hat, grosse Umweltprobleme schaffe. Als Land, das eine hohe Kaufkraft habe und im Prinzip unabhängig sei von EU-Regulatorien, könne die Schweiz eine wichtige Rolle spielen bei der Entwicklung von nachhaltigen Proteinen.
Auf die Frage von Christina Senn-Jakobsen, was er mit einer Milliarde Franken tun würde, wenn er sie zur Verfügung hätte, sagte Brandes, er würde 500 Millionen in Infrastruktur für die Produktion von fermentierten und kultivierten Proteinen investieren und 500 Millionen, um die Bauern zu unterstützen, die sich auch anpassen müssten.
Infrastruktur wäre da
Alexander Bastos, Innovationschef beim Aromenhersteller Givaudan, sagte, es gebe in der Schweiz viele innovative Talente und man habe innerhalb von nur 200 Kilometern alles an Infrastruktur und Know-how, was es brauche, um Innovationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu testen – aber es fehle an der entsprechenden unternehmerischen Kultur. Viele Universitätsabgänger würden eine «normale Karriere» in der Industrie einschlagen, das hänge mit fehlenden Anreizen und fehlender Unterstützung zusammen. In den Niederlanden, den USA oder Israel gebe es eine entsprechende Start-up-Kultur. Givaudan versuche hier zu unterstützen, sei aber erfreut, dass Swiss Food and Nutrition Valley die Initiative ergreife.